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23:37 16 Oktober 2019
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    Sergej Schendik

    Russlanddeutscher Unternehmer spendet für die Menschen in Donezk

    © Foto : Sergej Schendik
    Gesellschaft
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    Sergej Schendik ist IT-Fachmann aus Rheinland-Pfalz und unterstützt bedürftige Menschen in der selbsternannten Volksrepublik Donezk (DNR) in der Ostukraine. Er will in Deutschland ein Informationszentrum und einen Hilfsfond aufbauen. Es geht dem 44jährigen Unternehmer nicht um Politik, sondern darum, den Menschen vor Ort zu helfen.

    Sergej Schendik kam 1991 als Russlanddeutscher mit seinen Eltern aus dem weißrussischen Minsk nach Deutschland. Er machte eine Ausbildung zum IT-Spezialisten und gründete seine eigene Firma, mit der er SAP-Beratung anbietet und Programme für große Unternehmen entwickelt. Der Unternehmer ist mit einer Russlanddeutschen verheiratet, hat drei Kinder und wohnt in Nieder-Olm in Rheinland-Pfalz.

    Zum Donbass, der umkämpften Region in der Ostukraine, hatte Schendik vorher keine persönliche Beziehung. Angesichts der widersprüchlichen Nachrichten in westlichen und russischen Medien wollte er sich selbst ein Bild machen und den Menschen helfen. Zuerst überwies er über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr mehrere Tausend Euro an einen vertrauenswürdigen freiwilligen Helfer vor Ort, berichtete Schendik im Sputnik-Interview:

    „Ich habe schon seit einiger Zeit Geld an einen Volontär, Andrej Lysenko, überwiesen, der vor Ort den Menschen hilft. Er belegt dann mit Fotos und Videos genau, was mit dem Geld getan wird. Sie bringen vor allem Lebensmittel, Medikamente und Geld zu bedürftigen Menschen, die in der Nähe der Frontlinie wohnen. Die kommen oft nicht einmal aus ihren Häusern raus, weil ständig geschossen wird. Ich bekomme auch die Rechnungen für die Einkäufe geschickt. Das ist gut organisiert.“

    Sich selbst ein Bild vor Ort gemacht

    Obwohl der Freiwillige nicht direkt für die selbsternannte Volksrepublik arbeitet, ist er dort mit seiner Tätigkeit angemeldet und registriert. Auch die Spenden müssen transparent dokumentiert werden. Da diese sonst meist aus Russland kommen, wurde das Außenministerium der DNR auf den deutschen Unternehmer aufmerksam und lud ihn ein, sich selbst ein Bild vor Ort zu machen. So reiste Schendik im August 2017 über Russland nach Donezk. Im Gepäck hatte er neben Geld auch Kindersachen, Spielzeug und Medikamente. Er war sowohl in Donezk als auch in kleinen Orten in Frontnähe, wie er berichtete:

    „Gleich am ersten Abend bin ich Richtung Front gereist und kam unter schweren Beschuss. Da waren alte Menschen und Kinder. Und der Beschuss kam definitiv nur von einer Seite. Sie schießen auf ihr eigenes Volk. Sie werden jeden Abend ab 17 Uhr beschossen. Ich habe dort mit vielen Menschen gesprochen und sie sagten, dass sie sich terrorisiert fühlen und täglich von der ukrainischen Seite beschossen werden.“

    • Russlanddeutscher Unternehmer in Donezk
      Russlanddeutscher Unternehmer in Donezk
      © Foto : Sergej Schendik
    • Donezk
      Donezk
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    • Russlanddeutscher Unternehmer in Donezk
      Russlanddeutscher Unternehmer in Donezk
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    © Foto : Sergej Schendik
    Russlanddeutscher Unternehmer in Donezk

    Unmittelbar nach Schendiks Reise nach Donezk wurde von Vertretern der ukrainischen Regierung, Russlands und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) eine erneute Waffenruhe ausgehandelt, die bisher mehr oder weniger hält.

