14:13 11 Dezember 2017
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    G20-Proteste in Hamburg

    Bei „Wutbürgerinnen“ daheim zum Kaffeekränzchen

    © AP Photo/ Michael Probst
    Gesellschaft
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    Im Osten rumort es. Die Wutbürger sind wieder da. Wer sind diese zornigen Menschen, die die Kanzlerin auspfeifen? Nazis? Abgehängte? Unterschicht? Bei einem Hausbesuch bei zwei Frauen, die auf Demos gehen und selbst welche organisieren, erwiesen sich für unseren Reporter Schubladen als zu groß und Stempel als zu klein.

    Berlin-Hellersdorf. Typische DDR-Plattenbausiedlung. Ich bin zum Kaffee verabredet zuhause bei zwei „Wutbürgerinnen“, obwohl sie selbst diese Bezeichnung nicht mögen. Kennengelernt habe ich sie im Zug auf der Heimfahrt vom Wahlkampfauftritt der Kanzlerin in Finsterwalde. Mich hat erstaunt, dass sie extra von Berlin angereist sind. Die Gespräche, die ich am Nachbartisch mitkriegte waren recht vernünftig. Nur einmal fiel das Wort „patriotisch“, bei dem man immer noch als linkssozialisierter Mensch zusammenzuckt. Aber sie schimpften auch auf AfD und NPD, die in Finsterwalde dabei waren. Das weckte mein Interesse. Also doch nicht alles Nazis? Ich sprach sie an und viele Telefonate später hatte ich ihr Vertrauen und meine Einladung zum Kaffee. Sie fanden meinen Bericht aus Finsterwalde ausgewogen.

    In der Plattenbaugärten der Welt

    Also fuhr ich mit der U5 vom Alex raus nach Hellersdorf. Die Passagiere sind hier andere, als beispielsweise auf der U2 — mehr Schichtarbeiter, Migranten, ärmeres Volk. Kienberg ist die U-Station, wo es zu den Gärten der Welt geht, dem Naherholungszentrum von Marzahn, jetzt eingezäunt für die IGA, die Internationale Gartenausstellung, die für 40 Millionen Euro ins Ghetto gestampft wurde.

    Colly wohnt im vierten Stock und hat einen unverstellten Blick auf eine wilde Brache vor ihrem Block. Immerhin. In Mitte gibt es solche Freiflächen nicht mehr. Sie schimpft, dass sich die IGA bei 20 Euro Eintritt hier im Kiez keiner leisten kann. Und sie haben den Hügel abgetragen und die Parkecke eingezäunt, wo sie früher immer mit ihren Kindern spazieren ging. Die Plattenbauten im Viertel wurden nur neu angestrichen, aber nicht isoliert und trotzdem steigt die Miete. Wir sind mitten im Thema.

    Colly hat bis vor fünf Jahren in der Intensivpflege gearbeitet und in einem integrativen Kindergarten, wie sie betont („Und da soll mal jemand Nazi zu mir sagen!“). Seit einem Arbeitsunfall ist sie berentet. Ihrer Freundin Evi geht es genauso. Die Kinder sind aus dem Haus und die beiden Frauen, Mitte Fünfzig,  haben jede Redebedarf.

    Die Kinder der Frauen studieren Medizin und Psychologie und wollen keinen Ärger. "Die Jugend haben wir kaum auf unserer Seite. Auch auf den Demos ist es mehr so ab 40 aufwärts." Viele hätten Angst, auf die Straße zu gehen. Gerade, wenn man Arbeit hat, könnte es Probleme geben, wenn man sich politisch engagiert.

    Proleten mit Bierpulle

    Finsterwalde war ihr zweiter "Besuch bei der Kanzlerin". Sie waren zuvor noch in Brandenburg an der Havel. Die Frauen kritisieren, dass Merkel eine Politik gegen das eigene Volk macht, von dem sie gewählt wurde. Sie fahren oft zu Demos. Jetzt bei den Wahlen sei es sogar eher ruhiger geworden. Alle warten auf das Ergebnis und ob sich was ändern wird.

