11:21 01 Dezember 2020
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    Tablettenmissbrauch, Trauma, Depression, Einsamkeit: Es gibt viele Gründe, weshalb sich ein Flüchtling das Leben nimmt. Ein Selbstmord-Experte erklärt im Sputnik-Interview die psychologischen Ursachen und Hintergründe. Flüchtlingsbetreuer: „Es herrscht unmenschlicher Umgang“. Politikerin fordert: „Wir brauchen mehr Psychologen und neue Methoden“.

    Selbstmorde unter Flüchtlingen sind ein bundesweites Problem. So auch in Norddeutschland. Nachdem Landespolitiker der Hansestadt Hamburg eine Anfrage an ihre Landesregierung geschickt hatten, erhielten sie folgende Antwort, die unserer Redaktion vorliegt.

    „Unmenschlicher Umgang“: Aufgeschnittene Pulsadern, Tablettenüberdosis, Strangulation

    „In den Erstaufnahmeeinrichtungen unseres Landes kam es zu dramatischen Fällen“, heißt es in dem Regierungsdokument des Hamburger Senats. „Die suizidgefährdeten Flüchtlinge schnitten sich Pulsadern auf, wollten sich strangulieren, oftmals gab es Medikamentenmissbrauch. Zwei russische Frauen wollten sich durch die Einnahme einer Tablettenüberdosis umbringen. Eine davon im Oktober 2016, die andere versuchte es im März 2017. Beide überlebten und wurden danach in psychiatrische Einrichtungen der Stadt Hamburg eingewiesen.“

    „In meiner Arbeit sah ich bisher krasse Schicksale“, so ein Mitarbeiter einer staatlichen Flüchtlingseinrichtung, der anonym bleiben möchte, gegenüber Sputnik. „Hier herrscht manchmal ein unmenschlicher Umgang. Zum Beispiel, dass andere Mitarbeiter spontane Verhaftungen von Flüchtlingen als Lappalien abtun.“

    Experte: „Viele Flüchtlinge begehen Bilanz-Selbstmord“

    Warum wählen Flüchtlinge nun den Freitod? Selbstmord-Experte Dr. Christian Lüdke war über zehn Jahre im Bereich der Selbstmordforschung an der Universität Münster tätig. „Dieses Themenfeld ist eigentlich sehr gut ausgeforscht“, so der Trauma-Forscher und Psychotherapeut aus Essen im Sputnik-Gespräch. „Bei einem Selbstmord unterscheidet man immer: Auslöser, Motive und Ursachen.“ Das Motiv entwickle sich über einen längeren Zeitraum, beginne bei Flüchtlingen oftmals schon im Herkunftsland. „Auslöser ist ein dem Selbstmord unmittelbar vorausgehendes Ereignis, das dann in Deutschland erlebt wird“, so der Selbstmord-Forscher weiter. „Die Ursachen gehen oft bis in die Ursprungsfamilie zurück.“

    Flüchtlinge würden laut ihm aus einer sehr schwierigen Situation kommen. „Sie sind politisch verfolgt, haben Angst erlebt und flüchten letztlich. Sie kommen dann in ein sicheres, friedliches Umfeld und sehen unsere Gesellschaft. Sie möchten, dass es ihnen auch so gut geht, wie den anderen Menschen hier. Der Flüchtling hat die Flucht überstanden, aber innerlich hat sich für ihn nichts geändert. Das kann die Betroffenen in Gefühle einer ganz tiefen Verzweiflung stürzen.“ Sie würden sich nun folgende Fragen stellen: „Was habe ich alles verloren? Meine Heimat, meine Familie, meine Zukunft. Jetzt bin ich hier. Was hab ich hier zu erwarten? Sprachprobleme, Streitigkeiten, der Ausbildungsplatz kommt doch nicht.“ Das sei der klassische Tropfen, der das Fass dann zum Überlaufen bringe. Es kommt zum sogenannten „Bilanz-Selbstmord“. „Viele rechnen einfach ab, machen einen Schlussstrich unter ihr Leben.“

