23:56 20 November 2017
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    Flüchtling aus dem Nahen Osten raucht an einem Sammelpunkt in Europa

    Selbstmorde unter Flüchtlingen: Kaum erfasste Daten - hohe Dunkelziffer

    © AP Photo/ Darko Vojinovic
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    Berichte über Selbstmorde von Flüchtlingen und Asylbewerbern in Deutschland nehmen zu. Doch die Behörden erfassen die Fälle anscheinend kaum. Der politische Wille dazu fehlt, sagt eine linke Landespolitikerin aus Sachsen. Bericht über eine Recherche.

    In den vergangenen Monaten gab es zunehmend Meldungen über Selbstmorde unter Flüchtlingen. Sputnik hat bei den Behörden von Bund und Ländern nachgefragt, wie viele Selbstmorde (Suizide) und entsprechende Versuche es in letzter Zeit bundesweit unter Flüchtlingen und Asylbewerbern gab.

    „Suizidfälle werden weder im Bundesinnenministerium noch in seinem Geschäftsbereich statistisch erfasst, so dass ich Sie diesbezüglich auf die Länder verweisen muss“, erklärte Lisa Häger, Sprecherin des Ministeriums gegenüber Sputnik. „Wir können dazu keine weitergehenden Angaben machen“, lautete der knappe Kommentar eines Sprechers des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales.

    „Eine Übersicht über mögliche Suizidversuche in Flüchtlingsunterkünften liegt dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nicht vor“, so Thomas Ritter vom Referat Pressestelle im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF): „Für die Unterbringung und Versorgung von Asylsuchenden sind die Bundesländer zuständig. Daher müssten Sie sich mit Ihren Fragen zu Suizidversuchen von Asylbewerbern bitte an die zuständigen Stellen der Länder wenden.“

    Kaum Daten erfasst

    Die Nachfrage bei den 16 Bundesländern ergab: Nur wenige Länder sammeln Zahlen und Statistiken zu entsprechenden Fällen unter Flüchtlingen und Asylbewerbern. Es gab einige kurios wirkende Antworten. So teilte die Pressestelle des Berliner Landesamts für Flüchtlingsangelegenheiten mit: „Für Ihre Recherche zu Suiziden von Flüchtlingen deutschlandweit wenden Sie sich bitte an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.“ Diese Aussage ignorierte, dass das BAMF keine solchen Statistiken erhebt.

    „Uns liegen dazu keine Daten vor, möglicherweise kann Ihnen das Innenministerium weiterhelfen“, so ein Sprecher des Sozialministeriums von Baden-Württemberg. Das führte zu folgender Antwort: „Das Innenministerium Baden-Württemberg verfügt über keine belastbaren Statistiken. Suizide werden, unserer Kenntnis nach, im Sozialministerium erfasst.“

    Die Recherchen ergaben zumindest Zahlen zu Suiziden und Selbstmordversuchen unter Flüchtlingen aus fünf Bundesländern: Bayern, Niedersachsen, Hamburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Bayern ist danach das einzige Land, das diese Fälle in seiner jährlich erscheinenden polizeilichen Kriminalstatistik führt. So gab es in dem Bundesland im vergangenen Jahr 158 Suizidversuche, davon vier Selbstmorde.

    Niedersachsen: „Erstaunlicherweise führt Regierung keine Statistik“

    Jan-Christoph Oetjen, für die FDP im niedersächsischen Landtag, hat im April eine Anfrage zu solchen Fällen unter Flüchtlingen an die Landesregierung in Hannover gestellt. „Da in Bayern die Zahlen deutlich gestiegen sind, hatte ich die Landesregierung angefragt, wie die Statistik in unserem Bundesland aussieht“, sagte der innenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion gegenüber Sputnik. „Zu meinem Erstaunen konnte unsere Regierung mir keine detaillierten Zahlen nennen. Bei der Rückfrage bei den Kommunen, die zur Flüchtlingsunterbringung zuständig sind, haben wir leider auch nur unvollständige Zahlen bekommen. Leider hat nur ein Drittel der Kommunen Zahlen zurückgemeldet. Da ist herausgekommen, dass die Suizide unter Flüchtlingen in Niedersachsen deutlich gestiegen sind.“

    Die Regierungsantwort offenbarte erneut die statistischen Fehlanzeigen. „Für Niedersachsen liegen zu Suiziden und zu Suizidversuchen von Asylbewerberinnen und Asylbewerbern keine validen Daten vor“, hieß es aus Hannover. „Weder im Zuständigkeitsbereich des Sozial- noch des Innenressorts werden hierzu Daten erhoben.“ Dennoch veranlasste die Anfrage des FDP-Abgeordneten die Landesregierung, die Kommunen in Niedersachsen anzufragen – darauf gab es nur 13 Antworten. Danach gab es in den Jahren 2013 bis 2017 sechs Selbstmorde von Flüchtlingen von der Elfenbeinküste, aus dem Iran, Afghanistan, Eritrea, Somalia und dem Sudan. Im genannten Zeitraum gab es insgesamt 106 Selbstmordversuche unter Flüchtlingen.

