10:30 11 Dezember 2017
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    Am Eingang eines Jobcenters für Migranten und Flüchtlinge in Berlin (Archivbild)

    Vom Architekten zum Tellerwäscher – trotz Bildung kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt

    © AFP 2017/ John Macdougal
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    Fachkräftemangel und unbesetzte Lehrstellen einerseits, zehntausende arbeitssuchende Flüchtlinge andererseits: Was sich nach einer Chance auf Vollbeschäftigung und Integration anhört, scheitert in der Realität oft an bürokratischen Hürden und Sprachbarrieren.

    Aktuelle Zahlen der Bundesagentur für Arbeit belegen: Derzeit sind in Berlin knapp 28.000 Flüchtlinge als arbeitssuchend registriert. Das sind fast doppelt so viele wie vor einem Jahr. Obwohl die Mehrzahl der Flüchtlinge geringqualifiziert ist, besitzt die zahlenmäßig größte Gruppe der arbeitslos gemeldeten Flüchtlinge (8505) Abitur, darunter sind auch Akademiker.

    Die erste große Hürde stelle die Arbeitserlaubnis dar, erklärt die Juristin Semira Sare, Leiterin der Beratungswerkstatt für Geflüchtete an der Technischen Hochschule Köln.

    „Eine Arbeitserlaubnis zu bekommen, ist für viele schwierig. Diejenigen, die als Flüchtlinge hergekommen sind und deren Asylverfahren noch nicht abgeschlossen ist, haben eine Aufenthaltsgestattung, damit aber noch keine Arbeitserlaubnis. Sie müssen erstmal einen Arbeitgeber finden, der sich auf diesen prekären Status der Duldung einlässt. Aus Sicht der Arbeitgeber heißt das: Man stellt jemanden ein, bei dem es gar nicht sicher ist, wie lange er hier bleibt. Diese Zusage muss im Vorfeld erfolgen und dann zusammen mit einem Antrag auf Erteilung der Beschäftigungserlaubnis bei der Ausländerbehörde eingereicht werden. Wenn die Behörde dann die Beschäftigungserlaubnis erteilt, kann man als Flüchtling eine Arbeit aufnehmen.“

    Die tiefer greifenden Gründe, weswegen viele Flüchtlinge keinen Zugang zu Weiterbildungen oder einem Berufseinstieg hätten, seien jedoch vor allem mangelnde Sprachkenntnisse und die Nicht-Anerkennung vorhandener Abschlüsse.

    „Am leichtesten zu vermitteln sind diejenigen, die schon eine Berufsausbildung haben. In den handwerklichen Berufen ist das wahrscheinlich am einfachsten, weil die Zusatzqualifikationen in der Regel nicht so umfangreich sind. Das Hauptproblem ist eigentlich die Sprache. Gerade in den akademischen Berufen, z.B. in der Medizin. Die Mediziner müssen dieselben Standards, wie in Deutschland, erfüllen. Auch wenn sie in ihrer Heimat bereits berufstätig gewesen sind, wird ihr Abschluss nicht per se anerkannt. Außerdem muss man in den akademischen Berufen viel höhere Sprachanforderungen erfüllen, um einen Berufseinstieg zu finden. Man muss C1 erfüllen, also nahezu perfekt Deutsch können, um an einer Hochschule noch einmal ein Studium aufzunehmen oder sich weiter zu qualifizieren“, erklärt die Juristin, die aus eigener Erfahrung weiß, wie schwer es ist, Deutsch zu lernen.

    Wer überhaupt Zugang zu Sprach- und Integrationskursen bekomme, hänge von der Bleibeperspektive ab, so die Expertin. Das heißt: Kommt ein Flüchtling aus einem Land wie Afghanistan, bei dem die Wahrscheinlichkeit, dass das Asylverfahren positiv abgeschlossen wird, unter 50 Prozent liegt, bekommt er keine Sprachkurse und somit auch keine Chance, sich auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu behaupten.

    „Wenn sie nicht das Glück haben, dass Menschen aus ihrem Umfeld ihnen helfen, in Kurse reinzukommen oder Privatunterricht zu erhalten, dann haben sie keine Chance“, so Sare.

