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19:12 16 Juli 2019
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    Junge Poler feiern die Befreiung ihrer Stadt Lublin durch sowjetische Armee (Archivbild)

    Russlands Verteidigungsamt gibt geheime Kriegsberichte über Sowjetarmee in Polen frei

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    „Die Befreiung Polens. Der Preis des Sieges“ heißt ein Geschichtsprojekt über das Vorgehen der Sowjetarmee in Polen ab dem Sommer 1944. Russlands Verteidigungsministerium hat dazu jetzt ein bislang unveröffentlichtes Geheimarchiv ins Netz gestellt.

    Das Verteidigungsministerium hat erstmals Archivdokumente über die Befreiung Polens durch die Sowjetarmee in den Jahren 1944-45 veröffentlicht. Das Archivmaterial ist nie zuvor veröffentlicht worden und bislang ausschließlich Spezialisten zugänglich gewesen. Jetzt sind die Unterlagen auf der Website des Verteidigungsministeriums abrufbar – darunter Frontberichte, Meldungen des sowjetischen Oberkommandos, Auskünfte und Telegramme.

    So heißt es in einem Bericht des sowjetischen Oberkommandos an Josef Stalin vom 18. Juli 1944: „Die Truppen der 1. Weißrussischen Front haben im Verlauf des 18.07.1944 den Vormarsch mit einem Teil ihrer Kräfte an der rechten Flanke fortgesetzt, dabei die Artillerie heranziehend und ihre Vorräte auffüllend. Die vorrückenden Truppenteile haben es entgegen dem erstarkten Widerstand und den abschnittsweisen Gegenangriffen des Gegners geschafft, um zehn bis 25 Kilometer voranzukommen, die Wälder der Belowescher Heide gänzlich zu erobern, die Verbände der mechanisierten Kavalleriegruppe zu übernehmen sowie an die Staatsgrenze der UdSSR nordwestlich von Brest heranzurücken.“ Gezeichnet: Rokossowski, Bulganin und Malinin.

    Auch haben die Historiker ein Telegramm der Union polnischer Patrioten an die Befehlshaber der 1. Kostjuschko-Division vom 17. November 1943 veröffentlicht: „Die Union polnischer Patrioten bringt ihre tiefste Dankbarkeit allen Soldaten und Offizieren zum Ausdruck, die von der Sowjetunion dafür ausgezeichnet wurden, den Namen Polens auf dem Boden unseres Verbündeten gerühmt zu haben“, heißt es in dem Telegramm.

    „Mit unseren Heldentaten im Kampf haben wir eine Brücke errichtet, die uns mit dem Brudervolk verbindet, mit dem wir in den kommenden großen Jahren des Aufbaus nach dem endgültigen gemeinsamen Sieg über den Feind in Eintracht und Freundschaft leben wollen.“

    • Kinder im KZ Auschwitz (Archivbild)
      Kinder im KZ Auschwitz (Archivbild)
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    • Sowjetische Flakartilleristen schützen polnische Stadt Krakow von Luftwaffe (Archivbild)
      Sowjetische Flakartilleristen schützen polnische Stadt Krakow von Luftwaffe (Archivbild)
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    • Soldaten des Militärensembles tanzen für Einwohner der polnischen Stadt Lublin (Archivbild)
      Soldaten des Militärensembles tanzen für Einwohner der polnischen Stadt Lublin (Archivbild)
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    Kinder im KZ Auschwitz (Archivbild)

    Ein Dokument beschreibt auch, wie Polens Bevölkerung die Rote Armee am 6. August 1944 begrüßte: „Nach dem Überschreiten der Staatsgrenze in der Gegend der Stadt Premyszl sind die Sowjetverbände von den Einheimischen mit großer Freude empfangen worden. Die Einwohner warfen unseren Kämpfern und Offizieren Blumen zu, trugen Milch, Wasser und Bier an den Straßenrand und boten dies bereitwillig unseren Soldaten an“, heißt es in einem Bericht der politischen Abteilung der 60. Armee der 1. Ukrainischen Front.

    Und weiter: „In der Zeit der Kämpfe auf polnischem Territorium ist kein einziger Fall einer Diversion, eines Terroranschlags oder eines deutlichen Ausdrucks missfälligen Umgangs festgestellt worden.“

    Auch sind Kriegsverbrechen der Nazis in dem Geheimarchiv dokumentiert: „Im Dorf Biele haben die Deutschen das Haus des Bürgers Werbne verbrannt, die Nutztiere beschlagnahmt, die Frau getötet und zwei Kinder ins Feuer geworfen, wo sie verbrannten. Im selben Dorf haben die Deutschen 60 weitere Familien durch Verbrennung bei lebendigem Leibe getötet. Das alte Ehepaar Leszynski wurde ins Feuer geworfen, als die alte Frau aus dem Feuer sprang, wurde sie wieder in die große Flamme geworfen“, heißt es in einem der Berichte.

