11:02 22 Juli 2018
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    Junge geht nach Schule, Deutschland (Archivbild)

    Nach dem Abitur zum IS? Radikalisierung auch an deutschen Schulen

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    Der Verfassungsschutz geht hierzulande von 10.300 Menschen im salafistischen Spektrum aus. Über die Hälfte aller „Gefährder“ sind laut Bundeskriminalamt (BKA) minderjährig. Wie groß ist die Gefahr, dass sich Schüler in Deutschland radikalisieren? Welche Rolle spielen Imame? Sputnik sprach mit Lehrern, Experten und einem Muslimverband.

    Laut den Behörden wirken im salafistischen Umfeld auch Imame, also islamische Geistliche. Deren Hauptziel sei es, verdeckt für den Islamismus zu missionieren und zu rekrutieren. Besonders im Visier: Jugendliche, also Schülerinnen und Schüler. Lehrerin und Islamismus-Expertin Birgit Ebel nennt den Fall von Ahmed Y. „Er hat im Kreis Höxter (bei Paderborn) auf einem Gymnasium sein Abitur gemacht“, sagte die Gründerin der Präventions-Initiative und Anti-Radikalisierungs-Anlaufstelle „extrem dagegen!“ in Herford im Sputnik-Interview.

    Der Schüler hätte als gut integriert gegolten. Aber: „Ahmed Y. wird jetzt in Dortmund der Prozess gemacht, weil er in Kairo aufgegriffen wurde. Er wollte dort zum Islamischen Staat. Er wird jetzt abgeschoben werden, weil er als Gefährder gilt.“ Zuvor sei er schon bei salafistischen Aktionen auf den Straßen Bielefelds gesichtet worden, so 2015 bei der mittlerweile verbotenen „Lies!“-Kampagne.

    Wenn Ahmed ihr Schüler gewesen wäre, hätte die Pädagogin die Radikalisierung sicher zuvor erkannt. Sie erklärte: „Weil man diese Veränderung bemerkt. Das muss man sich mal vorstellen: Wir als Lehrkräfte haben da Jugendliche vor der Nase, die bereit sind, in den Dschihad zu ziehen und andere Menschen umzubringen.“

    Es gebe weitere Alarmsignale: Wenn Schüler zum Beispiel plötzlich traditionelle Kleidung tragen. „Oder sie interessieren sich auf einmal für den Islam, obwohl sie vorher gar nicht religiös waren. Da stehen sie ganz klar unter Einfluss.“ Diese Einflussnahme finde nicht nur im Internet, sondern oft auch in Moscheen vor Ort und durch dortige Imame statt.

    Die Rolle der Imame

    Erst kürzlich wurde laut Medienberichten der Imam Abu Adam alias Hesham Shashaa in der spanischen Stadt Alicante verhaftet. Der Vorwurf: Zusammenarbeit mit dem Islamischen Staat (IS). Abu Adam galt zuvor als „gemäßigter Salafist“ und war als Imam deutschlandweit für diverse Islam-Vereine in der De-Radikalisierungs- und Aufklärungsarbeit tätig.

    Ebel kennt den Imam persönlich. „Das ist ein schockierender Fall“, so die Expertin. „Ich habe Abu Adam auf einer zweitägigen Tagung der Bundeszentrale für politische Bildung kennengelernt. Er war sehr sympathisch. Er galt als jemand, der als Terrorismus-Beauftragter mit den Sicherheitsbehörden zusammengearbeitet hatte.“ Sie sei mittlerweile zu der Überzeugung gelangt, dass man auch mit „gemäßigten“ Salafisten in der De-Radikalisierungsarbeit einfach nicht zusammenarbeiten könne.

    Im „Bündnis Islamischer Gemeinden in Bielefeld“ (BIG) sind einige Imame organisiert. Für Cemil Sahinöz, den BIG-Vorstandsvorsitzenden, sind Imame, die in Moscheen radikalisierend wirken, absolute Ausnahmen.

    „Es ist meistens so, dass man solche Radikale eher in Moscheegemeinden wiederfindet, die eben nicht den bekannten großen islamischen Verbänden angehören“, sagte er gegenüber Sputnik. „Das sind eher Unabhängige, die sich irgendwo in Hinterhöfen bilden, die erstmal augenscheinlich nicht als Moscheegemeinde auffallen. Die auch nicht unbedingt eine große Kommunikation mit der umliegenden, muslimischen Community haben.“ Das seien sogenannte Randmoscheen.

    Die Imame würden stets durch Moschee und Islamverein kontrolliert. „Wir sind auch ständig mit dem Verfassungsschutz, mit der Polizeidirektion oder anderen Präventionsangeboten gegen Salafismus in Kontakt.“ Falls ein radikaler Imam auffalle, würde sofort die zuständige Moscheegemeinde eingreifen und ihn „rausschmeißen“.

    Das Problem entstehe nicht in den Moscheegemeinden, sondern durch „vereinzelte Personen“, die sich radikalisierten. Der Erstkontakt erfolge durch das Internet. „Die Radikalisierung findet nicht in gefestigten Standorten wie den Moscheegemeinden statt, wo eine ganz klare Theologie gegen den Extremismus gelehrt wird.“

    Schleiertaktik, um wahre Ziele zu verbergen?

    Weshalb werden dann bestimmte Moscheen wie die Dar-as-Salam-Moschee oder die Ibrahim al-Khalil-Moschee in Berlin vom Verfassungsschutz beobachtet? „Das sind die bereits angesprochenen Randmoscheen. In Deutschland gibt es 2.000 Moscheen. Und von diesen sind es gerade mal an die 15 Moscheen, die mit Salafismus im Verfassungsschutzbericht auftauchen.“ Das sei gerade mal eine „Handvoll an Moscheen.“

    Islamismus-Kenner verweisen immer wieder auf ein bekanntes Muster, wonach radikale Imame sich öffentlich vom Islamismus distanzieren, insgeheim aber doch salafistische Ziele verfolgen. Dem entgegnete der BIG-Sprecher: „Ich weiß nicht, ob man da von einer Schleiertaktik sprechen kann. Die Salafisten sind ja eher sehr, sehr offensiv. Ich sehe da eher eine offensive Art der Strategie.“

    „Steht das Gebet über allem? Wird mit einer Angstpädagogik gearbeitet? Welches Frauenbild wird vertreten? Müssen Frauen sich vollverschleiern? Stellt ein Imam, der hier in Deutschland lebt, den Glauben über das Gesetz? Wenn er das tut, agiert er schon mal nicht auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.“ Bei einem Imam sollten diese Punkte stets überprüft werden, machte Expertin Ebel deutlich.

    Alexander Boos

    Das komplette Interview mit Birgit Ebel („extrem dagegen!“) zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit Cemil Sahinöz (BIG) zum Nachhören:

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    Tags:
    Imam, Radikalisierung, Jugendliche, Netz, Schule, IS, Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), Deutschland
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