19:49 23 Oktober 2018
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    Anatoli Karpow beim Deutsch-Russischen Schachturnier im Bundestag

    Ex-Schach-Weltmeister Karpow: In Deutschland ist es sehr schlecht um Presse bestellt

    © Sputnik / Armin Siebert
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    Anatoli Karpow hat an der Spitze einer Delegation der russischen Staatsduma (Parlamentsunterhaus) an einem Hobby-Schach-Turnier im Bundestag teilgenommen. Sputnik sprach mit dem 12. Weltmeister.

    Welchen Eindruck haben Sie nach dem Besuch im Bundestag?

    Die Atmosphäre war sehr gut. Wir trafen uns wie alte Freunde. Wir alle mögen Schach.

    Warum haben sie ausgerechnet Die Linke um die Organisierung dieser Veranstaltung gebeten? 

    Ich habe meinen Vorschlag an den Bundestag geschickt. Sie (Die Linke – Red.) haben wahrscheinlich als erste darauf reagiert.

    Warum organisieren Sie solche Veranstaltungen in verschiedenen Ländern? Was ist Ihr Ziel?

    Ich denke, das ist eine der gute Form, miteinander zu reden und Kontakte herzustellen, an denen es heute nach meiner Meinung akut mangelt. Denn selbst während des Kalten Krieges hat es in der medialen Berichterstattung nicht so viel Parteilichkeit gegeben wie heute. Objektivität wie es sie einst gab ist nicht mehr da. Wichtig ist aber, dass wir vor gemeinsamen und ernsthaften Problemen stehen und uns zusammenschließen müssen, um denen zu begegnen.

    Gilt das für den gesamten Westen oder einzelne Länder?

    Was die Presse anbetrifft, so denke ich, dass es in den USA, in Großbritannien und Deutschland am schlimmsten um die Presse bestellt ist. Diese drei Länder zeichnet eine besondere Einseitigkeit aus. In Frankreich gibt es etwas mehr Meinungsvielfalt, in Spanien und Italien sogar deutlich mehr. Sanktionen und Ultimaten sind für mich etwas aus einer anderen Welt. Beziehungen verderben ist leicht, sie wieder verbessern schwer. 

    Kommt unter allen Partnern Russlands in Europa den Beziehungen zu Deutschland eine besondere Rolle zu – mit Blick auf die Geschickte und die führende Rolle der Bundesrepublik in Europa?

    Nach dem Brexit wird die Führungsrolle der deutschen Wirtschaft in Europa sicherlich noch deutlicher. Aber ich denke, es liegt im Interesse aller europäischen Länder, die wirtschaftlichen Beziehungen zu entwickeln, statt sich gegenseitig unter Druck zu setzen. Diesen Weg brauchen wir nicht. Sondern wir brauchen mehr Verständnis und Entwicklung. Europa braucht Russland und Russland Europa.  

    Trotz Sanktionen ist im russisch-deutschen Handel eine kräftige Belebung zu verzeichnen. Der russische Energiegigant Rosneft etwa hat unlängst in Berlin ein Büro eröffnet. Lassen sich die politischen Wogen durch die Wirtschaft glätten?

    Bereits der Klassiker der Wirtschaftslehre, Karl Marx (lächelt), sagte, dass Politik ein konzentrierter Ausdruck der Ökonomie ist. Natürlich verbessern starke wirtschaftliche Verbindungen auch das politische Klima.

    Helfen Ihnen Ihre Schacherfahrungen in der Politik und wie?

    Ja, und sehr sogar. In Schach habe ich es gelernt, mit Informationsquellen zu arbeiten, zu analysieren, Schwächen und Stärken des Gegners richtig einzuschätzen und mit den eigenen Schwächen und Stärken zu vergleichen. Nur so kann man sich ein objektives Bild machen und richtige Entscheidungen treffen. Auch in der Politik muss man Stärken und Schwächen deines Gegenübers sehen und objektiv einschätzen können.

    Haben Sie schon mal mit dem russischen Präsidenten Schach gespielt?

    Nein. Er spielt kein Schach, zumindest öffentlich nicht. Aber er unterstützt die Popularisierung von Schach. Vor rund zwei Wochen erließ die russische Regierung eine Rechtsverordnung, wonach es in zwei Jahren an allen russischen Schulen Schachunterricht geben soll.

    Unterhalten Sie Kontakt zu Ihrem einstigen Kontrahenten Garry Kasparow und was halten Sie von seinen politischen Ansichten?

    Er lebt schon seit sieben Jahren in New York. Zuletzt haben wir uns vor drei Jahren während der Welt-Schach-Olympiade in Norwegen gesehen.

    Sprechen Sie mit ihm über Politik?

    Wir haben unterschiedliche politische Ansichten und sprechen miteinander nicht über Politik. Aber in Schach stimmen unsere Ansichten weitgehend überein. Er bemüht sich um eine Popularisierung von Schach, auch ich tue das. Wir sehen Probleme, die es beim Weltschachverband gibt, ähnlich.

    Interview: Armin Siebert

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    Tags:
    Turnier, Besuch, Schach, Interview, Bundestag, Staatsduma, Anatoli Karpow, Wladimir Putin, Deutschland, Russland