    Ähnlich wie bei den Pegida-Demonstranten fing auch bei Colly und Evi der aktive Protest vor etwa drei Jahren an, mit Beginn der Flüchtlingskrise. Sie haben eine eigene Gruppe gegründet, auf Facebook. Da bekommen sie viel Zuspruch, auch aus dem Ausland und sogar von Polizisten, erzählt Colly. Aber sie organisieren auch selbst Demos am Bahnhof Zoo und kümmern sich um Obdachlose. Bei ihren Demos geht es auch um soziale Themen, wie Altersarmut und Kinderarmut. Allerdings mit patriotischer Komponente. Deshalb wurden sie auch schon von der Antifa als rechts klassifiziert und bedrängt. Das ärgert die beiden. Sie haben versucht, mit den Linksaktivisten zu diskutieren und haben sie sogar zu ihren Demos eingeladen, aber sie wurden nur angebrüllt.

    Proteste von Wutbürgerinnen
    © Foto: Cordula Granzow
    Proteste von Wutbürgerinnen

    Die Frauen fahren auch zu Demos anderer "patriotischer Bürgerbewegungen". Evi erzählt: "Zu Anfang sind wir überall hingefahren, aber jetzt nur noch zu denen, wo wir dahinterstehen. Wir mussten ja auch erst lernen. Wir mussten erst erkennen, wer von Parteien gesteuert ist.

    Patriotismus definiert Colly so: "Das ist nicht der Hass gegen fremde Völker, sondern die Liebe zu deinem eigenen Land."

    Suppe für Obdachlose und Nazis in Kanada

    Bei ihren Aktionen für Obdachlose alle vierzehn Tage am Berliner Ostbahnhof verteilen sie Kleidung, Schlafsäcke, Essen und Trinken. Sie bekommen kostenlos Brötchen von einem türkischen Bäcker und Wurst von einem Fleischer aus der Altmark. Sie haben nichts gegen Ausländer. Türkische Taxifahrer oder italienische Gastwirte seien hier gut integriert. Sie können das Thema Flüchtlinge inzwischen nicht mehr hören.

    "Die werden genauso verarscht. Die merken es nur noch nicht, weil sie jetzt noch Unterstützung bekommen. Was machen die, wenn sie keine Leistung mehr bekommen? Und die oben hetzen uns gegeneinander auf und reiben sich die Hände."

    Proteste von Wutbürgerinnen
    © Foto: Cordula Granzow
    Proteste von Wutbürgerinnen

    Auch wenn sie persönlich nichts gegen Ausländer haben, spricht Colly von der "Flüchtlingslüge". Sie ist der Meinung, dass es sich um eine Völkerwanderung handelt, die vom Staat so gewollt und gefördert ist. Und jetzt ist der Staat damit überfordert. Sie wäre für ein kontrolliertes, strenges Einwanderungsmodell wie in Kanada. "Dort sagen sie: ihr müsst unsere Sprache können, so und so viel Kapital mitbringen und einen Beruf nachweisen. Sind die nun deswegen Nazis in Kanada?". Evy und Colly wollen sichere Außengrenzen und eine kontrollierte Einreise nach Europa. Damit der Terror hier nicht herkommt. „Deutschland ist das einzige Land, das sagt — kommt alle her, mit Pass oder ohne."

    "Das wäre nur Propaganda", so Colly.

    Proteste von Wutbürgerinnen
    © Foto: Cordula Granzow
    Proteste von Wutbürgerinnen

    Trotzdem würden sie ihren Protest als politisch bezeichnen. Colly spricht von einer "Scheindemokratie". Sie möchten, dass man ihnen zuhört, sagt Evi. "Uns fragt man ja eh nie. Hat man uns gefragt, ob wir den Euro wollen, ob wir in die EU eintreten möchten?" Colly ergänzt: "Wir wollen in den Spiegel schauen können. Wir machen das für unsere Kinder. Wir wollen die Leute zum Denken anregen."

