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    Das Gemälde Lenins Ankunft in Petrograd im April 1917

    Cherchez la femme: Die russische Revolution in den Augen westlicher Historiker

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    Was wäre passiert, wenn die Deutschen Wladimir Lenin nicht nach Russland transportiert hätten und der Zar Nikolaus II. nicht abgedankt hätte? Es ist ja klar, dass die Geschichte keine Wenn und Aber kennt, aber selbst 100 Jahre später beschäftigen sich zahlreiche Historiker mit diesen Fragen.

    Zum 100-jährigen Jubiläum der Ereignisse des Jahres 1917 veröffentlicht der Moskauer Verlag Alpina non-Fiction ein Buch unter dem Titel „Historische Unvermeidlichkeit? Die wichtigsten Ereignisse der russischen Revolution“. In diesem Almanach hat der britische Diplomat und ehemalige Botschafter in Russland, Sir Tony Brenton, zahlreiche Artikel von westlichen Historikern gesammelt. RIA Novosti veröffentlicht einige Fragmente.

    An allem war die Frau schuld

    Der russische Zar Nikolaus II. mit seiner Gattin Alexandra und seinem Sohn Kronprinz Aleksej (wird von einem Soldaten getragen)
    © Sputnik / Archiv
    Der russische Zar Nikolaus II. mit seiner Gattin Alexandra und seinem Sohn Kronprinz Aleksej (wird von einem Soldaten getragen)

    Das Kapitel „Der letzte Zar“ von Donald Crawford ist den Ereignissen von März 1917 gewidmet, als der Kaiser Nikolaus II. abdankte und den Thron seinem Bruder Michail überließ. Nach Auffassung des britischen Historikers hat beim Zusammenbruch des kaiserlichen Hauses der Romanows die Zarin Alexandra, gebürtige Deutsche, eine wichtige Rolle gespielt.

    „Als Nikolaus 1915 das Oberste Kommando über die Armee übernahm und in seinen Stab nach Mogiljow zog, etwa 700 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, beauftragte er seine Gattin, die in Petrograd gebliebenen Minister zu kontrollieren. Und in den darauffolgenden zwei Jahren verwandelte sich die Regierung allmählich in ihr Kabinett. Die Minister wurden nur auf Zustimmung des von allen gehassten ‚heiligen Mannes‘ Grigori Rasputin ernannt: Die Zarin glaubte absolut daran, dass der mit dem ‚göttlichen Geist‘ begabte Rasputin ihren an Hämophilie erkrankten Sohn rettete.“

    Dennoch zeigt sich der Autor überzeugt, dass damals niemand die ganze Dynastie der Romanows entmachten wollte. Sowohl die Anhänger als auch die Gegner der Zarenfamilie wollten, dass Nikolaus den Thron zugunsten seines zwölfjährigen Sohnes Alexej aufgibt. Dessen Regent sollte der jüngere Bruder des Kaisers, der Große Fürst Michail, werden.

    „Nicky zeigte Schwäche“

    Abdankung des russischen Zars Nikolaus II. (Skizze)
    © Sputnik / Archiv
    Abdankung des russischen Zars Nikolaus II. (Skizze)

    Am Ende sei die sehr verspätete Abdankung Nikolaus‘ zur Demonstration der Schwäche der russischen Monarchie geworden, findet Crawford. Diesen dramatischen Moment beschrieb er nahezu minutengenau:

    „Nikolaus ging zum Fenster und guckte nichts sehend auf die Station. Er konnte nicht die Meinung seiner Generäle abtun, die ihm eben ihr Misstrauensvotum erteilt hatten – sowohl als Zar als auch als Oberster Befehlshaber. Er konnte sie nicht suspendieren und konnte auch nicht den Streit fortsetzen. Endlich drehte er sich um und sagte: ‚Ich habe mich entschlossen. Ich werde abdanken.‘ (…) Die Nachricht über seine Abdankung verbreitete sich blitzschnell, und Nikolaus‘ Cousin, der britische König Georg V., schrieb in derselben Nacht in seinem Tagebuch: ‚Ich fürchte, an allem ist Alix schuld, und Nicky zeigte seine Schwäche.‘“

    „Überall herrschen Verrat, Feigheit und Lüge“

    Rotarmisten auf den Straßen von St. Petersburg in den Tagen der Oktoberrevolution 1917
    © Sputnik / Archiv
    Rotarmisten auf den Straßen von St. Petersburg in den Tagen der Oktoberrevolution 1917

    Dem britischen Historiker zufolge hätte damit auch alles enden können: Die „historische Unvermeidlichkeit“ – die Abdankung des Kaisers – hätte Russland vor der Revolution gerettet. Doch Nikolaus überlegte es sich anders und veröffentlichte einige Stunden später ein zweites Manifest über seine Abdankung – diesmal aber auch für seinen Erben, den Sohn Alexej. Die Motive dieser Entscheidung lassen sich jetzt nur vermuten.

    „Sturheit und Verärgerung? ‚Ihr habt mich nicht gewollt – und jetzt bekommt ihr auch meinen Sohn nicht‘? Auf diesen Gedanken könnte der verärgerte Nikolaus tatsächlich gekommen sein, aber noch größer war seine wahre Angst: Denn ohne die Hilfe seiner Verwandten wäre der schwache, an Hämophilie erkrankte Alexej einer tödlichen Gefahr ausgesetzt worden, was auch der Leibarzt der Zarenfamilie, Sergej Fjodorow, bestätigte.“

    Der Autor führt ein Zitat aus dem Tagebuch Nikolaus‘ an: „Um 01.00 Uhr nachts verließ ich Pskow mit einem schweren Gefühl nach all dem, was ich erlebt hatte. Überall herrschen Verrat, Feigheit und Lügen.“ „Wie gewöhnlich, gab Nikolaus allen anderen Schuld, nur nicht sich selbst“, schlussfolgert der Historiker.

