07:54 20 August 2017
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    Informatiker warnt: WhatsApp-Gesetz bahnt Weg für Massenüberwachung und Missbrauch

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    Die Überwachung von Social Media-Diensten wie Whatsapp kann Regierungen Massenüberwachung ermöglichen. Das wiederum birgt die Gefahr des politischen Missbrauchs. So schätzt der österreichische Informatiker Christian Gras die aktuellen Pläne der Regierungen ein. Den Nutzen gegen den Terrorismus hält er dagegen für gering.

    In Österreich und in Deutschland versuchen die Regierungen, noch in diesem Sommer Gesetze zur Überwachung von Messenger-Diensten wie WhatsApp durchzubringen. Viele befürchten, dass hier der Schaden größer sein wird als der Nutzen. Einer von ihnen ist Christian Gras, Informatiker und IT-Fachmann aus Österreich. Er hat deshalb einen Offenen Brief gegen den Gesetzentwurf an den österreichischen Bundesinnenminister Wolfgang Sobotka geschrieben.

    Sein Hauptbedenken beschrieb er im Gespräch mit Sputnik so: „Wenn man einmal die Möglichkeit hat, alles und jeden zu überwachen, gibt es keine Garantie mehr, dass es nur gegen Terrorismus zum Einsatz kommt.“ Der Gesetzentwurf leiste einer Massenüberwachung Vorschub, da dort beim Punkt „Internetbasierte Kommunikation“ die Formulierung „bei Vorliegen eines Anfangsverdachts“ fehle. Das würde den großflächigen Einsatz eines sogenannten Staatstrojaners ermöglichen, warnte Gras. Diese Software wird auf einem Zielrechner installiert, um verschlüsselte Kommunikation abzufangen, bevor sie versendet wird – und das ohne Anfangsverdacht.

    Software kann in falsche Hände geraten

    Auf solche Weise könnten sich auch totalitäre Überwachungsregimes etablieren, befürchtet der Informatiker: „Eine Regierung bleibt meistens für vier Jahre, nur die Software bleibt für immer. Und wer weiß, was die nächste Regierung damit anstellt oder die übernächste? Die nächste Regierung behauptet dann vielleicht: Wenn man zu regierungskritisch ist, sollte man überwacht werden – und dann hat das nichts mehr mit Terrorismus zu tun.“ Außerdem mache die Überwachung nicht etwa bei WhatsApp und anderen ähnlichen Kommunikationsplattformen halt. Da Terroristen kreativ sind und selbst Chats in Spielekonsolen für ihre Kommunikation gebraucht haben, müsste konsequenterweise am Ende jeder Kommunikationskanal überwacht werden, so Gras.

    Eine weitere Gefahr sieht er darin, dass die Software in falsche Hände gelangen könnte und Hacker damit große Schäden anrichten könnten. Das jüngste Beispiel seien dabei die NSA-Werkzeuge, die in die Hände einer nordkoreanischen Hackercrew gefallen sind und zur weltweiten Wannacry-Attacke geführt hatten.

    „Wer alles überwacht, erkennt nichts“

    Aber auch den Nutzen solcher Neuerungen stuft der Informatiker nicht als zu hoch ein. Die letzten Täter seien allesamt Einzeltäter gewesen und nicht Teile von Netzwerken. „Ich glaube nicht, dass Einzeltäter dafür bekannt sind, großartig zu kommunizieren“, kommentierte Gras diesen Fakt und schlussfolgerte: „Was soll man überwachen, wenn es nichts zu überwachen gibt?“ Das Vorhaben werde dem Zweck nicht gerecht, denn eine sinnvolle Filterung so großer Datenmengen sei nicht möglich. Das habe Edward Snowden gezeigt, erinnerte der Informatiker: „Wenn man alles überwacht, wird man irgendwann gar nichts mehr finden. Das kann nicht funktionieren.“

    Am ehesten noch sei der Sinn solcher Gesetze darin zu sehen, dass die Regierung den Bürgern das Gefühl vermitteln möchte, sie hätte durch diese Neuregelung alles im Griff. „Die meisten Menschen sind Standardnutzer, die sich nicht für Internetsicherheit interessieren“, gab Gras zu bedenken. „Sobald man die Worte ‚mehr Sicherheit‘ hört, ist eigentlich egal, was passiert – dann kann die Regierung machen, was sie will.“

    Valentin Raskatov

    Das Interview zum Nachhören:

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    Tags:
    Massenüberwachungsgesetz, Missbrauch, Terrorismus, WhatsApp, Christian Gras
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