19:50 20 Oktober 2018
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    „Willkommenskultur“-Küche: Gleichgeschaltete Medien und unwillkommene Wahrheiten

    © AFP 2018 / John Macdougall
    Gesellschaft
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    Die Flüchtlingskrise ist 2015-2016 in den deutschen Leitmedien schöngeredet worden – zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Studie der Otto Brenner Stiftung. Und auch heute noch scheinen bestimmte Narrative bevorzugt verbreitet zu werden, während man über andere lieber schweigt.

    Es gibt viele Wege, über aktuelle Ereignisse zu berichten, viele unterschiedliche Fragen, die ein Journalist stellen kann. Und es gibt mehrere Wahrheiten. So auch bei der Flüchtlingskrise, mit der Deutschland sich vor allem in den Jahren 2015 und 2016 konfrontiert sah. Doch in den deutschen Leitmedien herrschte erstaunliche Einigkeit in der Berichterstattung zu dem so kontroversen Thema – genau das kritisiert der Medienwissenschaftler Michael Haller in seiner neusten Studie „Die Flüchtlingskrise in den Medien“, die er im Auftrag der Otto Brenner Stiftung angefertigt hat.

    Mehr als 30.000 Berichte von deutschen Leitmedien wie FAZ, SZ, Welt und BILD, sowie aus Lokal- und Regionalzeitungen und den reichweitenstarken Onlinemedien focus.de, tagesschau.de und Spiegel Online hat Haller für den Zeitraum 2015-2016 ausgewertet. Ihn hat interessiert: Wurde in den analysierten Medien neutral über die Ereignisse berichtet? Trug die mediale Berichterstattung zu einer gesamtgesellschaftlichen Erörterung und Verständigung über eine allgemein gewollte Form der Willkommenskultur bei? Sind die veröffentlichten meinungsbetonten Formate ein Beispiel für etablierten Meinungspluralismus, oder bilden sie das allgemeine Meinungsbild eher einseitig ab? Wer kam überhaupt in der Berichterstattung zu Wort – vornehmlich regierungsnahe Stimmen oder auch die direkt Betroffenen, also Geflüchtete oder engagierte Freiwillige selbst?

    Die Ergebnisse zeigen laut dem Medienwissenschaftler, dass die Berichte Schlagseite hatten – zu Wort kamen vor allem Politiker und dann auch hauptsächlich jene, die die deutsche „Willkommenskultur“ zelebrierten. Im Nachhinein wirke diese selbstgefällig, so Haller gegenüber dem NDR. Viele Menschen hätten erst im Nachhinein begriffen, dass die Realität des „Wir schaffen das“ ganz anders aussehe als in den Medien dargestellt und hätten mit Frustration und Ablehnung reagiert. Dass die Presse die kritischen Stimmen zu wenig zu Wort hat kommen lassen, habe ihr in der Konsequenz einen Vertrauensverlust seitens der Leser eingebracht.

    Der freie Journalist Peter Nowak stimmt Haller zu, dass viele Probleme hinter den Hymnen auf die „Willkommenskultur“ verschwunden sind.

    „Die Kritik an der Metapher der deutschen „Willkommenskultur“ würde ich teilen. Im Herbst 2015 wurde von der TAZ, der FAZ und anderen Medien dieser Begriff, der moralisch aufgeladen war, verstärkt benutzt. Viele Probleme, die es gab, wurden einfach weggewischt. Es wurde so getan, als sei Deutschland ein einiges Volk von Leuten, die Migranten willkommen heißen. Die Fakten, die auch von Umfragen bestätigt worden sind, dass es in Deutschland einen signifikant hohen Prozentsatz von Leuten mit fremdenfeindlicher Einstellung gab und gibt, wurden ausgeblendet. Es geht hier wohlgemerkt um die Mitte der Gesellschaft und nicht um den rechten Rand. Wer dagegen argumentierte oder andere Aspekte einbrachte, galt als Spielverderber.“

    Richtiger Ansatz, falsche Schlüsse

    Auch damit, dass zumindest im Zeitraum August, September, Anfang Oktober 2015 fast nur Politiker in den Medien zu Wort kamen, die die „Willkommenskultur“ hochhielten, habe Haller Recht. Jedoch hätte Nowak sich, anders als Haller, nicht mehr Stimmen der sogenannten „Wutbürger“ gewünscht, sondern solche von betroffenen Migrantinnen und Migranten.

    „Haller hat damit Recht, dass viele Akteure nicht zu Wort kamen, aber man muss jetzt nicht, wie in der Studie, in erster Linie die Kommunen oder die rechten Wutbürger nehmen. Wer auch nicht zu Wort kam, waren die Migranten selbst. Und wenn, dann kamen sie zu Wort als dankbare Leute, die Hilfe bekommen haben, teilweise standen auch ihre schlimmen Erlebnisse im Vordergrund. Aber ihre Bedürfnisse und ihre Kritik – wenn sie wochenlang in Heimen leben oder stunden- und tagelang für Asylanträge anstehen mussten – wurden oft ausgeblendet. Es wurde als Meckerei oder Undankbarkeit gesehen.“

    In der Studie sei viel zu kleinteilig auf Einzelfälle wie den kleinen sächsischen Ort Tröglitz eingegangen, wo „besorgte Bürger“ gegen die Unterbringung von Flüchtlingen mobil gemacht hatten – später habe sich rausgestellt, dass dahinter organisierte rechte Strukturen gestanden hätten.

