12:16 19 Dezember 2018
SNA Radio
    Karrierehengste (Symbolbild)

    Karrierehengste sind „out“: Immer mehr Deutsche bevorzugen Work-Life-Balance

    CC0
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    1261

    Immer weniger Deutsche sehen die Möglichkeit, die eigene Karriere voranzutreiben, und viele haben auch gar keine Lust dazu. Die Ursachen sieht Sabine Zimmermann (Linke) in fehlenden Anreizen, unflexiblen Arbeitszeiten und Überarbeitung.

    Wollen oder können die Deutschen sich beruflich nicht weiter entwickeln? Geht es uns zu gut oder haben wir einfach keine Perspektive? Laut einer Studie von Ernst & Young sehen nur 40 Prozent der Arbeitnehmer Aufstiegschancen in ihren Unternehmen – vor zwei Jahren waren es noch 47 Prozent. Doch auch der Wunsch, die Karriereleiter hochzuklettern, ist längst nicht mehr so ausgeprägt. Nur noch 38 Prozent der Männer (2015 waren es noch 58 Prozent) und gerade einmal 31 Prozent der Frauen (gegenüber 49 Prozent vor zwei Jahren) äußerten den Wunsch, im Unternehmen aufzusteigen.

    Sabine Zimmermann, arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linken-Fraktion im Bundestag, sieht diese Entwicklung im Zusammenhang mit fehlenden finanziellen Anreizen.

    „Die Löhne steigen nicht mehr massiv in Deutschland und damit hängt es eindeutig zusammen, dass die Leute sich sagen: Ich habe meinen Lohn, ich muss schauen, dass ich damit zurechtkomme. Hier muss sich was ändern: Die Leute müssen einfach wieder was von dem Kuchen abbekommen. Früher haben sie durch Tariferhöhungen mehr Geld in der Tasche gehabt, es gab große Erhöhungen von acht bis zehn Prozent. Davon sind wir heute weit entfernt. Und weil die Miet- und Nebenkosten sehr viel vom Lohn auffressen, bleibt wenig Geld für die Familie.“

    Doch auch die sogenannte Work-Life-Balance spiele eine wichtige Rolle und die Unternehmen sollten flexibler auf die Bedürfnisse von berufstätigen Müttern und Vätern eingehen.

    „Familienleben ist Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern natürlich wichtig und man will Familie und Beruf unter einen Hut bringen. Das muss sich bei uns in Deutschland einfach verbessern. Hier muss die Möglichkeit von Arbeitszeitverkürzung her, man muss flexible Arbeitszeiten schaffen. Diese Forderungen müssen umgesetzt werden, es passiert aber nicht viel in dem Bereich.“

    Im Niedriglohnbereich würden zudem die Beschäftigten sowieso teilweise rund um die Uhr, oft an mehreren Arbeitsstellen gleichzeitig arbeiten, ein Mehr an Leistung sei da einfach nicht drin.

    Die Politikerin gibt ferner zu bedenken, dass sich auch das Arbeitstempo und Pensum in vielen Branchen stark erhöht hätten, wodurch die Beschäftigten mit Überbelastung zu kämpfen hätten.

    Die Arbeitszeitverdichtung hat zugenommen, dass Stresslevel in den Unternehmen hat massiv zugenommen. Der Burnout ist auf dem Vormarsch, die Leute haben zu kämpfen, damit sie es überhaupt schaffen, ihr Pensum in dem Bereich, für den sie zuständig sind, zu schaffen. Hier brauchen wir eindeutig Maßnahmen wie eine Anti-Stress-Verordnung. Ein anderes Beispiel ist die Erreichbarkeit von ArbeitnehmerInnen, teilweise rund um die Uhr. Es muss sich was verändern und so langsam findet auch ein Umdenken statt. Der Staat muss aber auch Maßnahmen ergreifen, damit der Arbeitnehmer in dem Pinkt geschützt wird.“

    Ein weiterer Aspekt der EY-Studie, für die 1400 Beschäftigte befragt worden sind, ist, dass mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer (56 Prozent) sich für unterbezahlt halten, wobei jedoch 71 Prozent das Lohngefüge im eigenen Unternehmen für gerecht halten.

    Von gerechten Löhnen sei man in Deutschland, vor allem in sozialen Berufen und im Osten der Bundesrepublik weit entfernt, so Zimmermann.

    „Wenn man sich ansieht, wie wenig eine Krankenschwester oder eine Erzieherin verdienen, dann wird klar: Es gibt einen großen Nachholbedarf, gerade bei Berufen, die mit Menschen zu tun haben. Hier ist noch viel Luft nach oben und muss gerechter bezahlt werden. Auch betriebliches Gesundheitsmanagement muss mehr in den Blick genommen werden.“

    Vorbild sollten dabei andere EU-Länder wie Frankreich oder Schweden sein, wo besser bezahlt wird und Angebote zur Gesundheitsversorgung und Alterssicherung von Arbeitgeberseite gemacht werden.

    Ilona Pfeffer

    Das komplette Interview zum Nachhören:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    Putin: Weltwirtschaft muss auf Arbeitskräftefreisetzung vorbereitet sein
    Einblicke in Putins Arbeitszimmer: Stone filmt präsidiales Kreml-Büro – VIDEO
    Visafreiheit für Ukraine heißt: Billige Arbeitskräfte und illegale Waffen für die EU
    Tags:
    Qualität, Leben, Karriere, Ilona Pfeffer, Deutschland