    Es war nicht alles schlecht im Osten

    Warum gibt es gerade in Ostdeutschland so viele Proteste? "Die Westler haben weniger Mut. Die meckern zwar auf Facebook genauso viel, aber wir Ossis sind lauter und gehen auf die Straße", meint Colly. "Wir sind mutiger durch unsere DDR-Vergangenheit. Wir haben ja schon ein Unrechtssystem hinter uns.", ergänzt Evi. ""Ich war auch zu DDR-Zeiten ein Rebell. Aber ich würde trotzdem jederzeit die DDR wieder nehmen.", widerspricht Colly. "Der soziale Zusammenhalt war besser."

    Proteste von Wutbürgerinnen
    © Foto: Cordula Granzow
    Proteste von Wutbürgerinnen

    Nach der Wende ist es Ihnen schlecht ergangen — Umschulungen, Arbeit gab es lange nur im Westteil Berlins. Jetzt gibt es mehr Autos und mehr Discounter, aber es geht nicht allen Menschen besser und verreisen kann jetzt auch nicht jeder, erzählen die Frauen. Beide waren alleinerziehende Mütter und sind stolz, dass aus ihren Kindern was geworden ist. "Man kann nicht einfach für alles dem System die Schuld geben, sondern muss erst mal bei sich anfangen.", meint Colly.  Obwohl am Ende des Tages nichts übrig bleibt. Die Arbeitskraft wird in diesem System ausgebeutet: „Von den Gehältern bei der Arbeit können auch viele nicht leben. Gerade mit Kindern oder wenn einer von beiden krank wird. So kommt man nie aus dieser Schicht raus.“, so Evi.

    „Ich habe nur eine mikrige Rente, obwohl ich keinen Tag arbeitslos war. Zehn Jahre war ich selbstständig und hab nicht eingezahlt. Und die Umschulungen und die Ausbildungen im Osten wurden auch nicht angerechnet. Das ist doch kein Sozialstaat. Ich kann mir im Winter keine Heizung leisten", schimpft Colly.

    Parallelwelten und Widersprüche

    Plötzlich wird es international im Gespräch: "Ich sehe auch gar nicht ein, dass der Russe plötzlich mein Feind sein soll. Da hat man übrigens in Westdeutschland eine andere Meinung. Auch über Assad. Das ist auch so ein großes Thema zwischen Ost und West. Wir sagen, der ist doch gewählt. Das ist doch auch Demokratie." Die Frauen gehen auch auf Friedensveranstaltungen und auf Demos für ein "freies, vereintes Europa", obwohl sie die EU nicht mögen:  "Ein Land sollte national entscheiden. Warum muss eine EU bestimmen, welche Glühbirnen in welchem Land zugelassen sind?", regt sich Colly auf.

    CDU-Wahlplakat in der Nähe von Magdeburg
    © REUTERS/ Fabrizio Bensch
    Nach einer Stunde schwirrt mir der Kopf vor Widersprüche und Parallelwahrheiten. Die DDR war besser, aber ein Unrechtssystem. Jetzt haben wir keinen Sozialstaat, aber man soll auch nicht nur dem System die Schuld geben. Colly und Evi kritisieren, dass zu wenig für Kinder getan wird, aber sind stolz, dass ihre Kinder studieren können. Systemkritiker oder —nutznießer? Ein vereintes Europa, aber keine EU. Polen, Tschechen oder Russen sind irgendwie bessere Ausländer, als Araber. Wie rassistisch ist das? Die Demo der Identitären fanden sie schick, aber selbst kochen sie Suppe für Obdachlose. Patriotisch, aber nicht rechts? Collys und Evis Welt ist voller Gegensätze, aber gefühlt mit dem Herz am rechten Fleck. Vielleicht geht es einfach nur darum, einander zuzuhören, zu streiten, Meinungen zuzulassen, aber auch abzulehnen, ohne niederzubrüllen. Allerdings dürften sie die Kanzlerin dann auch nicht auspfeifen. Vielleicht in vier Jahren, wenn Colly und Evi bestimmt wieder demonstrieren gegen Merkels fünfte Amtszeit.

    Armin Siebert

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    Tags:
    Bürger, Nazis, Proteste, Wahlen, Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD), Partei Alternative für Deutschland (AfD), DDR, Deutschland
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