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    „Die größte List des Teufels“: Zum Geldwaschen kommt die Mafia nach Deutschland

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    Gesellschaft
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    Gemordet wird zuhause, Drogen und Waffen verkauft weltweit. Gewaschen wird italienisches Mafiageld aber bevorzugt in Deutschland. Ein neues Anti-Mafia-Gesetz und mehr Kooperation auf europäischer Ebene sollen künftig den Kampf mit den italienischen Mafia-Clans, die hierzulande ihr Drogengeld waschen, erleichtern.

    Zehn Jahre ist es her seit in Duisburg in der Nacht vom 14. auf den 15. August sechs junge Kalabresen vor dem Restaurant „Da Bruno“ ermordet wurden. Opfer und Täter gehörten zwei verfeindeten Clans der kalabrischen Mafia an und die Morde von Duisburg waren der Gipfel eines Bandenkrieges. Seitdem ist es still geworden um die italienische Mafia in Deutschland, doch davon sollte man sich nicht täuschen lassen: Die Clans sind nach wie vor aktiv.

    „Die Mafia ist hier zum Geldwaschen. Militarisierte Kontrolle von Territorien, wie sie in Italien stattfindet, ist in Deutschland nicht plausibel“, erklärt David Ellero, Leiter der Abteilung Wirtschafts- und Eigentumsdelikte bei Europol.

    „Wenn Sie überlegen, wie viel Aufmerksamkeit die Morde von Duisburg auf die 'Ndrangheta gezogen haben und wie der deutsche Staat darauf reagiert hat, dann verstehen Sie, warum man lieber unbemerkt bleiben will. Je weniger Aufmerksamkeit man auf sich zieht, desto kleiner die Wahrscheinlichkeit, dass die Behörden wegen Geldwäsche ermitteln. Die größte List des Teufels ist, uns glauben zu machen, dass der Teufel nicht existiert. Mit der Mafia ist es genauso. In manchen Ländern glaubte man bis vor kurzem nicht einmal, dass es die Mafia dort überhaupt gibt, sondern dass sie eine Erfindung der Behörden ist.“

    Deutschland ist ein Geldwäscheparadies – das sagt auch Andreas Frank, Sachverständiger für den Bundestag und Berater im Europarat in Sachen Geldwäscheprävention:

    „Dr. Scarpinato, ein bekannter Staatsanwalt aus Palermo, mit dem ich in einem Ausschuss im Bundestag saß, sagte zu den Abgeordneten: Deutschland ist ein Geldwäscheparadies und wenn ich für die Mafia Geld waschen müsste, würde ich nach Deutschland gehen, denn das Entdeckungsrisiko ist gleich null.“

    Laut offiziellen Angaben sollen in Deutschland über 100 Milliarden Euro jährlich gewaschen werden, doch das tatsächliche Volumen könnte um ein Vielfaches höher sein, so Frank.

    „Ich habe mal die Zahl 3000 Milliarden genannt. Alles basiert auf Schätzungen und wir haben Riesenprobleme, denn alles, was im Dunkeln ist, sieht man nicht. Man kann die Annahmen auf Plausibilität untersuchen, ich habe das mal gemacht. Alles zusammenrechnen, also Einnahmen aus Drogen, aus Waffen, Menschenhandel und anderen Dingen. Dann kommt man schon in Richtung dieser Zahl, denn die Einnahmen sind riesig.“

    Geld in Pizzerien zu waschen sei nur eine Möglichkeit unter vielen, denn die Mafia sei nicht dumm und die sogenannten Crime Enabler hätten jeden Tag neue Ideen. Die Strafverfolgung komme mit ihren Mitteln nicht hinterher.

    „Deutschland muss die entsprechenden Gesetze umsetzen und wir müssen in Europa in Zukunft gemeinsam agieren, grenzüberschreitend. Solange die Mafia, wenn sie in Italien gesucht wird, sich in Deutschland verstecken kann und wir keine gemeinsamen Anstrengungen unternehmen, um das zu unterbinden, wird auch nichts passieren. Die Strukturen in der Strafverfolgung in Italien und Deutschland sind sehr unterschiedlich. Wenn man sich nicht persönlich kennt und das Ganze bürokratisch abgewickelt wird, dauert es ewig. Und sich ewig Zeit lassen darf man nicht, sonst ist das Geld weg. Und was wir wollen ist doch, der Mafia das Geld wegzunehmen.“

    Besonders attraktiv ist hierzulande der süddeutsche Raum, wo es große italienische Communities gibt.

    „Es ist für alle Kriminalitätsformen, die einen Auslandsbezug haben, immer auch kennzeichnend, dass in Milieus, wo sich schon viele mit der gleichen Sprache und dem gleichen kulturellen Hintergrund, vielleicht auch mit der gleichen Einreisevita angesiedelt haben, sich leider auch Kriminalität ansiedelt“, erläutert Bernd Finger, Leitender Kriminaldirektor a.D.  und ehemaliger Leiter der Abteilung LKA 4 Berlin. Er war für die Bereiche Organisierte Kriminalität, Qualifizierte Banden- und Eigentumskriminalität, Organisierte Gewalt- und Rotlichtkriminalität zuständig und kennt die Situation in Deutschland aus langer Erfahrung.

