07:51 23 September 2017
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    Jagd auf Nazi-Kriegsverbrecher: Mossad veröffentlicht Akten über erfolglose Suche

    © AFP 2017/ Yad Vashem Archives
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    Josef Mengele war einer der grausamsten Nazi-Kriegsverbrecher. Als KZ-Arzt von Auschwitz hat er Menschen grausamen medizinischen Experimenten unterzogen. Der israelische Geheimdienst suchte Jahrzehnte lang nach ihm – scheiterte jedoch am Ende. Nun hat Mossad geheime Akten über seine Suche nach Mengele veröffentlicht.

    Aus den veröffentlichten Unterlagen geht hervor, dass der Mossad zwei Mal kurz davor stand, den flüchtigen KZ-Arzt und Veranstalter grausamer Experimente mit Menschen Josef Mengele zu ergreifen.

    Bereits 1962 hatte der Mossad-Agent Zvi Aharoni die Chance, den "Todesengel von Auschwitz" auf einer Farm in Brasilien festzusetzen. Das Ziel war es, ihn zu ergreifen und nach Israel zu bringen, um ihn dort vor Gericht stellen zu können.

    Doch die Zentrale in Israel gab keine Erlaubnis für den Zugriff, sodass „Meltzer“ – so der Codename Mengeles beim Mossad – entkommen konnte. Die größte Chance, einen der grausamsten NS-Verbrecher zu ergreifen, war damit verflogen.

    Zwar versuchten die Israelis wenige Monate später, die Operation wieder aufzunehmen, jedoch war Mengele zu dieser Zeit bereits von der Farm verschwunden.

    Nazi-Offiziere (von links nach rechts): Josef Kramer, Kommandant des KZ Bergen-Belsen; Dr. Josef Mengele - Engel des Todes, KZ-Arzt in Auschwitz; Richard Baer, Kommandant des KZ Auschwitz, und andere Offiziere
    © AFP 2017/ HO / Holocaust Memorial Museum
    Nazi-Offiziere (von links nach rechts): Josef Kramer, Kommandant des KZ Bergen-Belsen; Dr. Josef Mengele - "Engel des Todes", KZ-Arzt in Auschwitz; Richard Baer, Kommandant des KZ Auschwitz, und andere Offiziere

    Die veröffentlichten Dokumente offenbaren nun, dass es vor allem an internen Hindernissen im Mossad und in der israelischen Führung lag.

    Das Ergreifen Mengeles war zu dieser Zeit für die israelische Führung keine Priorität mehr. Die Sicherheitslage rund um Israel verschärfte sich – ein Krieg gegen die arabischen Nachbarn wurde erwartet.

    Der Mossad sollte sich mit allen Mitteln auf Ägypten und dessen Entwicklung von Kurzstreckenraketen konzentrieren. Bei diesem Programm waren maßgeblich geflohene NS-Wissenschaftler beteiligt – sie waren nun das Hauptziel des israelischen Geheimdienstes.

    Der damalige Mossad-Chef, Meir Amit, sagte bezüglich dieser Abwendung von der Nazi-Jagd hin zu aktuelleren Problemen, man sollte aufhören, "Geister aus der Vergangenheit zu jagen".

    Aktuellere Bedrohungen für das Überleben Israels seien wichtiger gewesen als die Jagd nach ehemaligen Mördern, so der strategische Gedanke.

    Die Entscheidung brüskierte jedoch viele Agenten des Geheimdienstes: Zu lange haben sie ihn gejagt, zu groß war ihr Einsatz, um einen der grausamsten Nazi-Mediziner zu fassen. Und auch die Holocaust-Überlebenden sowie deren Nachkommen waren enttäuscht. Einige konnten sich noch erinnern, wie brutal und systematisch er bei seinen Experimenten – besonders oft an Zwillingen – vorging.

    Mengele selektierte Gefangene im KZ Auschwitz und entschied, oft dabei Opernmelodien pfeifend, wer arbeiten muss, wer getötet wird und wer auf seinem Experimentiertisch landet. Zehntausende Menschen schickte er in die Gaskammern. An Lebenden führte er unmenschliche Experimente durch: Amputationen ohne Narkose, Sterilisationen, Injektionen chemischer Substanzen ins Herz.

    Viele seiner Experimente führte er an Zwillingen durch, um die Reaktion der Zwillingskörper auf verschiedene chemische Substanzen zu untersuchen.

    Es wird davon ausgegangen, dass er während seiner „Tätigkeit“ als KZ-Arzt mindestens 1400 Zwillingspare auf diese Weise getötet hatte.

    Kinder im KZ Auschwitz - Besonders oft landeten Zwillingspaare auf dem Experementiertisch von Mengele. Über 1400 Zwillingspaare soll er bei seinen Menschenversuchen ermordet haben
    © Sputnik/ Fischmann
    Kinder im KZ Auschwitz - Besonders oft landeten Zwillingspaare auf dem Experementiertisch von Mengele. Über 1400 Zwillingspaare soll er bei seinen Menschenversuchen ermordet haben

    Nach dem Krieg konnte er mit Hilfe von ehemaligen SS-Angehörigen mit Verbindungen zum Roten Kreuz nach Amerika fliehen und lebte lange Zeit in Argentinien als Geschäftsmann. Die deutsche Botschaft wusste davon und unternahm – nichts.

    Erst als 1959 ein deutscher Haftbefehl erlassen wurde, musste Mengele untertauchen.

    Während seiner Flucht vor dem Mossad lebte er in Argentinien, Kairo, Paraguay.

    1977 bekam der israelische Geheimdienst eine zweite Chance. Sie konnten umfangreiche Verbindungen Mengeles nach Europa ausmachen und bereiteten mehrere Jahre lang umfangreiche Abhöraktionen seiner Kontaktpersonen sowie Familienmitglieder in Deutschland vor.

    Wieder waren die Mossad-Agenten nahe dran.

    "Das war uns noch wichtiger als Israels Sicherheitsangelegenheiten. (…) Es ging um eine offene Rechnung, die wir, die zweite Generation nach dem Holocaust, zu begleichen hatten. Es war die letzte Chance, ihn zu kriegen. Wir waren aufgeregt. Es ging um eine historische Verantwortung", erklärte ein Mossad-Agent in der Zeitung "Yedioth Ahronoth“.

    Doch der Plan scheiterte wieder – weil Mengele am 7. Februar 1979 beim Baden mit Freunden starb.

    Die mehr als 25 Jahre lange Zugriffaktion des Mossad nach Mengele war damit gescheitert. Er war einer der grausamsten NS-Funktionäre und doch starb er als freier Mann — lange Zeit sogar völlig ungestört.

    Ein geheimes, internes Dossier des Mossad von 2007 analysierte die Ursachen für das Scheitern der Suche und stellte fest, dass es vor allem an internen Problemen lag als an der Arbeit der Agenten vor Ort. Man sei von falschen Annahmen ausgegangen, habe zu wenig Personal eingesetzt und habe seitens der politischen Führung zu unentschlossen reagiert.

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    Tags:
    Nazi-Verbrechen, Experiment, Konzentrationslager, Mossad, Auschwitz
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