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    Sex per Formular und DIN-konform? Informatiker karikiert Ordnungswahn

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    Gesellschaft
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    Was passiert, wenn man das Klischee vom deutschen Regelfanatismus im Ernst auf das Liebesleben überträgt? Das hat sich der Informatiker Hermann Höhne gefragt. Heraus kam eine Vereinbarung, die nach Ansicht des Autors so absurd ist, dass man darüber nur lachen kann – und die der Netzcommunity derzeit Freude bereitet.

    Hermann Höhne ist nicht einfach ein Informatiker aus Hamburg, er ist auch ein Mensch, der sich die großen Fragen stellt. So quälte ihn bei einer Forumsdiskussion zur sexuellen Selbstbestimmung folgendes Problem:  „In unserer Gesellschaft ist das intime Zusammenleben mit viel Unausgesprochenem verbunden.“ Das könne zu falschen Erwartungen, zu Enttäuschungen und auch Fehlgriffen führen, die eine harmonische Situation schnell entgleisen lassen.

    Da überlegte sich Höhne: „Jetzt stellen wir uns einmal vor, wie das wäre, wenn man tatsächlich über jedes Detail von Sexualität reden würde und da überhaupt kein Bauchgefühl dabei wäre. Dann würden Formulare und Vereinbarungen wie diese vielleicht Realität sein.“

    Angeleitet hat Höhne dabei das Klischee, dass in Deutschland überhaupt alles geregelt sei. Und so entstand das Formular, das unter dem Namen „Fummelvereinbarung“ derzeit soziale Netzwerke erfreut:

    Sex-Formular von Hermann Höhne
    © Foto : Scankopie
    Sex-Formular von Hermann Höhne

    Das Formular ist in vielen Punkten so förmlich, dass Liebe zu einem richtliniengeleiteten physikalischen Prozess verkommt. So heißt es, dass die Vereinbarung „konform mit Penetrationsform DIN 4094-2“ sei. Und die ist nicht etwa erfunden, höchstens eigenwillig angewendet, wie der Autor erklärt: „Diese Form schreibt eigentlich vor, wie ein Boden durch Penetration, also das Eindringen einer Rammsonde gemessen werden kann.“ Im Original stehe wörtlich: „Wenn schon bei dem ersten Rammen die Bohrsonde um 15 Zentimeter eindringt, dann ist von weiteren Stoßversuchen abzusehen.“ Also eigentlich eine traurige Regelung.

    Auch Berührungen werden im Formular klar gemaßregelt. Im Vordergrund steht die Frage, wann etwa eine wohlgemeinte Massage in fahrlässige Körperverletzung übergeht. Hierzu erkundigte sich Höhne bei Physiotherapeuten und fand auch da eine Vorgabe für die maximal zumutbare Festigkeit einer Berührung, bevor man gegen das Strafgesetzbuch verstößt. Höhne merkte an, dass er sein Formular in diesem Punkt ausbauen möchte, denn schließlich gibt es auch Praktiken, bei denen die Partner sich festere Berührungen wünschen. Um das zu ermöglichen, muss man natürlich etwas ankreuzen können und zwar den Punkt „Ich willige in Köperverletzungen gemäß Strafgesetzbuch ein“.

    Auf die Frage, ob ihn das Konzept des „affirmative consent“ (zu Deutsch etwa: zustimmende Übereinkunft) aus den USA bei seinem Formular inspiriert habe, lacht Höhne überrascht. Er habe davon noch nichts gehört. Was hingegen sein Formular betrifft, ist der ernsthafte Einsatz davon in Deutschland noch sehr eingeschränkt. Lediglich zwei Leute hätten ihm Fotos von ausgefüllten Formularen zugeschickt. Ob die Handlungen danach wirklich stattgefunden haben, steht ebenfalls nicht fest.

    Höhne selbst sagt zu seinem Formular: „Dass das absurd ist, erkennt man daran, dass man darüber lachen kann.“ Ist also die Fummelvereinbarung ein kleiner Scherz am Rande oder doch vielleicht etwas, das auch einmal im Ernst kommen könnte? Oder ist die App aus den USA we-consent, bei der man das Einverständnis sogar mit der Videokamera aufzeichnen soll, auch ein besonders gelungener Fall von Satire?

    Das komplette Interview zum Nachhören:

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    Tags:
    App, Sex, Regelung, IT, Hamburg, Deutschland