    „Wer nicht in einer Diktatur aufwachen möchte, sollte ein Interesse daran haben, Geldwäsche zu bekämpfen“, macht Andreas Frank deutlich. Denn der Mafia gehe es um wirtschaftlichen und politischen Einfluss und zu ihren Netzwerken gehören Vertreter aus beiden Bereichen.

    Gemordet wird zuhause

    „Hollywood hat das Bild der Mafia romantisiert: Die Mafiosi werden als Kriminelle, aber gutherzige Menschen dargestellt“, erzählt der Carabiniero und Mafia-Ermittler bei Europol David Ellero. „Die Realität ist etwas ganz anderes, es gibt nichts Romantisches an der Mafia. Wenn Sie so wie ich aus Italien kommen, sehen Sie das hässliche Gesicht der Mafia. Kinder werden getötet und in Säure aufgelöst. Richter, Polizisten, aber auch Zivilisten werden abgeschlachtet. Es ist wirklich nichts Romantisches daran. Es ist eine Art, Geld zu machen und unschuldige Menschen unter die eigene Kontrolle zu bringen. Diese Menschen sind die eigentlichen Opfer der Mafia.“

    Territoriales Verhalten sei in Deutschland jedoch untypisch und es gebe hierzulande normalerweise keine Gewalttaten, da die Mafia vor allem Geld waschen wolle.

    „Es gibt Ausnahmen, wie den Fall in Duisburg. Die Regel ist aber, dass die Clans außerhalb von Italien perfekt kooperieren. Wir von Europol haben sogar Beweise dafür, dass manche Gruppen, die in Italien konkurrieren und sich gegenseitig töten, im Ausland zusammenarbeiten, um Geld für alle zu machen. Man kann also von einer Art impliziten Abmachung sprechen, dass sich die Leute außerhalb von Italien bedeckt halten. Manchmal gibt es Morde in Italien als Konsequenz von etwas, was außerhalb des Landes passiert ist. Als Regel kann man sagen, dass die Morde immer in Italien passieren, Duisburg war eine der wenigen Ausnahmen.“

    Die Mafia wolle kein Gewalttäter, sondern Teil der Gesellschaft sein, bestätigt Andreas Frank. Deswegen werde ihre zerstörerische Wirkung unterschätzt.

    Mafia beliefert auch den IS

    Als Geldquelle wird derzeit an erster Stelle der Drogenhandel genannt, doch auch Waffengeschäfte bleiben eine lukrative Einnahmequelle für die italienischen Mafia-Clans. Sie sind international vernetzt und scheinen auch in puncto Handel global zu agieren. In der jüngeren Vergangenheit sollen sie in der Terrororganisation Islamischer Staat einen neuen Großabnehmer gefunden haben.

    „Es gibt Zusammenhänge, die auch den Behörden bekannt sind, zwischen islamistischem Terrorismus und Kriminalität nach Art der Mafia. Nicht nur die Mafia italienischer Provenienz, sondern die vielen Mafia-Formen aus anderen Staaten heraus haben als wesentlichen Geschäftszweig Waffendelikte, Waffenschmuggel, Kriegswaffen, die dann islamistischen oder anderen Gruppen zur Verfügung gestellt werden. Es ist einfach ein finanziell lukratives Geschäftsfeld“, bestätigt der ehemalige Kriminaldirektor beim Berliner LKA Bernd Finger.

    Neues Anti-Mafia-Gesetz soll es richten

    Härtere Gesetze, mehr Handhabe für Strafverfolgungsbehörden und mehr europäische Kooperation im Kampf gegen die organisierte Kriminalität – etwa so lautet der Konsens der Konferenz „Für Freiheit und Sicherheit – Wie begegnen wir der organisierten Kriminalität in Europa?“, bei der Ellero, Finger und Frank neben anderen Experten von ihren Erfahrungen berichteten. Ausgerichtet wurde die Konferenz vom Verein „Mafia? Nein danke!“, der sich vor zehn Jahren als Reaktion auf die Mafia-Morde von Duisburg gründete. Auch die politischen Ehrengäste der Konferenz in der italienischen Botschaft, die Innenminister von Deutschland und Italien, Thomas de Maiziere und Marco Minniti, sprachen sich dafür aus, zukünftig enger zusammenzuarbeiten. Deutschland wolle von Italien lernen, so De Maiziere.

    Ganz so strikte Mafia-Gesetze wie in Italien wird es in Deutschland aber nicht geben, zumindest nicht in absehbarer Zeit. Jedoch soll der Tatbestand der kriminellen Vereinigung neu gefasst werden und die Mitgliedschaft darin unter Strafe stellen. Ebenfalls an italienischer Gesetzgebung orientiert ist die künftig erleichterte Konfiskation von Mafia-Besitz.

    Ilona Pfeffer

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    Tags:
    Mafia, Geld, Hollywood, Bundespolizei, IS, Europol, Italien, Deutschland