01:00 25 September 2017
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    Wohnraum eines Frauenhauses in Berlin (Archivbild)

    „Politischer Skandal“: Zu wenig Platz in Frauenhäusern für immer mehr Geflüchtete

    © AFP 2017/ Tobias Schwarz
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    Die Zahl geflüchteter Frauen, die hierzulande Schutz in Frauenhäusern vor Gewalt in der Familie suchen, steigt seit der Flüchtlingskrise 2015. Doch die Einrichtungen sind mit dem Ansturm überfordert. Es fehlt Geld und politische Förderung. Darauf macht der Verein „Frauenhauskoordinierung“ aufmerksam und kämpft um Unterstützung.

    Immer mehr geflüchtete Frauen suchen in Deutschlands Frauenhäusern Zuflucht und Schutz. Heike Herold vom Verein „Frauenhauskoordinierung“ geht von einer weiteren Zunahme aus. „Wir merken, dass sich das in den letzten Monaten abzeichnet“, sagte die Geschäftsführerin des Vereins mit Sitz in Berlin im Sputnik-Interview.

    „Wir haben seit vielen Jahren eine ansteigende Zahl von Migrantinnen laut unserer Frauenhausbewohnerinnenstatistik. Der Anteil liegt jetzt bereits bei über 60 Prozent bundesweit. Dazu muss man sagen, dass in den Ballungszentren der Prozentsatz noch wesentlich höher liegt.“ Es gebe schätzungsweise bundesweit 9.000 Flüchtlingsfrauen, die von etwa 360 Frauenhäusern aufgenommen worden seien. Sie machen mehr als die Hälfte der etwa 15.000 von den Einrichtungen betreuten Frauen aus.

    Unterschiedliche Herkunft

    Laut einer Statistik des Bundeskriminalamtes (BKA) haben 25 Prozent der von Gewalt betroffenen Frauen hierzulande einen Migrationshintergrund. „Es zeichnet sich ab, dass insbesondere der Anteil von Frauen in den Frauenhäusern zugenommen hat, die aus Syrien, Afghanistan und dem Irak kommen“, berichtete Herold. Daher gehe ihr Verein davon aus, dass die Flüchtlingskrise mit ein Grund für diesen Anstieg sei. „Man kann aber nicht direkt diesen Rückschluss ziehen. Denn den Flüchtlingsstatus erfassen wir nicht.“

    Komme eine Flüchtlingsfrau neu in einem solchen Haus an, fallen laut Vereinsgeschäftsführerin erstmal viele Aufgaben an. „Es wird überprüft: Wie hoch ist die Gefährdung für die Frau? Ist sie in diesem Haus sicher? Müssen polizeiliche oder gar gerichtliche Verfahren in Gang gebracht werden? Dann wird geschaut: Welche Anträge müssen, auch zur Existenzsicherung, gestellt werden?“ Weitere Probleme seien die fehlenden Dolmetscher und Übersetzer für die Flüchtlingsfrauen in den Frauenhäusern. Geld fehle aber nicht nur dafür.

    „Politischer Skandal“: Zu wenig Plätze

    Viele finanzielle und rechtliche Probleme erschweren es laut Herold, die Migrantinnen in den Frauenhäusern zu betreuen, trotz des „sehr guten“ Engagements der Mitarbeitenden, die meist eine sozial-therapeutische oder psychologische Ausbildung haben. „Die leisten eine sehr gute fachliche Arbeit“, erklärte sie.

    „Das Arbeitsfeld ‚Unterstützung von Migrantinnen mit Gewalterfahrung‘ ist kein neues für sie. Dafür sind sie gut vorbereitet. Allerdings muss man einschränkend sagen, dass die Ressourcen in den Frauenhäusern bereits ohne den weiteren Zustrom von geflüchteten Frauen in keiner Weise ausreichend sind. Es braucht auf jeden Fall mehr Personal in den Frauenhäusern, es braucht deutlich mehr Plätze.“ Deshalb müssen manche Frauenhäuser auch Flüchtlingsfrauen abweisen. Das sei „ein politischer Skandal.“

    Die Finanzierung der Frauenhäuser laufe häufig über private Träger, die oftmals in Wohlfahrtsverbänden organisiert seien, erläuterte die Geschäftsführerin. Es gebe auch Gelder von Kommunen und Ländern. Der Bund beteilige sich „nur mittelbar“. „Wir als Frauenhauskoordinierung skandalisieren das Thema der fehlenden Ressourcen sehr wohl. Und das mittlerweile seit fast 40 Jahren. Solange es die Frauenhäuser gibt.“

    Wahlergebnis entscheidet über Perspektive

    Herold betonte: „Für uns ist wichtig, dass der Zugang für alle Migrantinnen zu den Frauenhäusern gewährleistet wird.“ Das sei eine „ganz wichtige politische Forderung“, nicht nur im Vorfeld der Bundestagswahl. Vielerorts sei der Zugang für geflüchtete Frauen, die Partnergewalt, andere Arten von Gewalt und Kriegszustände erleben, rechtlich und faktisch nicht gesichert. Es fehle für die Frauen ein Rechtsanspruch, den sie gegenüber dem Staat vertreten und durchsetzen können.

    Ihr Verband sei schon seit sehr vielen Jahren in Kontakt mit Bundestagsabgeordneten und politischen Interessengruppen. „Die Linken setzen sich schon lange dafür ein. Wir haben mit Freude zur Kenntnis genommen, dass auch im SPD-Wahlprogramm steht, man wolle sich für einen entsprechenden Rechtsanspruch für die gewaltbetroffenen Frauen einsetzen. Auch die Grünen haben entsprechende Hinweise auf das Thema. Bei der CDU sind wir da noch nicht soweit.“ Alles hänge jetzt von der politischen Konstellation nach der Wahl ab. „Wir hoffen sehr darauf, dass in der nächsten Legislaturperiode dieses Problem von der neuen Bundesregierung intensiver angegangen wird.“

    Alexander Boos

    Das Interview (Teil 1) mit Heike Herold zum Nachhören:

    Das Interview (Teil 2) mit Heike Herold zum Nachhören:

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    Tags:
    Frauen, Gewalt, Flüchtlinge, Frauenhaus, Bundeskriminalamt (BKA), Deutschland
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