    Die Einheimischen erzählten der vorrückenden Sowjetarmee, wie sie während der Nazi-Okkupation gelebt hatten. Auch die Tragödie von Katyn wurde angesprochen:

    „Die Deutschen haben dieses Märchen erdichtet, von der Erschießung der Polen durch die Sowjets im Wald von Katyn. Keiner von uns hat das geglaubt. Die Deutschen selbst haben die Polen in Katyn getötet. So wie sie sie überall töteten“, wird ein Einheimischer in einem Bericht zitiert.

    Im selben Bericht heißt es: „Jene Ukrainer, die in den Gebieten Zamosc, Jaroslaw, Holizyn und Przemysl leben, interessieren sich dafür, ob diese Gebiete an die UdSSR gehen. Sie alle sagen einstimmig, diese Gebiete seien ur-russisch: ‚Sollten sie nicht an die Sowjetunion gehen, sagt es uns gleich, wir ziehen sofort in unsere Ukraine um.‘ Solche Stimmungen sind vor allem durch die allgegenwärtige Feindseligkeit zwischen Ukrainern und Polen zu erklären, die allumfassend von den Deutschen gefördert wurde.“

    Andere Unterlagen legen Zeugnis ab über die Einstellung katholischer Geistlicher in Polen gegenüber den Sowjetsoldaten. So habe ein katholischer Priester der polnischen Stadt Lezajsk bei der Bestattung von Kapitän Nikonow, einem Sowjetpiloten, das Oberkommando der Sowjetarmee darum gebeten, das Grab unter die Obhut der Kirche nehmen und auf eigene Kosten einen Grabstein aus Marmor darauf errichten zu dürfen.

    Liste der Verluste roter Armee in Polen
    Liste der Verluste roter Armee in Polen

    In einer anderen polnischen Stadt sei die Bestattung zweier russischer Piloten mit großer Beteiligung Einheimischer organisiert worden. Die Polen hätten den Sarg und den Grabstein dafür gespendet sowie viele Kränze und frische Blumen am Grab der beiden Sowjetpiloten niedergelegt.

    Auch sind Pressestimmen aus der damaligen Zeit in dem Geheimarchiv enthalten. Die Zeitung „Sa Rodinu“ vom 02.11.1944 berichtet über die Aufdeckung eines Massengrabs von Zivilisten – Russen, Polen und Juden – in der Nähe der Stadt Lomza: „In drei weiteren Gräbern sind keine Leichen, jedoch weiche Überreste im Boden gefunden worden. Dem Umfang der Gräben nach zu urteilen befanden sich darin an die 2.000 Leichen…“

    Ausgabe der Zeitung „Sa Rodinu“ vom 02.11.1944
    Ausgabe der Zeitung „Sa Rodinu“ vom 02.11.1944

    Außerdem: „In der Nähe der Gräber befindet sich eine 25 bis 35 Zentimeter dicke Schicht einer zusammengepressten Feuerstätte. Darin wurden verbrannte Menschenknochen entdeckt. Dies beweist unwiderlegbar, dass die Nazis die Leichen aus Angst vor der Aufdeckung ihrer Verbrechen exhumiert und verbrannt haben.“

    Auch die Zerstörung der polnischen Hauptstadt Warschau durch die Nazi-Truppen wird in den Berichten geschildert: „Vom Großen Theater sind nur die Säulen geblieben, aber die Deutschen wollten auch darunter Ammonal legen, schafften es jedoch nicht mehr. Das Königsschloss ist zerstört, das Glasschloss und andere. Kein einziges Denkmal ist geblieben. Überall gibt es Spuren ungeheurer menschlicher Opfer. In den Gossen, in der Kanalisation liegen Leichen erschossener oder zu Tode gequälter Polen. In einer Straße gibt es Grabhügel. Die Einheimischen sagen, hier seien 120.000 Polen beerdigt, die von Deutschen verbrannt worden seien.“

    „Die faschistischen Barbaren haben die polnische Hauptstadt – Warschau – vernichtet. Mit der Brutalität raffinierter Sadisten zerstörten sie ein Stadtviertel nach dem anderen… Die Deutschen haben die polnische Hauptstadt mit Luftwaffe, Panzern und Artillerie in eine Ruinenstadt verwandelt“, schrieb der russische Marschall und Oberbefehlshaber der Sowjetarmee, Grigori Schukow, am 29. Januar 1945.

    Der Marschall schrieb weiter: „Die größten Industrieanlagen sind dem Erdboden gleichgemacht worden. Wohnhäuser wurden gesprengt oder verbrannt. Zehntausende Einwohner sind getötet, andere sind vertrieben worden. Die Stadt ist tot.“

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    Archiv, Nazi-Deutschland, Befreiung, Konzentrationslager, Rote Armee, Verteidigungsministerium Russlands, Sowjetunion, Polen, Deutschland, Russland