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    Lkw-Terrorangriff in Barcelona (Archivbild)

    „Autos werden zur Waffe“: Terror-Experte Tophoven analysiert neuen „Modus Operandi“

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    Neue Arten von Anschlägen und neue Methoden – das hat die Terror-Organisation „Islamischer Staat“ (IS) angekündigt. Daran erinnert der Terror-Experte Rolf Tophoven. Er sagt: Der IS befindet sich militärisch auf dem Rückzug und eröffnet deshalb eine neue Terrorfront in Europa. Und: Es ist mit weiteren Anschlägen zu rechnen.

    Bereits vor drei Jahren hat der IS die bei den mutmaßlichen Terror-Anschlägen in Spanien sichtbar gewordenen Taktiken und Strategien angekündigt. Darauf macht Terror-Experte Rolf Tophoven im Sputnik-Interview aufmerksam. Er ist Direktor des Instituts für Krisenprävention (IFTUS) mit Sitz in Essen. „Wir sehen schon des längeren eine Parallelität der Anschläge, siehe Paris, Nizza, Berlin oder jetzt Barcelona. Der sogenannte IS, der sich zu dem Anschlag bekannt hat, hatte schon im Jahr 2014 durch seinen mittlerweile getöteten Propaganda-Chef, Abu Mohammed Adnani, dazu aufgerufen hat, die ‚Ungläubigen‘ zu töten. Und zwar unter Einsatz des Lkw, unter Einsatz des Pkw, unter Einsatz des Messers.“ Das sei ein neuer Modus Operandi, eine neue terroristische Strategie des IS.

    Fahrzeuge als Terror-Werkzeuge

    Tophoven hob hervor: „Die Werkzeuge des Terrorismus sind relativ einfach. Es ist der Sprengstoff, es ist die Kalaschnikow, es ist das Auto. Damit erzielen sie höchstmögliche psychologische und mediale Wirkung.“

    Es sei einfach, ein Auto zu mieten, zu entwenden und zur Terror-Waffe umzufunktionieren. Die Strategien und Taktiken des IS hätten sich angesichts einer neuen Situation geändert. „Wir müssen realisieren: Je mehr Terror-Gruppen wie jetzt der IS militärisch ins Hintertreffen geraten, umso größer ist die Gefahr, dass sie sich eben neu aufstellen, neue Wirkungsplätze im Westen suchen und ihren Terror nach Europa exportieren.“

    Für den Experten ist auffällig: „Diese Anschläge jetzt in Spanien hängen vielleicht auch mit der zunehmenden militärischen Schwäche des IS im Nahen Osten, im eigentlichen Kriegsgebiet Syrien und Irak, zusammen. Dort verliert die Organisation an Boden.“ Tophoven bezog sich auf Niederlagen der IS-Kämpfer, beispielsweise die Befreiung der ehemaligen IS-Hochburg Mossul durch die irakische Armee. Der IS wolle jetzt den Terror gen Westen exportieren, um „seine eigene militärische Schwäche zu kaschieren.“

    Drahtzieher und Hintergründe

    Spanische Medien berichten, basierend auf Angaben spanischer Behörden, von einem Netzwerk, bestehend aus zwölf Terroristen, das für die Anschläge verantwortlich sein soll. Der Experte kommentierte: „Die Aktion sieht danach aus, dass sie möglicherweise von einem IS-Kommando-Posten, eventuell gar vom Nahen Osten aus, geplant und gesteuert wurde. Wir wissen von den jüngeren Anschlägen in Ansbach und Würzburg, dass die dortigen Attentäter ihre Instruktionen und Anweisungen direkt von sogenannten IS-Führungsoffizieren erhalten hatten. Und zwar bis zuletzt, bis wenige Sekunden vor Ausführung der Tat.“ Der Anschlag in Barcelona könne vernetzt mit den weiteren Anschlägen im Land wie im Urlaubsort Cambrils sein. Die Terroristen könnten zu einem „organisierten Netzwerk“ gehören, meinte Tophoven. „Das könne auf eine größere, geplante, professionell orientierte Operation deuten.“

    Prognose für nächsten Anschlag nicht möglich

    Für Spanien stellten die Anschläge eine neue Entwicklung dar.

    „Den letzten schweren Anschlag in Spanien gab es 2004 in Madrid. Das hatte zur Folge, dass die spanischen Behörden ein sehr hartes Anti-Terror-Netz aufgebaut haben. Die Spanier sind sehr gut aufgestellt. Mit Spezial-Einheiten, mit der Polizei, mit dem Nachrichtendienst.“

    Das hänge natürlich auch mit der jahrelangen Erfahrung im Kampf gegen die baskische Untergrund-Organisation ETA zusammen, erklärte der Experte. Spanien befinde sich seit Jahren auf der zweithöchsten, nationalen Sicherheitsstufe, also in ständiger Alarmbereitschaft. Das Land sei sich stets bewusst gewesen, „als attraktives Urlaubsziel Opfer eines Anschlags werden zu können.“

    „Ich kann nicht prognostizieren, wo der nächste Anschlag stattfinden wird“, sagte Tophoven. „Aber in unserer heutigen, digitalisierten Welt müssen wir mit weiteren Anschlägen rechnen. Diese finden nicht nur in Konfliktregionen statt, im Nahen Osten oder in Asien. Sondern hier bei uns, in der freien westlichen Welt.“ Er möchte nicht die Plattitüde von der „nicht existenten 100-prozentigen Sicherheit“ wiederholen. Nur ein massiver Aufbau von Datenbanken und verbesserte, auch internationale, Kooperation von Sicherheitsbehörden könne solche Terror-Attacken verhindern – oder zumindest „größtenteils eindämmen“.

    Alexander Boos

    Das komplette Interview mit Rolf Tophoven zum Nachhören:

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