    Hamburg: S-Bahn-Kollision und Tablettenmissbrauch

    Zwischen Juli 2016 und März 2017 versuchten sich in der Hansestadt 44 Flüchtlinge umzubringen. Das geht aus einer Antwort des Senats auf eine Anfrage einer Abgeordneten der Linkspartei hervor. Ein Suizidversuch endete tödlich: Ein volljähriger Iraner warf sich im März vor eine S-Bahn.

    Sachsen: „Der politische Wille fehlt, Zahlen zu sammeln“

    Die Landesregierung von Sachsen begann detaillierte Zahlen zu sammeln, nachdem im Mai die Landtagsabgeordnete der Linken Jule Nagel eine Anfrage zum Thema gestellt hatte. Dresden gab an, dass in diesem Jahr bisher 30 Selbstmordversuche von Flüchtlingen gezählt worden sind, zwei davon endeten tödlich. „Das waren auf jeden Fall dramatische Fälle“, so die Sprecherin für Flüchtlings- und Migrationspolitik ihrer Fraktion: „Da war die 17-jährige Shewit aus Eritrea, die sich am 24. Februar umbrachte, kurz nachdem sie von ihrem abgelehnten Asylantrag erfahren hatte. Oder Faisal aus Pakistan, der am 30. März von einem Dach in Leipzig sprang, nachdem er möglicherweise nicht sorgfältig betreut und behandelt wurde.“ Nagel, die auch als Kommunalpolitikerin im Stadtrat von Leipzig aktiv ist, weiter: „Der politische Wille, solche Zahlen zu erfassen, fehlt offensichtlich. Trotz der eindringlichen Fälle scheint das Phänomen als Problemlage bei der Landesregierung in Sachsen noch nicht angekommen zu sein. Wenn ein politischer Wille da wäre, könnte man Informationen zusammenführen, aus denen sich dann auch Erkenntnisse ziehen lassen würden.“

    Sachsen-Anhalt: „Suizidversuche sind Verzweiflungstaten“

    Seit 2014 gab es laut Angaben der Landesregierung in Magdeburg mindestens 46 Suizidversuche unter Flüchtlingen und Asylbewerbern in den Landesaufnahmeeinrichtungen und kommunalen Gemeinschaftsunterkünften des Landes. Keiner dieser Versuche endete den Angaben nach tödlich. „Das sind oft Verzweiflungshandlungen, weil eine Abschiebung bevorsteht“, sagte Stefanie Mürbe, Pressesprecherin beim Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt, im Sputnik-Interview.

    „Ich selbst habe schon solche oder ähnliche Drohungen von Flüchtlingen und Asylbewerbern gehört: ‚Wenn die mich abschieben, dann bringe ich mich um.‘ Wir müssen das immer ernst nehmen, wir sehen die Verzweiflung in den Gesichtern.“

    Dunkelziffern als Problem

    Eine erneute Sputnik-Anfrage an das Bundesinnenministerium, warum in Deutschland keine Daten und Zahlen zu dem Problem erhoben werden, blieb bisher beantwortet. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales wollte ebenso keine Stellungnahme dazu abgeben. „Zahlen allein sind nur in den allerwenigsten Fällen für sich genommen aussagekräftig“, sagte ein Sprecher des Ministeriums lediglich.

    Migrant aus Nordafrika auf der deutschen Fregatte
    © AFP 2017/ Alberto Pizzoli

    Auch Kai Weber, Geschäftsführer des Flüchtlingsrats Niedersachsen, wies auf das Problem von Dunkelziffer und statistischer Ungenauigkeit hin. „Vor dem Hintergrund des eingeschränkten Datenmaterials und der feststellbaren Schwankungen lassen sich insofern aus unserer Sicht nur qualitative Äußerungen tätigen“, sagte der Flüchtlingsexperte. „Die Interpretation dieser Zahlen ist schwierig. Flüchtlinge, die sich in Deutschland das Leben nehmen, sind in der Regel noch vergleichsweise jung. Hierzu liegen mir aber keine validen Zahlen vor. Insofern verzichte ich auf eine quantitative Bewertung.“

    Alexander Boos

    Die Interviews zum Nachhören:

    Jan Oetjen (FDP)

    Jule Nagel (LINKE)

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    Tags:
    Abschiebung, Selbstmord, Suizid, Migrationskrise, Flüchtlinge, Deutschland
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