    Fachkräftemangel und hunderte unbesetzte Lehrstellen – eine Integrationschance?

    Noch nie seit der Wiedervereinigung hätten es junge Leute so leicht gehabt, eine Lehrstelle zu finden, schreibt der MDR am Montag. Allein in Sachsen gebe es derzeit pro Bewerber 23 freie Lehrstellen. Vor allem in handwerklichen Betrieben habe man Schwierigkeiten, Lehrlinge zu finden, kaum jemand wolle heutzutage noch Dachdecker oder Fleischereifachverkäufer werden.

    Die Lösung scheint so einfach wie genial: Warum nicht jungen Flüchtlingen mit einer handwerklichen Ausbildung eine echte Chance auf Integration geben und zugleich den Betrieben ihre Nachwuchssorgen nehmen?

    Das sei nicht so einfach, erklärt Semira Sare, denn auch für eine handwerkliche Ausbildung bräuchten die Lehrlinge ein gewisses Sprachniveau. Wer in Syrien Arzt war, der werde in Deutschland zwar beispielsweise als Pfleger angestellt, um einen Beruf ganz neu zu erlernen, müsse der Lehrling aber gut mit seinen Kollegen und Vorgesetzten kommunizieren können.  Außerdem gebe es immer wieder Fälle von abgelehnten Asylbewerbern, die aus Verzweiflung versuchen, über die sogenannte Ausbildungsduldung eine Aufenthaltserlaubnis zu kriegen.

    Ein junger Syrer mit einem großen Traum

    Sami ist einer der fast 28.000 Flüchtlinge, die derzeit in Berlin als arbeitssuchend gemeldet sind. Er ist 28 und kommt aus Syrien, wo er Architektur studiert und abgeschlossen hat. Da es eine Privatuniversität nach amerikanischem Modell war, wird sein Abschluss sogar international anerkannt. Eines Tages möchte der junge Mann auch gern als Architekt arbeiten, egal in welchem Land er sich dann befinden wird. Doch solange er in Deutschland ist, muss er auf dem Weg zum Traumberuf noch viele Hürden nehmen.

    Als er in Deutschland angekommen sei, habe er verstanden, dass er zunächst die Sprache lernen müsse, bevor er einen Berufseinstieg machen könne, erzählt Sami im Sputnik-Interview.

    „Zuerst musste ich lange warten wegen der verschiedenen Anträge bei der Ausländerbehörde und dem Jobcenter. Dann schrieb ich mich für den Sprachkurs ein und begann meinen ersten Kurs. Zeitgleich bekam ich das Angebot, ein sechswöchiges Praktikum in einem Hostel in Berlin zu absolvieren. Eine deutsche Freundin hat mir geholfen, diese Stelle zu finden. Weil mein Praktikum erfolgreich verlaufen ist, habe ich anschließend das Angebot über einen Mini-Job in dem Hostel bekommen. Es war eine schöne Erfahrung: Ich arbeitete an der Bar, hatte internationale Gäste und habe viele Freunde hinzugewonnen.“

    In seiner eigentlichen Fachrichtung als Architekt habe er keine Stellenangebote vom Jobcenter bekommen. Immer wieder habe ihm die zuständige Stelle die gleichen zwei-drei Jobangebote im Bereich Gastronomie, Bar, Hostel geschickt, erzählt der junge Syrer. Er habe sich dort auch gemeldet, doch oft überhaupt keine Antwort bekommen. Mittlerweile werde er zu Vorstellungsgesprächen eingeladen, sodass er optimistisch sei, die passende Stelle zu finden. Langfristig wolle er aber versuchen, ein Zweitstudium in Deutschland zu absolvieren.

    „Mir wäre es sehr wichtig, in Deutschland zu studieren. Ich habe mich im Internet informiert und weiß jetzt, dass Deutschland der beste Platz ist, um Bildung zu bekommen. Ich würde gern einen Hochschulabschluss in Deutschland machen, das würde mir für meine Zukunft helfen, egal, wo ich leben werde.“

    Ilona Pfeffer

    Die Interviews zum Nachhören:

    Sami

    Semira Sare

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    Tags:
    Flüchtlinge, Gründe, Arbeitslosigkeit, Syrien, Berlin, Deutschland
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