    „Sie haben dann auch Migranten in Bussen angegriffen, die Bilder gingen um die Welt. Örtliche Politiker sind mit Morddrohungen unter Druck gesetzt worden, der ehrenamtliche Bürgermeister ist zurückgetreten. Die Studie kritisiert, dass der Bürgermeister und die Leute, die ihn verteidigt haben, zu stark zu Wort gekommen sind und nicht die besorgten Bürger. Ich fände es fatal, wenn die Rechten zu Wort gekommen wären. Es war aber Pressearbeit im aufklärerischen Sinne, dass eben gezeigt wurde, wer eigentlich hinter diesen besorgten Bürgern steht. Dass das in der Studie aber nicht gewürdigt und von einer Kampagne gegen die Bürger gesprochen wurde, widerspricht dem Anspruch von Haller, dass Medienvertreter aufklären statt alles nachplappern sollen.“

    Auch von einer „Schweigespirale“, die systematisch Probleme von Migration unten halten sollte, könne nicht die Rede sein, so Nowak.

    „Sinnvoll wäre es gewesen, über diese Betroffenheitssache, die in der Kampagne der Willkommenskultur mit drinsteckte, zu den Fluchtursachen überzugehen“, schlussfolgert der freie Journalist. „Da war aber nicht die Neutralität das Problem, sondern die medialen Möglichkeiten, finanzieller wie organisatorischer Art, um solche Projekte überhaupt zu bewerkstelligen. Es gibt ein Paar gute Beispiele, wo Journalisten mit Förderung von Stiftungen nach Afrika fahren, in die Länder, wo die Migranten herkommen und dort mit Angehörigen von Menschen reden, die ums Leben gekommen sind. Das wäre so eine Forderung an die Medien, diese Zusammenhänge deutlich zu machen.“

    Ungleichgewicht auch heute noch gegenwärtig

    Im Zusammenhang mit der Berichterstattung über den Krieg gegen den IS und die Flüchtlingsströme gibt es nach wie vor Fragen, die von Kritikern aufgeworfen werden. So fragt beispielsweise die britische Zeitung „Independent“ am 21.07.2017: Wo bleibt der öffentliche Aufschrei über die zehntausende tote Zivilisten in Mossul? Während sich die ganze Welt über die Opfer der Bombardierung von Ost-Aleppo empöre, spreche kaum jemand darüber, dass Berichten von Amnesty International und irakischen Offiziellen zufolge bis zu 40.000 Zivilisten durch den Beschuss seitens der Regierungstruppen und unterstützt durch die US-geführte Koalition getötet worden seien.

    Auch die häufigen Programmbeschwerden wegen unausgewogener Berichterstattung gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. So verfassten zuletzt der frühere Tagesschau-Redakteur Volker Bräutigam und der Ex-Vorsitzende des ver.di-Betriebsverbandes NDR, Friedhelm Klinkhammer, ein Schreiben an die NDR-Rundfunkräte, in dem sie kritisierten, dass in der Syrien-Berichterstattung unterschlagen werde, dass im ersten Halbjahr 2017 mindestens 440.000 Flüchtlinge wieder nach Syrien zurückgekehrt sind. Das belegen die Zahlen des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR). Laut Bräutigam und Klinkhammer verzerre eine solche Darstellung das Bild von den Verhältnissen in Syrien. Wörtlich heißt es in dem schreiben:

    „Natürlich passt diese Information nicht in den tendenziösen Berichterstattungsrahmen der ARD-aktuell. Die pflegt lieber weiter ihr verzerrendes Bild vom „Machthaber Assad“ und seiner „Fassbomben“ und "Giftgas gegen das eigene Volk“ einsetzenden Armee und demonstriert ihre unverbrüchliche Sympathie mit dem völker- und kriegsrechtswidrigen Treiben der USA und deren „Partner“; sie behält ihre transatlantischen Schlagseite bei. Folgerichtig unterschlug sie die UNHCR-Nachricht von der Rückkehrerwelle nach Syrien und berichtete in der zurückliegenden Woche lediglich über die Aktivitäten der US-geführten Koalition in Syrien (zu der, das Völkerecht und das Grundgesetz missachtend, auch die Bundeswehr gehört. Dass der „Tornado“-Einsatz der BW in Syrien objektiv einen Verfassungsbruch darstellt, hat ARD-aktuell so natürlich ebenfalls nicht berichtet).Da das Flüchtlingsproblem Syriens monatelang fester Teil der Berichterstattung von ARD-aktuell war, ist es sachlich nicht gerechtfertigt, dass über die Angaben der UNHCR in den ARD-aktuell-Sendungen sowohl am 1. als auch 2. Juli 2017 mit keiner Silbe berichtet wurde.”

    Ilona Pfeffer

    Das komplette Interview zum Nachhören:

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