    Dem Unternehmer liegen besonders die bedürftigen Menschen in Frontnähe am Herzen:

    „Die Armen und diejenigen, die ihr Haus und ihren Heimatkreis nicht aufgeben wollen, sind in den Kampfgebieten geblieben. Dort gibt es allerdings keine Arbeit, deshalb brauchen sie finanzielle Unterstützung. Im Sommer geht es noch, da können die Menschen selbst im Garten anbauen. Aber im Winter ist es schlimm.“

    Russisch ist für die Menschen im Donbass wichtig

    Er hob hervor, er sei weder Russe noch Putin-Fan und als neutraler Beobachter vor Ort gewesen. Russische Soldaten hat Schendik nach seinen Worten auf der fünftägigen Reise nicht gesehen. Allerdings würden sich die Menschen vor Ort mehr Schutz und Hilfe von Russland wünschen. Das Russische spiele aber eine große Rolle für die Menschen vor Ort:

    „Die Menschen dort sprechen russisch und sind zum großen Teil ethnische Russen. Sie wollen ihre Kultur und Geschichte bewahren. Die Kiewer Regierung verbietet jedoch alles Russische: Schulen, Filme… Es findet kein Dialog mit der ukrainischen Seite statt, weil die Regierung dort der Meinung ist, dass Russland diese Gebiete besetzt hat. Sie haben kein Angebot für einen Autonomie gemacht oder gemeinsam etwas aufzubauen, dass alle Völker im Land zufrieden sind. Kiew will, dass die russischen Kinder nur ukrainisch lernen, die russische Geschichte und den zweiten Weltkrieg vergessen und dass sie die ukrainischen Faschisten, die damals für Deutschland gekämpft haben, jetzt als Helden feiern. Das wollen die Menschen dort nicht.“

    Information als erster Schritt für Verständnis

    Schendik traf sich in Donezk mit der Außenministerin der selbsternannten Volksrepublik, Natalja Nikonorowa. Aus der Überlegung heraus, wie den Menschen von Deutschland aus geholfen werden kann, beschlossen sie gemeinsam, einen Fond zu gründen, der die Spenden in die richtige Richtung leitet. Auf diesem Wege will die Donezker Seite sicherstellen, dass die Gelder vor Ort nicht verloren und an die richtigen Organisationen und Menschen gehen. Schendik wiederum will in Europa die Vereine, die spenden wollen, prüfen und bündeln. Außerdem sei eine Art Donezker Informationszentrum in Deutschland geplant, kündigte der Unternehmer an. Ähnliche Initiativen gibt es nach seinen Worten in Griechenland, Italien und Frankreich.

    Russlanddeutscher Unternehmer in Donezk
    © Foto : Sergej Schendik
    Russlanddeutscher Unternehmer in Donezk

    „Information ist der erste Schritt. Das sehe ich im Gespräch an den Reaktionen meiner Bekannten und Verwandten. Die meisten wissen nicht einmal, dass dort noch Krieg herrscht.“ Gerade im gegenwärtigen Wahlkampf ist der Unternehmer auch im Gespräch mit Politikern gewesen. Die Linke und die AfD hätten Interesse gezeigt und Hilfe angeboten. Allerdings ist Schendik noch skeptisch:

    „Jetzt im Wahlkampf weiß man nicht, ob der Ukraine-Krieg nicht nur für eigene Interessen ausgenutzt wird. Sie wollen die Stimmen der Russlanddeutschen hier. Da verspricht man viel. Da müssen wir abwarten, was dann nach der Wahl wirklich passiert.“

    Armin Siebert

    Impressionen von Sergej Schendiks Reise nach Donezk, auch mit selbstgefilmten Aufnahmen von Beschuss an der Grenze finden Sie hier.

    Das komplette Interview mit Sergej Schendik zum Nachhören:

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    Tags:
    Hilfe, Bürgerkrieg, Donezk, Deutschland, Ukraine