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09:19 21 Oktober 2019
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    Frauen, die aus dem IS-besetzten Gebiet von Mossul geflohen sind (Archivbild)

    „Für 25 € mit dem Taxi ins IS-Gebiet“ – IS-Mädchen: Von Radikalisierung zur Ausreise

    © AFP 2019 / Delil Souleiman
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    Was passiert genau, wenn sich eine junge Frau radikalisiert und zum "Islamischen Staat" (IS) ausreisen will? Wie wird die Ausreise in den Nahen Osten, zum IS, organisiert? Über welche Kontakte? Welche Mittelsmänner und Netzwerke spielen hier – auch international – eine Rolle? Sputnik sprach exklusiv mit Expertinnen über brisante Fallbeispiele.

    Islamismus-Experten können mittlerweile relativ gut rekonstruieren, was die im Irak verhafteten IS-Mädchen, wie die 16-jährige Linda W. aus Sachsen, vor ihrer Ausreise zur Terror-Organisation „Islamischer Staat“ (IS) erlebt haben. Zu diesem Expertenkreis zählen auch Birgit Ebel, Aktivistin in Herford, sowie Sigrid Herrmann-Marschall, Islamismus-Expertin aus Frankfurt/Main.

    Die zwei Expertinnen erklärten exklusiv gegenüber Sputnik, wie sich so ein Prozess darstellen könnte: Von der Radikalisierung in Deutschland bis zur Ausreise zum IS. Wie sieht so eine „Reise-Route“ aus?

    „Romeo-Effekt“: Radikalisierung beginnt in Deutschland

    Es gebe verschiedene Ausgangslagen für radikalisierte, junge Frauen. „Wir könnten uns ein Mädchen aus einer streng-religiösen, muslimischen Familie vorstellen“, sagte Ebel, Gründerin der Präventions-Initiative „extrem dagegen!“, gegenüber Sputnik. „Das Mädchen möchte für sich eine eigene Welt schaffen und tritt plötzlich viel religiöser auf, als die Eltern oder Brüder das von ihr verlangen. Sie sucht dann selbständig den Kontakt zu radikalen Salafisten, die sie ohne Probleme im Internet finden kann.“ Die Salafisten könnten dann mit der Radikalisierung beginnen. „Das ist wie eine Gehirnwäsche“, kommentierte Herrmann-Marschall, Dozentin für Erwachsenenbildung, im Sputnik-Gespräch.

    Ein anderer, hypothetischer Fäll wäre der einer jungen deutschen Frau. „Die vielleicht in der persönlichen Krise ist“, so Lehrerin Ebel weiter. „Wo die junge Frau in irgendeiner Weise orientierungslos ist. Eventuell eine Familie hat, die sich nicht kümmert. Sie interessiert sich nun für den Islam, geht in eine Moschee.“ Nun werde diese junge Frau vor Ort persönlich angesprochen von jungen Männern, die bereits radikalisiert sind. „Diese salafistischen Rekrutierer sind innerhalb von gut organisierten Netzwerken deutschlandweit vertreten. Wir gehen hierzulande von über 650 islamistischen Gefährdern aus, darunter auch sehr junge Männer.“ Sie spricht hier vom „Romeo-Effekt“. Die Männer wüssten, dass die Mädchen ganz schnell heiraten wollen und beeinflussen die Frauen dann über Versprechungen, bis hin zu Hochzeit und Flucht.

    Ein „herausgehobener Fall“ fand laut Angaben der Islamismus-Expertin Herrmann-Marschall kürzlich in Leipzig statt. „Ein Dolmetscher, der einer extremistischen Moschee zugeordnet werden konnte, hatte muslimische Flüchtlinge angesprochen“, schilderte sie.

