12:09 13 Dezember 2017
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    Helena Goldt

    Kreative und liberale Mischung: Drei Russlanddeutsche im Porträt

    © Foto: Helena Goldt
    Gesellschaft
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    Russlanddeutsche werden wiederholt durch einseitige Berichte zu rechtskonservativen AfD-Wählern erklärt. Doch ist dieses Bild richtig? Ein Porträt von drei jungen Menschen, die noch in der UdSSR geboren wurden, zeigt, wie vielfältig, kreativ und in ihren Einstellungen liberal jene sind, die vorschnell als konservativ eingestuft werden.

    Andrej ist 37 Jahre alt und wurde in der sowjetischen Stadt Zelinograd geboren, dem heutigen Astana, der Hauptstadt Kasachstans. Er kam 1994 nach Deutschland und arbeitet freiberuflich als Diplomübersetzer und -Dolmetscher für Russisch, Tschechisch und Englisch. Doch sein Herz schlägt für die Musik und zwar in den tiefen Frequenzen. Als Bassgitarrist gewann er 2014 das „Bass Composer Voting“ und  bereichert mit seinem Talent die Berliner Bands „Daefa“ und „MirMix Orkeztan“. Das Leben ist für ihn ein Prozess der ständigen Weiterentwicklung: „Immer weiter lernen, den eigenen Horizont ständig erweitern, offen sein für Neues, immer bereit sein, die eigenen Einstellungen kritisch zu hinterfragen und zu überdenken.

    Andrej

    Was verbindet Dich mit Deinem Geburtsort?

    Wenig. Kasachstan ist ein neues Land, es ist ganz anders, als ich es in der Kindheit kannte. Damals war es nämlich Teil der Sowjetunion, die ich als mein eigentliches Geburtsland empfinde. Mich verbinden Kindheitserinnerungen und die wenigen eher sporadischen Kontakte, die ich noch habe, zu ehemaligen Klassenkameraden und zu Verwandten, die noch dort leben.

    Kannst Du Dich mit der Bezeichnung „Russlanddeutscher“ identifizieren?

    Ich habe mich an diese Bezeichnung gewöhnt. Sie ist ein Sammelbegriff, mit dem alle deutschstämmigen Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion bezeichnet werden. Als solche akzeptiere ich sie auch, ich konnte mich jedoch noch nie richtig mit ihr identifizieren – dafür ist sie zu allgemein.

    Die Bundestagswahl steht an. Wie wird Deine Wahlentscheidung ausfallen?

    Ich schwanke noch zwischen den Grünen und der SPD, alles andere kommt für mich nicht in Frage. Bei den letzten Wahlen gab ich beide Stimmen den Grünen.

    Warum?

    Ich fühlte mich bisher von den Grünen am besten vertreten, weil ihre Agenda meiner Lebenssituation und Lebenseinstellung am nächsten kamen. Ich bin Vegetarier, fahre aus Prinzip kein Auto und versuche, möglichst bewusst zu konsumieren. Darüber hinaus teile ich grundsätzlich die Werte, für die die Grünen stehen. Wenn ich mich dieses Mal doch noch entscheide, meine Stimme der SPD zu geben, so wird das eher eine strategische Entscheidung sein – ich möchte Angela Merkel nicht mehr als Kanzlerin haben.

    Die Russlanddeutschen galten in der Vergangenheit allgemein als konservativ und als CDU-Wähler. Heute wandern sie angeblich zur AfD ab. Wie bewertest  Du diese Aussage?

    Zumindest in den ersten Jahren nach der Übersiedlung nach Deutschland wählte die Mehrheit der Russlanddeutschen, die ich kannte, die CDU, so auch meine Eltern und ich. Der Grund dafür war die Dankbarkeit gegenüber Helmut Kohl, dem man es zuschrieb, den Russlanddeutschen den Weg nach Deutschland geebnet zu haben. Was die AfD betrifft. Nach dem, was ich aus den Medien kenne, hat diese Aussage eine gewisse Berechtigung, wobei ich hier das Wort ‚mehrheitlich‘ eher durch ‚zunehmend‘ ersetzen würde. Das ‚mehrheitlich‘ ist eine mediale Zuspitzung, ein neues Klischee, das man uns aufdrücken will - weil es einfacher ist. In bestimmten Kreisen gibt es sicherlich diese Tendenz, man kann sie jedoch nicht auf alle Russlanddeutschen übertragen.

    Igor alias „Blinkender Lärm Yo“ (BLYO) ist 35 Jahre alt und wurde in Talas im heutigen Kirgisistan geboren. Seine Familie übersiedelte 1992 nach Deutschland. Er ist Künstler und Illustrator. Außerdem produziert er Beats, Videos und ist seit der Kindheit ein großer Fan von Viktor Zoi, dem Poeten und Frontmann der sowjetischen Rockband „Kino“. Seine Lebenseinstellung beschreibt BLYO als „1A“.