    „Nichts mehr hören, nichts mehr sehen, nichts mehr fühlen. Ende.“

    Lüdke hat im Rahmen seiner wissenschaftlichen Forschungen viele Menschen interviewt, die einen Selbstmordversuch unternommen haben. Die meisten der Befragten hätten laut ihm gesagt: „Ich will eigentlich nicht tot sein. Aber ich will so nicht weiterleben. Nichts mehr hören, nichts mehr sehen, nichts mehr fühlen. Ende.“ Hier müssten Psychologen, Sozialtherapeuten und Sozialpsychiater bei der Betreuung von Flüchtlingen ansetzen. „Die Kollegen schauen auf die Symptome“, so der Essener Psychotherapeut weiter. „In der Regel sind das diagnostische Gespräche, anerkannte Test-Verfahren, Fragebögen. Mit denen können wir die psychische Stabilität eines Flüchtlings erfassen.“ Flüchtlinge sind laut ihm nicht suizidgefährdeter als andere Menschen in unserer Gesellschaft. Zudem habe die internationale Selbstmordforschung schon seit einiger Zeit Selbstmorde unter Flüchtlingen als Problem erkannt und forsche dazu intensiv.

    Dennoch tut sich die Politik schwer, Gründe und Ursachen für Selbstmorde unter Flüchtlingen genau zu definieren. „Suizidversuche lassen sich in aller Regel nicht auf ein Motiv oder eine Ursache reduzieren“, geht aus einem Regierungsdokument des sächsischen Innenministeriums hervor. „In einigen Fällen lassen sich zwar Faktoren wie eine psychische Erkrankung, Entzugserscheinungen, Traumatisierung, Zukunftsängste ermitteln, aber ob man ein vollständiges Bild zur Motivation für einen Suizidversuch im Rahmen der vorangegangenen oder nachfolgenden Betreuung erfasst oder ermittelt hat, lässt sich regelmäßig nicht sicher feststellen.“

    Migrationspolitikerin: „Mehr Psychologen, bessere Ausbildung, neues Screening einsetzen“

    „Diese Selbstmorde müssen stärker politisch beleuchtet werden“, forderte Jule Nagel, Sprecherin für Migrationspolitik der Links-Fraktion im sächsischen Landesparlament, gegenüber Sputnik. „Speziell der Zusammenhang zwischen abgelehnten Asylverfahren und der Psyche der Flüchtlinge. Wie wirkt sich das auf die psychische Verfassung aus?“ Dies auch vor dem Hintergrund der Angst, dass die Geflüchteten in Länder zurückmüssten, in denen sie politisch verfolgt werden.

    „In den Kommunen, wo die Flüchtlinge leben, werden diese medizinisch und psychologisch betreut“, sagte sie weiter. „Dort passiert aber viel zu wenig. Wir von der Linken fordern schon lange ein sogenanntes ‚Screening‘, basierend auf der aktuellen EU-Aufnahmerichtlinie.“ Dies sei ein Erkennungsverfahren, durch das die Psychologen erkennen können, ob Flüchtlinge schutzbedürftig sind, ob ein Trauma oder Selbstmordgefahr vorliegt.

    Die Umsetzung des „Screenings“ sei in ihrem Bundesland Sachsen momentan noch nicht möglich, so die Linkspolitikerin. Das Vorhaben der Linken werde von der sächsischen Landesregierung geblockt. „Es gibt nicht genügend spezialisierte Dienste“, so Nagel. „Die Sozialarbeiterinnen, auf welche das Land die Verantwortung abwälzt und die die Flüchtlinge in den Unterkünften betreuen, sind überlastet. Sie sind teilweise gar nicht ausgebildet für eine psychologische Betreuung.“ Das Land müsse hier die Ersterkennung leisten, diese Information sollte dann an die Kommune gehen. Diese wiederum benötige mehr staatliche Gelder, um genügend Psychologen für eine angemessene Flüchtlingsbetreuung bereitzustellen, forderte sie abschließend.

    Stadt Leipzig: „Bedarf an psychosozialer Betreuung können wir nicht decken“

    „Gemeinsam mit dem Freistaat Sachsen fördert die Stadt Leipzig das Psychosoziale Zentrum für Geflüchtete (PSZ Leipzig)“, teilte uns die Pressestelle der Stadt Leipzig auf Sputnik-Anfrage mit. „Hierbei handelt es sich um eine Beratungs- und Therapieeinrichtung für erwachsene Menschen mit Fluchterfahrung, die psychisch belastet sind. Leider kann durch diese Einrichtung der vorhandene Bedarf an psychosozialer Betreuung nicht gedeckt werden.“ Dies sei ein Beispiel unter vielen, so die sächsische Landespolitikerin Nagel: „Hier gehört das Land in die Pflicht, nicht die Stadt.“

    Alexander Boos

    Die Interviews zum Nachhören:

    Selbstmord-Experte Dr. Christian Lüdke

    Politikerin Jule Nagel (LINKE)

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