14:36 02 Juni 2020
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    In Nordrhein-Westfalen gibt es allein 17 Privatschulen mit größtenteils russlanddeutschen Schülerinnen und Schülern. Im Rest der Bundesrepublik gibt es dagegen gar keine. Wie kommt das? Und warum brauchen Russlanddeutsche eigene Schulen? Die überdurchschnittlich guten Ergebnisse sprechen für sich.

    Der Schulverein Lippe e.V. betreibt allein drei Grundschulen, eine Hauptschule, eine Gesamtschule, ein Gymnasium und drei Kindergärten in Detmold, Lage und Lemgo. Insgesamt lernen hier etwa 2600 Schüler. Das Besondere an diesen Bildungseinrichtungen ist ein Anteil russlanddeutscher Kinder von 75-80 Prozent. Der Andrang ist groß. Peter Dück, Geschäftsführer des Christlichen Schulvereins erzählt im Sputnik-Interview:

    „Die Meisten fangen bereits in der Grundschule oder in einem unserer Kindergärten bei uns an. Es gibt auch Quereinsteiger, aber da unsere Schulen sehr beliebt sind, sind die Klassen in der Regel voll und es gibt keine freien Plätze.“

    Es handelt sich bei diesen christlichen Privatschulen um sogenannte evangelische Bekenntnisschulen. Laut Grundgesetz haben Eltern das Recht, so eine Schule zu gründen. Der Unterschied zu einer normalen Schule ist, dass der Glauben nicht nur im Fach Religion behandelt wird, sondern auch in alle anderen Fächer mit einfließen kann. Da viele Russlanddeutsche eine christliche Prägung haben, hatte eine größere Elterngruppe bereits vor fast 30 Jahren eine erste solche Schule gegründet, an der ihre russlanddeutschen Kinder unterrichtet wurden. Im Prinzip sind diese Schulen allen gegenüber offen. Da sich der Erfolg speziell in der russlanddeutschen Community in Ost-Westfalen rumgesprochen hat, sind allerdings die meisten Schüler und Schülerinnen Russlanddeutsche.

    Gerade in der Region Ostwestfalen-Lippe, zwischen Bielefeld, Paderborn und Minden, aber auch in der Gegend um Gummersbach gibt es eine starke Konzentration russlanddeutscher evangelischer Freikirchen. Allein im Kreis Lippe gibt es um die 40 solcher Kirchgemeinden mit jeweils 300 bis 700 Gottesdienstbesuchern. Aus diesen Gemeinden heraus sind diese russlanddeutschen Privatschulen entstanden. Inzwischen gibt es in Ostwestfalen-Lippe 17 solcher Schulen mit überwiegend russlanddeutschem Hintergrund.

    Russlanddeutsche Schulen mit hervorragenden Noten

    Finanziert werden Bekenntnisschulen laut Schulgesetz zu 87 Prozent vom Land und zu 13 Prozent über einen Förderverein von den Eltern. Der Erfolg gibt diesem Modell Recht. Der Geschäftsführer des Schulvereins Lippe verweist auf die exzellenten Resultate der Schulen:

    „Unsere Ergebnisse sind immer überm Landesdurchschnitt. Bei der letzten Lernstandserhebung in der achten Klasse in den Hauptfächern Deutsch, Mathe, Englisch gehörten wir zu den zwei Prozent der besten Schulen in Nordrhein-Westfalen. Neben der akademischen Leistung ist uns aber auch die Werteprägung wichtig: der Umgang miteinander, Disziplin, Sauberkeit, Ordnung. Egal, wer zu uns zu Besuch kommt, staunt, dass man hier auf Toilette gehen kann ohne Probleme zu haben. Die Gäste bemerken eine Sauberkeit, die man sonst an Schulen nicht trifft.“

    Damit stehen die russlanddeutschen Schulen in starkem Kontrast zu anderen Schulen mit hohem Migrationsanteil, die oft in Verbindung mit viel Unterrichtsausfall, schlechten Abschlüssen und hohen Abbruchquoten in die Schlagzeilen geraten.

    Kulturelle Prägung der Russlanddeutschen

    Russisch wird natürlich auch an den Schulen unterrichtet, allerdings gleichberechtigt neben Englisch.

    Und doch sind das Russische und die Geschichte der Russlanddeutschen das verbindende Element unter den Schülern. Auch, wenn die Kinder nicht mehr in Russland oder der Sowjetunion geboren sind, ist die Bindung zu diesem Kulturkreis nach wie vor groß, so Dück:

    „Die kulturelle Prägung hört nicht damit auf, dass die Kinder hier geboren werden. Das dauert sicher so drei Generationen. Ich vermute, dass die typisch russlanddeutschen Eigenschaften sich hier auch irgendwann verlaufen werden. Aber diese zweite Generation, die jetzt in die Schule geht, merkt noch, dass sie ein Stück weit anders sind durch die Prägung ihrer Eltern und Großeltern. Sie verstehen sich schon als Deutsche, aber durch die kulturelle Prägung verstehen sie sich doch besser mit Ihresgleichen. Da springt der Funke schneller über als mit hiesigen Deutschen. So beschreiben es unsere Schüler.“

    Russlanddeutsche haben sich etwas „Ur-Deutsches“ bewahrt

    Kernstück des Schulvereins Lippe ist das August-Hermann-Francke-Gymnasium in Detmold. An der Schule gibt es auch ein Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, dass von den Eltern und Initiatoren gegründet wurde. Im Unterrichtsfach Geschichte wird an diesen Schulen auch die Geschichte der Russlanddeutschen behandelt und das Museum besucht.

    Dück führt zur Geschichte der Russlanddeutschen aus:

    „Die Russlanddeutschen haben bis zum Ersten und zum Teil bis zum Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion in eigenen Kolonien und teilweise in Gebieten mit Selbstverwaltung, mit eigenen deutschen Kirchengemeinden und Schulen gelebt. Diese starke deutsche Prägung wurde auch in der Sowjetzeit erhalten.“

    Dück ist der Meinung, dass die Russlanddeutschen etwas „Ur-Deutsches“ konserviert haben:

    „Neben den religiösen Fragen, sind das die Werte, die gemeinhin als deutsche und auch teilweise wieder religiöse Tugenden gelten, wie Fleiß, Ehrlichkeit, Vergebungsbereitschaft, Nächstenliebe. Das sind Eigenschaften, die die Russlanddeutschen sich erhalten haben.“

    Wen wählen die Russlanddeutschen?

    Russlanddeutsche sind gerade im Gespräch als mögliche CDU- oder jetzt auch AfD-Wähler. Auch Peter Dück hat diese Tendenz beobachtet, sieht aber die meisten russlanddeutschen Wähler noch immer bei der CDU:

    „Ich glaube nach wie vor, dass fast 50 Prozent der Russlanddeutschen wahrscheinlich CDU wählen werden. Es gibt aber tatsächlich Gegenden und Stadtteile, zum Beispiel in Pforzheim, aber auch hier in der Gegend, wo Russlanddeutsche deutlich stärker AfD wählen.  Die Tendenzen gibt es, aber der Anteil ist wahrscheinlich geringer als der der AfD-Wähler bei der hiesigen Bevölkerung. Statistisch denke ich, dass von den rund drei Millionen Russlanddeutschen nur vielleicht zwei bis drei Prozent AfD wählen werden.“

    Armin Siebert

    Das komplette Interview zum Nachhören:

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    Tags:
    Erfolg, Schule, Wahlen, Zweiter Weltkrieg, CDU, Partei Alternative für Deutschland (AfD), Deutschland, Russland