    „Die zuständigen Sicherheitsbehörden haben sich nach einiger Zeit gewundert, weil diese Flüchtlinge in ihre Heimatländer zurück wollten. Doch nicht, um in der Heimat humanitäre Hilfe zu leisten, sondern um für den IS zu kämpfen. Solche Fälle sind ganz dringend zu verhindern. Deswegen brauchen wir Struktur-Analysen und möglichst viele Informationen über diese Dinge, um die Bevölkerung zu informieren und zu schützen.“

    „Lukratives Geschäft“: Ausreise zum IS wird vorbereitet

    „Die islamistischen Rekrutierer in Deutschland haben internationale Kontakte zum IS im Nahen Osten, in Syrien und anderen Ländern“, so Ebel weiter.

    „Und: Sie verdienen Geld damit. Weil sie männliche Kämpfer und zukünftige IS-Bräute vermitteln, die für Nachwuchs für den IS sorgen. Das ist ein lukratives Geschäft. Oft stecken da auch Personen aus dem kriminellen Milieu dahinter. Das vermischt sich alles. Die Rekrutierenden treffen sich mit Angeworbenen, zunächst erstmal anonymisiert, in sogenannten Hinterhof-Moscheen. Oder in Wohnungs-Dawas, also konspirativen Wohnungen. Hinter verschlossenen Türen, in abgeschlossene Räumen, kaum kontrollierbar.“

    Es gebe einige „Standorte des IS in Deutschland“ in ihrer Region, so in Detmold und auch in Osnabrück.

    Wenn das Vertrauensverhältnis zwischen dem männlichen IS-Rekrutierer und dem Mädchen aufgebaut sei, dann würden konkrete Treffpunkte ausgemacht. Von diesen aus könne das Mädchen dann die Reise zum Flughafen antreten. „In der Regel reist das Mädchen nicht allein, sondern wird noch von anderen Radikalisierten beim Flug und auf der Reise begleitet. Oft auch von einer bereits radikalisierten Freundin in ähnlichem Alter.“ Bei vielen IS-Mädchen, so auch bei Linda W., erfolgte der Flug vom Flughafen Frankfurt/M. aus nach Istanbul in die Türkei. Radikale, die Linda W. in einem Online-Chat kennenlernte, halfen hier auch das Flugticket nach Istanbul zu besorgen.

    „Für 25 Euro mit dem Taxi zum IS“ – zentraler Transitort Gaziantep

    In der türkischen Metropole angekommen, warten salafistische Kontaktpersonen und bestimmen für das neu ankommende Mädchen die weitere Route. „In der Türkei wirken sehr viele Islamisten, auch viele Unterstützer des IS, zudem gehen die türkischen Behörden sehr lasch mit Verlängerungen von Personaldokumenten und Pässen um, auch davon profitieren die Radikalen“, so Ebel. „Über Mittelsmänner wird das Mädchen hier an Netzwerke und Personen herankommen. Das sind Schlüsselfiguren, die das Mädchen dann durch die Türkei weiterschleusen.“ Richtung IS-Gebiet. Zu diesem gehören hauptsächlich Teile der nahöstlichen Staaten Irak und Syrien.

    Gaziantep liegt etwa zwölf Autostunden von Istanbul entfernt in Südostanatolien. Die türkische Stadt liegt knapp 50 Kilometer vor der syrischen Grenze. „Dieser Ort ist ein zentraler Transit- und Umschlagsplatz für den IS“, so Ebel. „In Internet-Profilen von bekannten Islamisten wird Gaziantep oft als Wohnort angegeben, obwohl diese Leute in Herford, Detmold, Gütersloh oder Bielefeld wohnen.“ Allein die Nennung der Stadt im Impressum, sei ein „geheimer Code und ein Signal“ für andere IS-Sympathisanten in Deutschland. Zudem sei es laut Ebel für Kräfte der türkischen und syrischen Armee äußerst schwer, die „lange und offene“ türkisch-syrische Grenze zu bewachen. „Mir kamen Experten-Berichte zu Ohren, die sagen: Es ist überhaupt kein Problem von Gaziantep mit dem Taxi zum IS zu gelangen. Da muss man 25 Euro hinblättern und schon ist man im Terrorgebiet des Islamischen Staats.“

