16:05 21 September 2017
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    Ein Duden-Wörterbuch

    „Fake News“ und „Twitter“ nun Duden-reif: Was sagt das über Sprache und Zeitgeist?

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    Gesellschaft
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    In den neuen Rechtschreibduden sind 5.000 neue Wörter geflossen. Viele Anglizismen finden sich dort, darunter Snapchat, Fake News und liken. Wie ist das einzuschätzen und ist das die Aufgabe des Dudens? Linguistik-Professor Ekkehard Felder von der Heidelberger Universität beantwortet im Sputnik-Interview diese Fragen.

    Es sei nichts Ungewöhnliches, dass Menschen neue Worte aufgriffen, um sich in Gruppen angemessen auszudrücken. „Vor allem Jüngere tendieren dazu, Ausdrücke zu verwenden, die den Zeitgeist, das Hipsein zum Ausdruck bringen“, sagt Felder. Dass der Duden hier in Sachen Rechtschreibung Aufklärungsarbeit leiste, sei zunächst einmal nichts Verkehrtes.

    Problematischer sei aus Sicht des Linguisten dagegen die Aufnahme von Ausdrücken wie Twitter, Snapchat und Instagram, die zugleich auch Markennamen sind, „weil hier wirtschaftliche Aspekte und politische vermischt werden“. Ein umstrittener Fall sei in der Vergangenheit bereits das Wort 'googeln' gewesen.

    „Ich will das große Imperium Google nicht noch stark machen, indem ich dieses Verb 'googeln' als Synonym nehme für 'im Netz recherchieren'“, erklärt Felder seine Position.

    Immer wenn er Studenten zur Internet-Recherche anweist, sagt er deswegen: „Suchen Sie bitte in einer Suchmaschine Ihrer Wahl.“ Und auch bei seinen Mitmenschen wünscht sich der Sprachforscher mehr Sprachbewusstsein. Denn während er an die Gefahr eines Sprachverfalls nicht glaubt, sieht er eine „schleichende Einflussnahme ökonomischer Interessen“ durchaus gegeben.

    Eine Möglichkeit könnte die Suche von „neutralen nicht durch Markennamen geprägten Ausdrücken“ sein. Also so wie es bei 'Tempo' das Wort 'Taschentuch' gibt, wäre es wünschenswert auch bei 'Twitter' ein neutrales Wort für solche Plattformen zu haben. Die Verwendung solcher Ausdrücke hebe auch zugleich die Sprachbewusstheit des Sprechers. „Aber es ist gar nicht so leicht, neue Wörter durchzusetzen in der Sprachgemeinschaft“, bemerkt der Linguist und verdeutlicht das an einem Versuch: In einem Wettbewerb sollte ein Wort für 'nicht durstig' gefunden werden. Der Gewinner war das Wort 'sitt'. Dieses wurde aber nie akzeptiert.

    „Das ist das Schöne an der Sprachgemeinschaft“, bemerkt Felder dazu. „Sie hat manchmal etwas Anarchistisches, so leicht ist sie nicht zu manipulieren.“

    Die Aufnahme des Ausdrucks Fake News dagegen findet der Forscher sinnvoll: Es sei ein Wort, das geprägt worden ist bei der Populismusdebatte in den USA und hinübergeschwappt ist nach Europa. Das Wort enthalte damit ganz andere „kulturelle Spuren“ als etwa der Ausdruck 'Falschmeldung'. Es sei auch etwas anderes damit bezeichnet:

    „Bei Fake News ist das schwierig, da haben wir es oft mit Auslegungsproblemen zu tun oder Lügen.“ Es handle sich bei Fake News um „Erscheinungsformen, die die Vagheit der Sprache zu instrumentalisieren suchen für ihre politische Ausrichtung“.

    Also keine Fehlinformation, nur eben der Missbrauch von Mehrdeutigkeiten, Tonlagen, isolierten Fakten. Es sei zu begrüßen, dass die Menschen diesen Ausdruck verwendeten, denn das bedeutet für den Linguisten, dass sie eine höhere Sprachbewusstheit entwickeln.

    Was den etwas willkürlichen und sehr zeitgebundenen Charakter der Auswahl mancher Worte für den neuen Duden betrifft, bemerkt Felder: „Man muss sich eins vor Augen führen: Duden, der Verlag, ist ein Wirtschaftsunternehmen und keine staatlich eingerichtete Instanz.“ Deswegen müsse sich der Duden wie jedes Unternehmen auf dem Markt behaupten gegen eine Vielzahl anderer Wörterbücher. Im Klartext: immer wieder genug Anlass schaffen, damit die neue Auflage gut verkauft wird. Hinter der Wortauswahl stehe also auch immer ein ökonomisches Interesse, so Felder.

    Das komplette Interview zum Nachhören:

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    Tags:
    Sprachwissenschaft, Fake-News, Twitter, Google, Deutschland
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