03:22 16 Juli 2018
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    Gedenkfeier der Russischen Revolution (Archivbild)

    Russische Revolution nach 100 Jahren – ist Aussöhnung in Sicht?

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    100 Jahre Oktoberrevolution (15)
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    Die russische Revolution, deren Ausbruch sich am 7. November 2017 zum 100. Mal jährt, hätte auch nicht stattfinden können, wie Alexander Tschubarjan, wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Weltgeschichte in dem britischen Buch „Die russische Revolution“ gelesen hat, dessen Untertitel lautet: „War sie unvermeidlich?“

    In einer von der Medienagentur MIA Rossiya Segodnya organisierten Diskussionsrunde führte das Mitglied der Akademie der Wissenschaften Russlands ein Beispiel eines alternativen Herangehens an die Geschichte an, indem er aus dem Buch zitierte: „Hätte die Militärstreife, die Lenin angehalten hat, ihn erkannt und festgenommen (er begab sich mit einer Perücke zum Smolny-Institut, um den Aufstand zu beginnen), dann wäre die russische Revolution gänzlich ausgeblieben“. So einfach war die Geschichte jedoch nicht.

    Der Historiker bemerkte, dass Frankreich 100 Jahre gebraucht habe, um seine Revolution zu begreifen, aufzuarbeiten und letztendlich ein Gleichgewicht herzustellen, bei dem sowohl Robespierre als auch der von ihm hingerichtete König Eingang in die Geschichtsbücher gefunden hätten.

    „Auch in Russland vollzieht sich der Aufarbeitungsprozess. Die Auffassung der russischen Revolution wandelt sich sogar chronologisch. Sie wurde nach dem Monat Oktober benannt, in dem sie sich ereignete (gemäß der alten Zeitrechnung). Inzwischen wird sie als ein langer Prozess aufgefasst: Ihre erste Phase war die bürgerliche Februarrevolution, dann kommt der Oktober-Staatsstreich und schließlich der Bürgerkrieg bis zum Jahre 1922.“

    Erbe großer Französischer Revolution

    Für die Franzosen stelle die russische Revolution ein Modell der Großen Französischen Revolution dar, äußerte die ständige Sekretärin der Französischen Akademie, Hélène Carrère d’Encausse. „Die russischen Revolutionäre sind die Erben der Französischen Revolution, der Mutter aller Revolutionen. Uns interessiert aber die Meinung der russischen Bürger über ihre Revolution. Ist es möglich, dass sie in Russland kritisch betrachtet wird? In Frankreich wurde die Bewertung der eigenen Revolution nie revidiert. Wir glauben, dass sie für die Menschheit einen großen Augenblick ausmacht.“

    Das neunzehnte Jahrhundert stünde im Zeichen der Französischen Revolution, gibt Alexander Tschubarjan zu, das zwanzigste aber — im Zeichen der russischen mit all ihren Vor- und Nachteilen, wer und wie sie auch einschätzen möge. „Man kann lange darüber sprechen, wie Russland im Vorfeld der Revolution gewesen ist. Zu Sowjetzeiten galt allgemein, es hätte sich in einem fürchterlichen Zustand befunden. Jetzt ist man ins andere Extrem verfallen: Es heißt, Russland wäre  1913 quasi der fortschrittlichste aller Staaten  gewesen.“

    „Wir befinden uns gegenwärtig auf dem Wege zum Verständnis des Bürgerkrieges von 1917 — 20“, so der Historiker. „In Omsk wurde ein Denkmal für Admiral Koltschak eingeweiht. Viele Menschen haben sich aber zu einer Protestkundgebung gegen die Errichtung dieses Monuments versammelt, da ihnen bewusst war, wie viele Menschen Koltschak zugrunde gerichtet hatte, als er in Sibirien gegen die Bolschewiki kämpfte.“

    Aus der Sicht des Wissenschaftlers steht dieses Denkmal jedoch für Aussöhnung. „Die Roten wie die Weißen hatten gewissermaßen auf eigene Art Recht. Die wichtigste Lehre daraus aber lautet, man darf seine Gegner im eigenen Lande nicht körperlich vernichten, um recht zu behalten.“

    Wie ähnliche und sonst noch viele Konflikte entstehen, zeigt das Akademiemitglied Tschubarjan am Beispiel des Ersten Weltkrieges: „Niemand hatte sich einen derart fürchterlichen Krieg gewünscht, niemand hatte ihn geahnt. Man löste allerlei momentane Probleme, trug die vorhandenen Meinungsverschiedenheiten aus. Man muss sich aber dessen bewusst sein, dass solche Erscheinungen auch noch einen Auslöser haben. Der Mord in Sarajevo hat sich 1914 als Auslöser erwiesen. Darüber, wie so etwas entsteht, gibt es unzählige wissenschaftliche Abhandlungen. Man sollte aber auch Lehren daraus ziehen und sich merken, wie ähnliche kritische Situationen zu vermeiden sind.“

    Im 20. Jahrhundert, so der Forscher, habe es eine Geschichte wie die Kubakrise gegeben, die um ein Haar einen Krieg zwischen der Sowjetunion und den USA ausgelöst hätte. Daraus schlussfolgert er: „Also kennen wir bereits einen Faktor: Es war der politische Wille der Staatsoberhäupter, die einen Ausweg aus dieser Lage gefunden haben. Häufig sind die Staatschefs jedoch mit ihren augenblicklichen Interessen beschäftigt. Sie müssen aber für die allgemeine Gefahr, welche der Welt droht, ein Auge haben und nach Wegen zur Zusammenarbeit suchen, etwa zwischen uns und den USA. Aber in einem weiteren Kontext muss es um die Bildung eines umfassenden internationalen Bündnisses gegen die weltweit bestehenden Gefahren gehen.“

    Die Beschäftigung mit der Geschichte solle die Menschen einigen, ist sich Akademiemitglied Tschubarjan sicher. Diskussion und Dialog seien dabei die Hauptsache. „Ein Dialog führt nicht unbedingt zum Konsens. Manchmal ist sogar das Gegenteil der Fall. Der Dialog ist aber ein Weg zur Erkenntnis der Wahrheit. Und die Historiker kommen der Wahrheit näher, indem sie unterschiedliche Standpunkte vergleichen.“

    Nikolaj Jolkin

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    Tags:
    Geschichte, Bürgerkrieg, Revolution, Nikolaj Jolkin, UdSSR, Russland
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