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06:41 22 August 2019
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    Rudolf Heß (links oben) bei Nürnberger Prozeß (Archivbild)

    „Der bessere Nazi?“: Historiker erklärt Popularität von Rudolf Heß

    © AFP 2019 / Stringer
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    Am 17. August 1987 starb Rudolf Heß im Kriegsverbrechergefängnis Berlin-Spandau. 30 Jahre nach dem Suizid des Hitler-Stellvertreters findet ein Gedenkmarsch statt. Mehr als 1.000 Neonazis werden erwartet. Bis heute ist eine Frage offen: Warum flog Heß 1941 nach Großbritannien?

    Prof. Dr. Arnd Bauerkämper (FU Berlin) weiß, dass sich um diesen Flug Mythen ranken. Der Historiker hat im Gespräch mit Sputnik die Figur Rudolf Heß und seine Rolle im 3. Reich näher betrachtet:

    „Er war ein Nationalsozialist sehr, sehr früher Stunde. Hess war seit den 20er Jahren ein enger Gefolgsmann Adolf Hitlers. Er hat die Partei und die Parteikanzlei geleitet, bevor er dann nach seinem Flug nach England von Martin Bormann verdrängt wurde.“

    Am Rudolf-Heß-Gedenkmarsch in Spandau am Samstag (19. August) wollen über 1.000 Neonazis teilnehmen. Sputnik will wissen, warum Heß gerade bei jungen Rechtsextremisten beliebt ist: „Erstens, weil er sehr spät gestorben, zumal aus Sicht der Neonazis aus nicht ganz geklärten Umständen. Obwohl es klar ist, dass es kein Mord war, wie immer wieder behauptet wird. Und zweitens, weil er sich 1941 durch seinen Flug nach England vom nationalsozialistischen Regime gelöst hat.“ Damit verbunden, habe Heß den Höhepunkt des Holocausts auch nicht mitgemacht. „Darum ist er aus Sicht vieler Neonazis sozusagen der „bessere Nationalsozialist“. Er ist nicht so belastet wie Hitler selber, Julius Streicher oder gar Himmler.“ Zudem wirke Heß skurril, etwa durch seinen Hang zum Esoterischen und war zudem ein Querdenker. Diese Popularität mache Heß bis heute zur Gefahr: „Natürlich, es gibt nicht den harmlosen Nazi Rudolf Heß. Bei den Nürnberger Prozessen 1945/46 hat er sich nie deutlich von seiner Vergangenheit distanziert. Trotzdem ranken sich Legenden und Gerüchte um Hitlers Stellvertreter. Warum flog er 1941 nach Edinburgh?

    „Die Indizien zeigen sehr deutlich, dass Heß vom bevorstehenden Angriff auf die Sowjetunion wusste. Er flog im Mai 1941, am 22. Juni begann der Angriff. Damit befand sich Deutschland in einem Zwei-Fronten-Krieg. Heß wuchs während des 1. Weltkriegs auf. Er wusste also, was ein Zwei-Fronten-Krieg bedeutete.“

    Laut Bauerkämper habe Heß die Illusion gehabt, einen Friedensvertrag mit England zu schließen. Dabei übersah er aber, dass er Teil des Nationalsozialistischen Regimes war, das einen Eroberungskrieg führte und Polen, Norwegen, Teile Frankreichs besetzt hatte und England deshalb keinen Frieden schließen konnte. Das hat Heß ignoriert.“ Bei dem Flug nach England, bei dem er mit dem Fallschirm absprang, handelte Heß laut Bauerkämper auf eigene Faust: „Es gibt keinen Beleg dafür, dass ihn die nationalsozialistische Führungsriege beauftragt hat. Zudem hat er nicht einmal seiner Frau Bescheid gegeben, noch sich von seiner Familie verabschiedet.“

    1946 wurde Heß bei den Nürnberger Prozessen zu Lebenslanger Haft verurteilt. 1987 erhängte er sich in seiner Zelle in Berlin-Spandau. 

    Das komplette Interview finden Sie hier:

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    Popularität, Erklärung, Historiker, Nazis, Zweiter Weltkrieg, NSDAP, Rudolf Heß, Adolf Hitler, Sowjetunion, Großbritannien, Deutschland