    Aufgaben für IS-Mädchen – und Lösungen

    Dort erwartet die Mädchen ein teilweise hartes Schicksal. So berichten Medien, die Mädchen würden einerseits als „Ehefrauen, IS-Gebärmaschinen und Sex-Sklavinnen“ missbraucht. Manche von ihnen bekämen auch „höherwertige“ Aufgaben. So arbeiten manche für die IS-Sittenpolizei, um die Einhaltung streng-islamistischer Regeln zu überwachen. Andere wiederum kämpfen gar für den IS oder arbeiten für den Propaganda-Apparat der Islamisten.

    „An jeder Stelle dieser Route kann eingehakt werden“, so Ebel. „Am wichtigsten bleibt aber, das Problem im Keim zu ersticken. Das bedeutet Prävention und Prophylaxe. Durch gute Bildungsarbeit an den Schulen, durch eine gute Demokratie-Pädagogik mit den Inhalten Humanismus, Gleichberechtigung und Chancengleichheit. Wir müssen sehr stark darauf achten, welches Welt- und Menschenbild die von Radikalisierung bedrohten Jugendliche haben. Wir müssen auf bestimmte Sprüche und Äußerungen achten.“ Dort könne dann durch Eltern, Lehrer und Freunde eingegriffen werden. „Das ist aber vor allem Aufgabe der Schule.“

    Radikalisierungs-Hotline: Was tut der Staat?

    „Die Bundesregierung misst den Themen Prävention und Deradikalisierung einen hohen Stellenwert bei“, teilte Thomas Ritter, Pressesprecher vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Nürnberg, auf Sputnik-Nachfrage mit. „Daher hat das BAMF im Januar 2012 die Beratungsstelle ‚Radikalisierung‘ auf Initiative des Bundesministeriums des Innern eingerichtet, um den Herausforderungen im Bereich Islamismus sowie Salafismus entgegentreten zu können.“ Damit wurde laut Eigenaussage ein „Angebot mit internationalem Vorbildcharakter“ geschaffen. Die Beratungsstelle Radikalisierung diene als erste Anlaufstelle für Angehörige und das soziale Umfeld von sich radikalisierenden Menschen. „Seit Gründung der Beratungsstelle wurden mehr als 3.600 Anrufe entgegengenommen. Daraus entstanden mehr als 950 Beratungsfälle, die zur weiteren Bearbeitung an die zivilgesellschaftliche Kooperationspartnern weitergegeben wurden“, sagte er weiter.

    „Gemeinsam kümmern sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter um die telefonische Beratungshotline“, so der BAMF-Sprecher weiter. „Sie arbeiten beratend mit zivilgesellschaftlichen Organisationen und Vereinigungen zusammen und sind auch zuständig für die Kooperation mit staatlichen Behörden.“

    Die Beratungsstelle wird ausschließlich durch Bundesmittel finanziert und das Finanzierungsvolumen für das Jahr 2017 umfasst etwa 650.000 Euro. Die Gesamtzahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des gesamten Beratungsnetzwerks beträgt rund 60 Personen. Aktuell sind sechs Mitarbeiter in der Beratungsstelle tätig. Hierbei handelt es sich um Politikwissenschaftler, Sozialwissenschaftler, Sozialpädagogen und Psychologen.“ Sowohl Ebel als auch Herrmann-Marschall befürworteten im Sputnik-Interview die Arbeit dieser staatlichen Präventionsstelle.

    Alexander Boos

    Die Interviews zum Nachhören

    Birgit Ebel 

    Sigrid Herrmann-Marschall

     

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    Tags:
    Wege, Ausreise, Islamismus, Mädchen, Radikalisierung, Salafisten, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), Terrormiliz Daesh, Deutschland