02:20 16 Dezember 2017
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    Hans-Joachim Maaz

    Auf der Couch bei Dr. Maaz: Die Psyche der ostdeutschen Wutbürger

    © Foto: Hans-Joachim Maaz-Stiftung
    Gesellschaft
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    Die Ostdeutschen sind enttäuscht und wütend darüber, dass ihre Identität abgewertet wird und die Politik so weiter macht, als sei alles in Ordnung. Das sagt der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz im Exklusiv-Interview für Sputnik. Maaz ist bekannt für seine Analysen der Mentalität der Ostdeutschen und deren Veränderung nach der Wiedervereinigung.

    Herr Dr. Maaz, Pegida ist im Osten entstanden und die heftigsten Proteste gab es bei Wahlkampfauftritten der Kanzlerin Angela Merkel im Osten. Inwieweit ist diese Wut und Unzufriedenheit ein ostdeutsches Phänomen?

    Es ist ein ostdeutsches Phänomen, aber eben nicht nur. Es gibt in ganz Europa solche Proteste. Aber besonders in Ostdeutschland gibt es viel Enttäuschung. Viele Menschen sind sehr naiv in den Westen „übergelaufen“. Man hatte gehofft, alles kann nur besser werden. Viele sind abgewertet worden und leben in prekären Verhältnissen. Meine Arbeit hat aber auch noch den interessanten Aspekt gezeigt, dass selbst die, denen es besser geht als zu DDR-Zeiten, nicht in der gleichen Weise seelisch damit zufrieden sind, weil sie die westliche Lebensart, dieser ewige Konkurrenzkampf und dass man nach außen mehr scheinen muss als man wirklich ist, belastet. So schwingt in diesen Protesten auch ein Protest gegen die westliche Lebensweise mit.

    Sind dies Auswüchse des Kapitalismus?

    Das kann man so sagen. Ein zentrales Problem unserer heutigen Zeit ist das Ende dieser Form des Kapitalismus mit materiellem Wachstum und Wohlstand für alle und dem Sozialstaat. Das wird wohl so nicht mehr aufrechtzuerhalten sein. Und das spüren viele.

    Spielt eine Rolle, dass die DDR so komplett entsorgt wurde, damit auch ein Teil der Identität der Ostdeutschen?

    Auf jeden Fall. Heute wage ich zu sagen, dass ich froh gewesen bin, in der DDR gelebt zu haben, obwohl ich ein wesentlicher Kritiker der DDR-Verhältnisse war. Aber dass alles, was man in der DDR getan und erreicht hatte, mit der Wende verloren ging und abgewertet wurde, das kränkt, das verletzt. Dadurch fühlen die Menschen sich in ihrer Existenz, in ihrer Geschichte abgewertet.

    Warum flammen die Proteste gerade jetzt bei den Wahlkampfveranstaltungen wieder auf?

    Weil die Menschen davon ausgehen, dass die Wahl schon entschieden ist und dass kein wirklicher Wahlkampf stattfindet. Merkel wird es wieder machen. Das ist für viele ärgerlich und sie machen sich Sorgen, dass die Politik, mit der sie unzufrieden sind, einfach so weiter geht. Die Sorgen sind dabei vielfältig: von sozialer Ungerechtigkeit, Altersarmut, Hartz IV bis hin zu Fragen der Einwanderung, der Islamproblematik und der Terrorgefahr.

    Die Zahlen sprechen doch aber eher davon, dass es Deutschland gerade so gut geht wie noch nie?

    Das halte ich für medial aufgeblasen. Ich schätze, 40 Prozent der Bevölkerung geht es nicht so gut. Die sind verunsichert und enttäuscht und schauen angstvoll in die Zukunft.

    Es ist viel die Rede von Eliten. Ich nehme an, dort spürt man diese Ängste weniger?

    Ich denke, die Eliten, die an der Macht sind, müssen auch um ihre Pfründe Sorge haben. Deshalb reden sie es ja schön, um so lange wie möglich an der Macht zu bleiben. Ernsthafte Überlegungen, wie wir denn weiterleben könnten, wie es gerechter zugehen könnte, wie die ganzen katastrophalen Folgen unserer Wirtschaftsform zu verändern wären, würden zu einer großen Beunruhigung führen. Deshalb wird es vermieden.

    Wir leben in Zeiten der Globalisierung. Welche Rolle spielen Dinge wie Heimat und Angst vorm Fremden für diese Menschen und diese Proteste?

    Solche real erlebten Begriffe wie Heimat, Region, Kiez sind für die Menschen notwendige, haltgebende Strukturen. Die Globalisierung ist für viele Menschen bedrohlich, weil es unübersichtlich ist. Alles Fremde und alle Veränderung sind da immer erst einmal bedrohlich. So lange man nicht weiß, mit wem man es zu tun hat und wie man mit den Fremden zurechtkommt, ist es normal, dass man ängstlich reagiert. Das kann man erst einmal keinem Menschen vorwerfen.

    Allerdings sind diese Menschen dann schnell in der rechten Schublade verschwunden…

    Man muss sehen, dass wir global in der westlichen Welt in einer tiefen Krise stecken. Das ist schwer auszuhalten. Da ist es viel leichter, Schuldige zu benennen oder Schubladen zu füllen. Das ist ein klassischer psychologischer Abwehrmechanismus. Und da bietet sich "rechts" natürlich an, weil Deutschland auf ewige Zeit, denke ich, mit dem Nationalsozialismus belastet ist. Wer möchte da schon rechts sein? Wenn man einen Kritiker zum Schweigen bringen möchte, braucht man nur zu sagen, das ist ein Rechter, dann ist er verfemt. Diese Zuspitzung halte ich für ein Symptom der Krise unserer Gesellschaft, wie wir auf bedrohliche Veränderungen reagieren.

    Dr. Hans Joachim Maaz hat mehrere Bücher veröffentlicht.

    Armin Siebert

    Das Interview mit Dr. Hans-Joachim Maaz zum Nachhören:

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    Erklärung, Psychologie, Wutbürger, Bundestagswahl, Hans-Joachim Maaz, DDR, Deutschland