    Nikolaus werde nie begreifen, was er damit angestellt habe, schrieb Crawford. Wegen seines „Vatergefühls“ habe er die ganze Dynastie zerstört.

    Es erscheint der „harmlose Trinker“

    Wladimir Lenin in Stockholm
    © Sputnik / Archiv
    Wladimir Lenin in Stockholm

    Im Kapitel „Auf der Bühne erscheint Lenin“ überlegte sich der Historiker Sean McMeekin, wie Wladimir Uljanow (Lenin) sich eigentlich zum Führer der russischen Revolution etabliert hatte. Ihm zufolge konnte Lenin, der im April 1917 aus der Schweiz nach Russland zurückgekehrt war, die entstandene Situation geschickt ausnutzen. Dabei hatte er vom deutschen Außenministerium das Angebot bekommen, nach Russland befördert zu werden, und dieser Idee soll der Kanzler Theobald von Bethmann Hollweg höchstpersönlich zugestimmt haben.

    „Berlin stellte fünf Millionen Mark in Gold für Lenins Reise nach Russland und seine ersten Aktivitäten dort bereit, und fünf Tage später setzte er sich in einen Zug, der vom Züricher Hauptbahnhof nach Saßnitz, die deutsche Hafenstadt an der Ostsee, abfuhr. Er wurde von Krupskaja, Radek, Sinowjew, Friedrich Platten und seiner ständigen Geliebten Inessa Armand begleitet. Nach einem kurzen Zwischenhalt in Stockholm trafen sie am 3. April, um halb zwölf Uhr nachts am Finnischen Bahnhof in Petrograd ein.“

    McMeekin zufolge hat Lenins Rückkehr nach Russland nicht nur die Kräftebalance in der russischen politischen Arena kardinal verändert, sondern auch das ganze weitere Schicksal des Landes.

    „Im Laufe von nur ein paar Wochen gelang es Lenin, die russische politische Landschaft zu radikalisieren. (…) Wenn wir einmal auf Begriffe aus dem politischen Marketing zurückgreifen, hat er seine eigene Marke als Führer der Anti-Kriegs- und Anti-Regierungs-Opposition kreiert. Da blieb ihm nur, sich an seine erklärten Prinzipien zu halten und abzuwarten, bis die anderen Führer, die den auf einmal so unpopulären Krieg führen mussten, sich vor ihm vorbeugen.“

    Den Schlüsselmoment der damaligen Ereignisse, den 24. Oktober 1917, beschrieb in seinem Artikel „Der harmlose Trinker: Lenin und der Oktober-Aufstand“ der britische Historiker Orlando Figes.

    „Gegen 10.00 Uhr abends am 24. Oktober 1917 verließ Lenin seinen Schlupfwinkel auf der Wyborg-Seite von Petrograd. Er hatte eine Perücke und eine Schirmmütze auf, als wäre er ein Arbeiter. Er hatte einen Verband auf dem Kopf. Neben seinem Begleiter, dem finnischen Arbeiter Eino Rahja, ging er in das Smolny-Institut, das Hauptquartier des Petrograder Sowjets, um seine Parteikameraden zu einem Aufstand am nächsten Tag, im Vorfeld eines Forums der Sowjets, aufzurufen. (…) Als er vor dem Taurischen Palais von einer regierungstreuen Patrouille aufgehalten wurde, dachten die Polizisten, Lenin wäre ein harmloser Trinker gewesen, und ließen ihn weitergehen.“

    Historische Unvermeidlichkeit oder Zufall?

    Lenin spricht vor den Soldaten und Arbeitern in St. Petersburg
    © Sputnik / Ewgenij Wolkow
    Lenin spricht vor den Soldaten und Arbeitern in St. Petersburg

    Figes schreibt in seinem Beitrag, vor dem Smolny hätten „Maschinengewehre“ gestanden, und die Kerenski treuen Rotgardisten wären „auf der Hut“ geblieben und hätten bei allen Passanten die Papiere geprüft. „Obwohl Lenin keinen Passierschein hatte, konnte er an den Rotgardisten vorbeigehen, indem er sich mit der Menschenmenge vermischte. Er ging direkt in den Raum 36, wo eine Versammlung der Bolschewiken stattfand, und er überredete sie, das Zentrale Parteikomitee einzuberufen. Das Zentrale Komitee verordnete den Beginn des Aufstands.“

    Hätten die Soldaten Lenin am Smolny-Eingang aufgehalten, dann hätte es keinen bolschewistischen Aufstand gegeben, zeigt sich der Historiker überzeugt. Und dann wäre das ganze Schicksal des Landes anders geworden.

    „In jedem Fall wäre es wahrscheinlich zu einem Bürgerkrieg gekommen, der aber nicht so umfassend wäre wie der militärische Konflikt, von dem Russland zwischen 1917 und 1922 erfasst wurde. Der Abdruck der historischen Unvermeidlichkeit liegt auf den Ereignissen nach dem Oktober-Aufstand und bis zum Beginn der bolschewistischen Diktatur, bis zum Roten Terror und dem Bürgerkrieg mit all seinen Folgen für das sowjetische Regime. Aber Lenins Sieg am 25. Oktober war an sich ein reiner Zufall. Wenn der ‚harmlose Trinker‘ von der regierungstreuen Patrouille erkannt worden wäre, dann hätte sich die Geschichte ganz anders entwickeln können.“

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    Tags:
    Historiker, Oktoberrevolution 1917, Nikolaus II, Wladimir Lenin, Sowjetunion, Russland