    BLYO

    Was verbindet Dich mit Deinem  Geburtsort?

    Kindheit

    Kannst Du Dich mit der Bezeichnung „Russlanddeutscher“ identifizieren?

    Ja, wenn dieser Begriff oder diese Identifikation bedeuten, dass ich aus einer Ecke eines großen Russlands komme und nun in Deutschland lebe. Ja, wenn es bedeutet, dass ich beide Sprachen spreche. Aber auch ja, weil dieser Begriff für mich, wenn es die Frage der Nationalität streift, absolut nichtssagend ist und eine Nichtnationalität verkörpert. Eine Identitätshülse, die vielen Lands-Männern und -Frauen in der fremden Heimat der Orientierung dienen soll. Real aber Nein. Ich fühle mich nicht als Russlanddeutscher.

    Die Bundestagswahl steht an. Wie wird deine Wahlentscheidung ausfallen?

    Nicht wählen gehen!

    Warum?

    Eine Wahl ist ein einfaches Prinzip. Am Ende steht man vor einem Ja oder vor einem Nein. Ich wähle das Nein bewusst. Die ‚Freiheit‘, Politik vor allem im Wahlkampf abzulehnen, nehme ich mir raus. Somit gebe ich meine Stimme eben nicht ab! Sie wird mir genommen und prozentual verteilt. Dreist.

    Die Russlanddeutschen galten in der Vergangenheit allgemein als konservativ und als CDU-Wähler.  Heute wandern sie mehrheitlich zur AfD ab. Wie bewertest  Du diese Aussage?

    Ein kollektives ‚Danke Helmut, jetzt wissen wir, wer wir sind!‘ Dieses Klischee kann ein Teil der Identitätshülse ‚russlanddeutsch‘ sein, wenn man diese Hülse unbedingt füllen will. Es ist wiederum eine Orientierung. Dass die Aussiedler zu der AfD abwandern ist denkbar, aber spekulativ.

    Die Sängerin Helena Goldt ist in  Dschambul im heutigen Kasachstan geboren und kam mit sechs Jahren nach Deutschland. Neben zahlreichen Projekten singt die klassisch ausgebildete Sängerin in ihrer eigenen Band „Helena Goldt & The Sputniki". Ihr Motto: „Ich liebe das Leben, das Leben liebt mich.“

    Was verbindet Dich mit Deinem Geburtsort?

    Die ersten sechs Lebensjahre. Kindheit, Heimatgefühle. Vertraute Gerüche, Mentalität, Küche, Sprache, Musik und das Interesse an Polykulturalität. Bereicherung durch das Leben in unterschiedlichen soziokulturellen Umgebungen und Gesellschaften. Offenheit.

    Kannst Du Dich mit der Bezeichnung „Russlanddeutsche“ identifizieren?

    Ich möchte immer dazusagen: Russlanddeutsche aus Kasachstan. Meistens überfordert das die Menschen beim ersten Mal, denn man kann mich schlecht einer Nationalität oder Kultur oder Gesinnung zuordnen. Und selbst, wenn man es gewissermaßen kann, ist das nur ein Teil der Identität. Ich habe das Gefühl, mit der Zeit geht es immer mehr darum, sich loszumachen von Zuschreibungen. Am Ende sind wir alle Menschen oder Bewohner dieser Erde.

    Die Bundestagswahl steht an. Wie wird Deine Wahlentscheidung ausfallen?

    Im Zweifel Links.

    Warum?

    Ich bin für Gleichberechtigung. Dafür, dass man keinen Unterschied macht zwischen einem Akademiker und einem Handwerker. Dass Mietpreise stabil bleiben und achtsam mit der Nachhaltigkeit in Umweltfragen umgegangen wird. Dass Kriege vermieden werden, und wir uns nicht davon täuschen lassen, uns ständig militärisch verteidigen zu müssen. Fremdem und genauso Fremdenfeindlichkeit mit einer gewissen Empathie begegnen. Weg vom Kapitalismus hin zu mehr Gemeinschaftsgefühl.

    Die Russlanddeutschen galten in der Vergangenheit allgemein als konservativ und als CDU-Wähler. Heute wandern sie mehrheitlich zur AfD ab. Wie bewertest  Du diese Aussage?

    In den Neunzigern hat man bestimmt eher die CDU gewählt. Hat sich aber sehr verändert. Wir sind eine sehr heterogene Gruppe. Meine Oma wählt CDU und SPD. Ich würde mich freuen, mehr russlanddeutsche Politiker in der linken oder grünen Partei zu sehen. Was die AfD angeht: Mehrheitlich auf keinen Fall. In meinem Bekannten- und Verwandtenkreis kenne ich so gut wie keinen, der AfD wählt und sich da täuschen lässt.

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    Tags:
    Russlanddeutsche, Bundestagswahl, Integration, Interview, CDU/CSU, Partei Alternative für Deutschland (AfD), Helmut Kohl, Mittelasien, Deutschland
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