12:27 18 Juli 2018
SNA Radio
    Eine Muslimin

    IS-Mädchen Linda W.: Von sächsischer Kleinstadt zur Terrormiliz. Sputnik EXKLUSIV

    CC0
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    555100

    Die 16-jährige Schülerin Linda W. aus Sachsen hat für die Terror-Organisation „Islamischer Staat“ (IS) gekämpft – und wurde jetzt wohl im Irak verhaftet. Sie hatte zuvor Kontakte zu Islamisten im Internet, log ihre Eltern an und verschwand. Bekannter exklusiv zu Sputnik: „Lindas Radikalisierung war offenes Geheimnis bei Familie und Lehrern.“

    Nach der spektakulären Festnahme von mehreren IS-Frauen in Mossul durch irakische Soldaten verdichten sich Hinweise, dass die seit einem Jahr vermisste Linda W. (16) aus Sachsen unter den Verhafteten ist. Irakische Offiziere erklärten laut Medienberichten, die festgenommenen Frauen und Mädchen hätten sich zuvor in einem Tunnelsystem der Terrormiliz IS versteckt und Waffen und Sprengstoffgürtel in ihrem Besitz gehabt, um die irakische Armee anzugreifen. Truppen der Armee befreiten nun die nordirakische Stadt Mossul vom IS. Der Ort war rund drei Jahre lang unter der Kontrolle der Terrormiliz im Rahmen des selbsternannten „Kalifats“.

    Eine Abgeordnete vom Repräsentantenrat des Irak, Vian Dakhil, twitterte bereits kurz nach der Verhaftung der IS-Kämpferinnen: „Die Mutter des Mädchens in Deutschland bestritt nicht, dass das ihre Tochter ist.“

    Linda W.: Vor einem Jahr wurde sie IS-Dschihadistin

    Die Schülerin Linda W. war grade mal 15 Jahre alt, als sie ihr Elternhaus verließ, um in den Nahen Osten zu fliegen und sich dort der islamistischen Terror-Organisation IS anzuschließen. Zuvor hatte sie Kontakte zu radikalen Muslimen in einem Online-Chat. Diese halfen hier auch, ein Flugticket nach Istanbul zu besorgen. Anfang Juli 2016 erzählte Linda ihren Eltern, sie wolle bei einer Freundin übernachten – und fuhr stattdessen zum Flughafen nach Frankfurt/Main. Das war das letzte Mal, als die Eltern ihre Tochter sahen.

    Die jetzige, offiziell noch nicht bestätigte Verhaftung von Linda wurde natürlich auch in Pulsnitz wahrgenommen. Dem Ort, aus dem Linda stammt. Eine kleine, beschauliche Stadt in der Nähe von Dresden in Ostsachsen mit etwa 8.000 Einwohnern. Die typische Kleinstadt, jeder kennt jeden. Die Mutter lebt getrennt vom Vater und aktuell mit einem neuen Mann zusammen in dem Ort. Sputnik-Recherchen ergaben, dass Linda aus einem evangelischen Elternhaus stammt.

    Eltern schenkten Linda einen Koran

    „Ich kannte Linda“, so ein Bürger aus der Region, der anonym bleiben möchte, gegenüber Sputnik: „Sie war ein sehr ruhiges Mädchen, kaum auffällig. Ich weiß, dass sie familiäre Probleme hatte, speziell mit dem Stiefvater. Mit dem kam sie wohl überhaupt nicht klar. Das war wohl ein Auslöser für die Flucht. Wie ich dann später erfuhr, hatte Linda Kontakte über das Internet zu jungen muslimischen Männern aus dem arabischen Raum. Da hatte sie wohl auch einen Freund kennengelernt. Wie junge Mädchen nun mal sind, hat sie sich von ihm stark beeinflussen lassen. Letztlich konnte er sie überreden, als IS-Kämpferin in den Nahen Osten zu kommen.“

    Dass sich Linda ab einem gewissen  Zeitpunkt verstärkt mit dem Islam auseinandersetzte, sei in dem kleinen Ort ein offenes Geheimnis gewesen. „Erstaunlich finde ich, dass die Eltern und Lehrer von ihrer zunehmend islamischen Gesinnung gewusst haben, aber nichts taten“, erklärte der Bekannte von Linda weiter: „Besonders pikant ist die Tatsache, dass die Eltern ihrer Tochter vor ihrer Flucht sogar noch einen Koran geschenkt hatten. Die haben sich bestimmt nichts weiter dabei gedacht und konnten das spätere Ausmaß nicht absehen.“

    „Sie war ein stilles Mädchen“, erklärte ebenso die evangelische Pfarrerin Maria Grüner vom Schwesterkirchverband Pulsnitz gegenüber anderen Medien bereits im Sommer 2016. Sie erlebte Linda W. noch während ihrer Konfirmation im Jahre zuvor. Für eine Stellungnahme gegenüber Sputnik stand sie leider aus Urlaubsgründen nicht zur Verfügung.

