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13:46 19 August 2019
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    Defibrillator-Drohnen

    Drohnen gegen Herztod – Kardiologe: „Außerordentlich interessanter Ansatz“

    © Foto : flypulse.se
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    Mit Drohnen gegen den Herztod – das schwedische Unternehmen Flypulse will so Menschenleben retten. Besonders in abgelegenen Gegenden mit schlechter Infrastruktur sollen die Fluggeräte helfen. Ein Kardiologe hält den Ansatz für erfolgversprechend, um von Herzstillstand Bedrohte zu retten.

    Die Rettung beim plötzlichen Herzstillstand kommt  in der Regel auf Rädern, sie kann im Stau steckenbleiben oder bei schlechtem Verkehrsnetz erst spät am Einsatzort eintreffen – oft zu spät. Das hat fatale Folgen:

    „Wir haben in Deutschland seit vielen Jahren etwa 70.000-100.000 plötzlich Tote, Menschen, die aus völligem Wohlbefinden heraus gefährliche Herzrhythmusstörungen erleiden und die ohne eine sofortige Hilfe innerhalb von acht bis zehn Minuten versterben.“

    So lautet die bittere Statistik des Kardiologen und Direktors des Universitätsklinikums der Ruhr-Universität Bochum (RUB), Prof. Hans-Joachim Trappe, im Sputnik-Interview. Dabei müssten viele dieser Menschen nicht sterben, denn Studien zeigen, eine rechtzeitige Behandlung bei Kammerflimmern steigert die Überlebensrate von 10 auf 50 Prozent.

    Bald gibt es hier eine neue Form der Ersten Hilfe und die kommt aus der Luft – aber nicht als Helikopter, sondern als Drohne. Ein solches Konzept bietet seit neustem der schwedische Drohnenhersteller Flypulse an. Denn entscheidend bei Kammerflimmern ist, dass möglichst schnell ein Defibrillator am Einsatzort ist – das ist das Gerät, das dem Herz einen elektrischen Schock verpasst und die Herzrhythmusstörung behebt, ein Neustart des Herzens sozusagen.

    „Wenn ein Notruf bei der Notrufzentrale getätigt wird, und wenn es sich um Herzstillstand handelt, entsendet der Operator einen Krankenwagen und ebenso eine Drohne, falls diese sich in Reichweite befindet“, erklärte der Mitbegründer und CEO von Flypulse, Sebastian Wallmann, gegenüber Sputnik.

    Der Drohne werde lediglich ein Ziel vorgegeben und das System rechne dann selbständig den besten Weg aus. Ein zweiter Operator überwache die Drohne während ihres Fluges und könne jederzeit die Route ändern oder ihre Landeposition korrigieren.

    Die Drohne transportiert einen halbautomatischen AE-Defibrillator (Automatic External Defibrillator). Dieser lasse sich auch von Laien bedienen, erklärte der Kardiologe Trappe. Es müssten nur zwei Elektroden am Brustkorb des Notleidenden angeklebt und der Defibrillator eingeschaltet werden. Alle weiteren Anweisungen gibt dann der Defibrillator an den Benutzer per Sprachbefehl weiter.

    Wissenschaftler bei der Arbeit (Symbolbild)
    © Sputnik / Aleksander Kryazhew

    Nach Ansicht von Flypulse könnten diese Drohnen in Gegenden mit schlechter Infrastruktur und medizinischer Versorgung sein. Als Beispiel nannte Wallmann Küstengegenden mit angrenzenden Wäldern und verschlungenen Straßen, in denen viele Ferienhäuser stehen. Da gebe es in Schweden und anderen Ländern einen bedeutenden Mangel an Ambulanzpersonal. Um solche Gebiete großflächig abzudecken, werden Drohnenstationen mit einem Handlungsradius von 10-15 Kilometern von Flypulse in regelmäßigen Abständen eingerichtet. Aber auch bei Staus, großen öffentlichen Veranstaltung und Sportevents, wo es schwer ist, zum Opfer zu gelangen, werden Einsatzmöglichkeiten gesehen.

    Defibrillator-Drohnen
    © Foto : flypulse.se
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    Kardiologe Trappe findet das Konzept „außerordentlich interessant“ und „erfolgversprechend“, denn: „In vielen Fällen, wo die Menschen ein gefährliches Kammerflimmern haben, reicht es aus, wenn ein Schock abgegeben wird und die Patienten überleben.“ Diese kleine Maßnahme scheitere regelmäßig daran, dass kein Defibrillator vorhanden sei.

    „Der entscheidende Faktor heißt: Zeit“, betont Trappe. Deshalb sei vor Jahren eine Kampagne zur Reanimation durch Laien ins Leben gerufen worden. Damit sollten Laien geschult werden, um AE-Defibrillatoren bedienen zu können. Aber im Verlauf der Kampagne stellte sich heraus, dass sich auch ungeschulte Kräfte eine Bedienung zutrauten. Jeder kann also die immer häufiger an öffentlichen Orten hängenden Geräte im Notfall einsetzen. Das ergebe Sinn, so der Mediziner:

    „Es gibt Studien, wo man gesehen hat, dass die professionellen Notarztwagen mit ärztlicher Besatzung viel länger brauchen, um einen Patienten zu reanimieren, als die Defibrillatoren, die von Laien gebraucht werden können.“

    Bei einem Notfall im ländlichen Gebiet, bei dem kein öffentlicher Defibrillator in der Nähe ist, könnte künftig die Drohne mit einem solchen Gerät aufkreuzen und den Notleidenden retten.

    Valentin Raskatov

    Das komplette Interview mit Prof. Hans-Joachim Trappe zum Nachhören:

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    Interview, Forschung, Medizin, Drohnen, Valentin Raskatov, Deutschland