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    "Ich Deutsch - Die neue Leitkultur" - Flüchtlinge bessere Patrioten als Pegida?

    © AFP 2019 / David Gannon
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    Nach CSU und AfD will nun auch die SPD in die Debatte um die deutsche Leitkultur eingreifen. Der Vorsitzende der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus Raed Saleh ist Moslem und vor rund 35 Jahren nach Deutschland gekommen. Sein neues Buch heißt "Ich Deutsch - Die neue Leitkultur". Er sagt: Auch Flüchtlinge können deutsche Patrioten werden.

    Herr Saleh, sie wollen den von CSU und AfD geprägten Begriff der Leitkultur nicht der konservativen Front überlassen. Sie wollen von links angreifen. Warum?

    Der Begriff ist im Grunde genommen links entstanden. Es war der Wissenschaftler Bassam Tibi, der damals gesagt hat: In einer multikulturellen Welt braucht man neue Antworten, wohin wir insgesamt mit allen hier lebenden Menschen hinsteuern wollen. Und später wurde der Begriff dann von den Konservativen gekapert.

    Dann kam der damalige Fraktionschef der Union Friedrich Merz, dann später der Bundesinnerminister und ich finde, den Begriff kann man nicht den Konservativen überlassen. Denn die Leitkultur ist das, was uns prägt. Und ich finde es richtig, eine neue und moderne Leitkultur zu definieren, als gemeinsamer Nenner, auf den sich alle in Deutschland lebenden Menschen am Ende auch konzentrieren.

    Was ist für Sie Leitkultur?

    Leitkultur ist eine gemeinsame Vision für unser Land. Leitkultur ist ein Versprechen, wo wir gemeinsam hin wollen. Ein Land, in dem jede und jeder seine Chancen nutzen kann, egal ob Jude, Christ, Moslem oder ohne Religion. Egal ob Frau oder Mann, egal ob homosexuell oder heterosexuell. Das wir uns in der Vielfalt aushalten. Das ist für mich Leitkultur. Und dass es klare Regeln gibt. Das heißt, man muss dieses miteinander auch schützen und klare Regeln definieren und die gelten auch für alle.

    Ich möchte nicht mehr, dass wir permanent mit dem Finger auf andere zeigen und permanent von "wir" und "ihr" sprechen, sondern Deutschland sind wir alle. Und diejenigen an den Rändern, die Extremen, die gehören nicht dazu. Und die klammern wir zusammen aus.

    Sie sind vor rund 35 Jahren nach Deutschland gekommen und mussten sich damals die Frage stellen: "Was ist eigentlich dieses Deutsche?". Haben Sie eine Antwort darauf gefunden?

    Ich bin immer noch an vielen Stellen suchend, weil die Kultur uns permanent prägt, uns permanent ändert. Aber im Großen und Ganzen habe ich auch im Buch verdeutlicht, was der Gemeinsame Nenner sein kann: Das wir klarmachen, wir wollen die Vielfalt in diesem Land schützen, wir wollen aber insgesamt auch die Menschen ermutigen, schneller in diesem Land heimisch werden, schneller den Bezugspunkt zu diesem Land bekommen. Und es gibt natürlich die deutschen Tugenden wie Pünktlichkeit, wie Ordnung, die gehören auch irgendwie auch dazu. Aber die muss man nicht jedem aufzwingen, sondern dazu kann man einladen.

    “Ich Deutsch – Die neue Leitkultur“ von Raed Saleh
    © Sputnik / Marcel Joppa
    “Ich Deutsch – Die neue Leitkultur“ von Raed Saleh

    Wie würden Sie einem Neuankömmling in Deutschland erklären, was „das Deutsche“ ist?

    Zum Beispiel das Thema Umweltschutz. In vielen Ländern der Welt wird der Müll vor die Häuser ausgekippt und später eingesammelt von der Müllabfuhr. Aber wir haben ganz anderen Bezug zum Beispiel zum Thema Mülltrennung, zum Thema Umweltschutz, zum Thema Recycling.

    Oder die Frage der gewaltfreien Erziehung der Kinder. Wir haben uns größtenteils verabschiedet von der Erziehung der Kinder mit Gewalt. Aber es gibt Länder in der Welt, da ist das normal. Und die lade ich ein zum Mitmachen, dass wir es hinbekommen die Kinder durch Argumente zu überzeugen und nicht dass man Kinder mit Gewalt erzieht.

    Oder selbstverständlich auch, dass wir sagen: Nie wieder Auschwitz, nie wieder Holocaust. Das wir ganz klar machen, dass die NS-Zeit Teil unseres Landes. Wenn wir Deutsche sind, dann müssen wir immer darauf achten, dass sich die Geschichte, wie sie bei uns in den schrecklichsten Kapiteln unserer Geschichte stattgefunden hat, sich nicht wiederholt.

    Alles in allem muss die Leitkultur einladend sein. Sie muss Spaß machen, sie muss die Leute ermutigen, sich schnell mit diesem Land anzufreunden. Das Land bietet so viele Möglichkeiten. Weltweit achten die Menschen auf uns. Wir haben so einen guten Ruf in der ganzen Welt, und deswegen möchte ich nicht den Leuten von Pegida oder von den ganzen anderen Rändern das Bild von Deutschland überlassen. Sondern ich will, dass alle hier lebenden Menschen das neue Bild Deutschlands prägen.

    Kann denn dann auch ein Flüchtling, der nach Deutschland kommt, ein deutscher „Patriot“ werden?

    Selbstverständlich! Ich hatte eine Begegnung mit einem jungen Menschen gehabt, 17 Jahre, aus einem Flüchtlingsunterkunft. Der hat mir gesagt: "Ich bin mit einer Familie ins Land gekommen. Dieses Land hat mir Schutz geboten, hat mir ein Zuhause geboten." Und er fügte hinzu: "Ich liebe dieses Land und würde alles für dieses Land geben." Dieser junge Mann ist in meinen Augen ein größerer Patriot, als die Dumpfbacken von Pegida. Weil er sein Land liebt, wie er ist: Bunt, vielfältig, tolerant. Und er hat nicht wie die Pegida-Leute ein düsteres, ein gestriges Bild von Deutschland vor Augen.

    Wie kann die deutsche Politik das alles fördern, diesen Zusammenhalt diese Integration?

    Indem man Barrieren abbaut. Das man anfängt, nicht mehr Menschen nach Herkunft, nach Religion, oder nach sonstigen Kriterien zu unterscheiden. Sondern danach, ob jemand anständig ist oder nicht anständig. Anständig ist jemand, der sich hier in diesem Land entfalten kann, aber sich an die hier geltenden Regeln hält. Unanständig ist jemand, der permanent versucht, dieses Land, in dem man lebt, zu verachten, Gewalt anzuwenden, man anfängt sich in extremistischen Kreisen zu bewegen. Dann gehört jemand definitiv nicht dazu.

    An wen wendet sich dann Ihr Buch genau, für wen haben Sie es geschrieben?

    Für alle in Deutschland lebenden Menschen. Das Buch richtet sich nicht an eine Gruppe, sondern insgesamt an alle in der Republik lebenden Menschen, weil es vom allen etwas Mut erwartet, auf einander zuzugehen.

    Marcel Joppa

    Das komplette Interview mit Raed Saleh zum Nachhören:

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    Tags:
    Buch, Politiker, Integration, Flüchtlinge, PEGIDA, SPD, Berlin, Deutschland