    Familie hat Exklusiv-Vertrag mit Privatsender RTL

    Laut dem Bekannten von Linda gab es nach ihrem Verschwinden keine öffentliche Suchaktion über Facebook oder andere soziale Medien. „Und dann war plötzlich RTL da. Ich weiß, dass alle Mitglieder von Lindas Familie einen Exklusiv-Vertrag mit dem Sender RTL haben. Sie dürfen sich von daher gegenüber anderen Medien nicht äußern.“

    Eine Bekannte der Mutter aus Pulsnitz erklärte gegenüber Sputnik: „Die Mutter möchte eigentlich überhaupt keinen Kontakt mehr zur Presse haben. Das hatte sie mir bereits letzten Sommer nach dem ersten RTL-Interview gesagt. Ich kann leider keinen Kontakt zu ihr herstellen. Sie bittet das zu respektieren.“

    Bürgermeisterin: „Radikalisierung findet im Internet statt, nicht bei uns.“

    Barbara Lüke ist Bürgermeisterin der Stadt Pulsnitz und kennt die Familie von Linda persönlich. „Nein, ich war nicht geschockt, als ich zum ersten Mal vom Fall Linda gehört hatte“, sagte sie im Sputnik-Interview. „Sondern, es hat sich etwas realisiert, wovor ich schon seit langem warne. Nämlich die Gefahr, dass unsere Jugend über das Internet beeinflusst wird. In einer Weise, die wir nicht mehr beherrschen. Linda hatte sich ja über Online-Kontakte zu islamistischen Fundamentalisten radikalisiert. Früher war das einfach, da hast du gesehen: Der wohnt dort, hat da diese und jene  Verwandten, hat da diese Freunde. Da konnte man das relativ gut abschätzen. Das ist heute nicht mehr möglich.“

    Muslime stehen im Schatten einer Moschee in Kosovo
    © AFP 2018 / Armend Nimani
    Die Bürger ihrer Kleinstadt hätten laut der Kommunalpolitikerin auf die erste Nachricht, Linda W. habe sich radikalisiert und kämpfe nun für den IS, mit „Unglauben und Entsetzen“ reagiert. „Viele konnten sich das einfach nicht vorstellen, ein Mädchen aus unserem kleinen Ort“, erklärte sie weiter. „Sie müssen sich das vergegenwärtigen: In Pulsnitz gibt es kein Flüchtlingsheim und wahrscheinlich noch nicht mal praktizierende Muslime. Auf jeden Fall sind wir eine Stadt, die unter keinen Umständen irgendwo der Ausgangspunkt der Radikalisierung gewesen sein kann. Wir haben 7.800 Einwohner, keine Flüchtlinge und trotzdem ist ein solcher Fall bei uns passiert. Er wäre, aus meiner Sicht, in jeder Stadt, die über Internetanschlüsse verfügt, möglich gewesen.“

    Momentan warten die Bürger des Ortes ab, ob es sich wirklich um Linda handelt: „Das hoffen wir natürlich und möchten, dass das Mädchen heil wieder nach Hause kommt“, so Bürgermeisterin Lüke. „Ansonsten erleben unsere Bürger grade sehr viel Medienpräsenz in unserem Ort. Eigentlich kann keiner etwas Genaues sagen. Weil wir alle nur vermuten können, dass Linda tatsächlich diejenige ist, die wir dort auf den Bildern sehen.“

    Behörden prüfen Identität

    Derzeit prüfen die deutschen Behörden immer noch die Identitäten der festgenommen IS-Frauen. "Wir haben derzeit keine Bestätigung für die Festnahme von Linda W. und prüfen momentan, ob wir die Person identifizieren können“, so eine Sprecherin vom Landeskriminalamt (LKA) Sachsen auf Sputnik-Anfrage. Eine nicht näher genannte polizeiliche Quelle aus dem Irak habe den deutschen Behörden neue Information zur Person Linda W. gegeben. „In dieser Richtung ermitteln wir nun“, so die LKA-Sprecherin weiter. „Wir prüfen derzeit, mehr können wir nicht sagen. Die Ermittlungen leitet die Staatsanwaltschaft Dresden.“

    Eine Anfrage bei der dortigen Staatsanwaltschaft ergab folgende Antwort: „Im Moment steht im Vordergrund festzustellen, ob es sich bei der Verhafteten um Linda W. handelt.“, teilte Oberstaatsanwalt Lorenz Haase, Pressesprecher der Dresdner Staatsanwaltschaft mit. „Ein Ergebnis haben die Prüfungen bisher nicht gebracht. Wann dies vorliegen wird, kann ich derzeit nicht sagen. Die Polizei wird dazu alle nötigen Ermittlungen führen. Wenn es so sein sollte, würden wir das hier zwischenzeitlich eingestellte Verfahren wieder aufnehmen. Das Verfahren hatten wir eingestellt, da uns der Aufenthalt der Jugendlichen nicht bekannt war.“ Die Staatsanwaltschaft gehe davon aus, dass Linda W. im Falle einer positiven Identifikation nach Deutschland überstellt werden würde.

    Auch die Bundesregierung konnte bisher nicht bestätigen, ob Linda W. unter den verhafteten Mädchen war. „Wir sind mit den zuständigen Stellen der irakischen Regierung und ihren Sicherheitsbehörden im Kontakt“, sagte Martin Schäfer, Sprecher des Auswärtigen Amts, auf einer Pressekonferenz.

    Alexander Boos

    Das komplette Interview mit Bürgermeisterin von Pulsnitz, Barbara Lüke zum Nachhören:

    Zum Thema:

    IS auf Vormarsch in Europa - Westen hat aber mehr Angst vor Russland
    „Niemand will aus dem Spiel“: IS-Gegnern droht neues Ringen um Syrien
    Syrien: IS vermint christliches Pilgerzentrum in Rakka
    Tags:
    neue Kämpfer, Radikalisierung, Dschihadisten, Internet, IS, Facebook, Irak, Deutschland
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren