00:20 19 Oktober 2017
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    Friedrichstadt-Palast Theater (Archivbild)

    AfD vs. Friedrichstadt-Palast: Bombendrohung wegen „Abgrenzung“

    CC BY 2.0 / Luis Villa del Campo / Friedrichstadt Palace Theatre
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    Friedrichstadt-Palast-Intendant Berndt Schmidt distanziert sich von der AfD und ihren Wählern. Es hagelt Hassmails, sogar Morddrohungen und eine Bombendrohung. Die Partei selbst reagiert mit einer offensiven Aktion.

    In einem Brief an die Mitarbeiter hatte Intendant Schmidt letzte Woche geschrieben, dass sich das Theater künftig noch deutlicher als bisher von 20 oder 25 Prozent der potenziellen Kunden im Osten abgrenzen werde. „Ich will all deren Geld nicht“, hieß es in dem Brief. Der Friedrichstadt-Palast sei eine bedeutende Kulturinstitution im Osten, daraus entstehe auch eine besondere Verantwortung, begründete er seine Äußerungen. Der Sprecher der AfD-Berlin, Roland Gläser, sieht sich einer „Hexenjagd“ ausgesetzt. Er erklärt gegenüber Sputnik:

    „Wir empfinden das als Diskriminierung durch einen politisch korrekten Bühnenintendanten. Das ist typisch für die Kulturszene in Deutschland, wo Leute ständig Toleranz und Vielfalt predigen und davon aber nichts mehr wissen wollen, wenn jemand mal anderer Meinung ist.“

    ​Abgrenzen, nicht ausgrenzen

    In einer Rede vor der Nachmittagsvorstellung am vergangenen Samstag in dem Berliner Revuetheater erläuterte Schmidt seine Äußerungen gegenüber der Alternative für Deutschland ausführlicher:

    „Ich habe gesagt, dass ich mich künftig noch mehr als bisher von dieser Partei abgrenzen möchte. Noch mehr als bisher abgrenzen heißt, dass wir uns schon lange von dieser Partei abgrenzen. Und abgrenzen heißt nicht ausgrenzen. Die Aussage, die gerade in vielen Medien zu lesen und zu hören ist, dass ich AfD-Wähler ausgrenzen oder sie ausladen würde, ist nicht richtig.“

    Er hieß auch AfD-Wähler ausdrücklich willkommen. "Doch hoffentlich fühlen Sie sich komisch, wenn Sie gleich sehen, was entstehen kann, wenn ein Ensemble aus 25 verschiedenen Nationen, mit allen Hautfarben, aus Atheisten, Christen, Muslimen und Juden, aus Hetero- und Homosexuellen, von Menschen mit und ohne Behinderungen friedlich zusammenarbeitet."

    Unmittelbar vor der Abendvorstellung habe es eine anonyme Bombendrohung gegeben. Die etwa 1700 Gäste hätten das Gebäude verlassen müssen. Mit knapp einer Stunde Verspätung habe die Show dann aber begonnen, sagte ein Sprecher des Revuetheaters am Sonntag. Schmidt selbst habe in den vergangenen Tagen etwa 250 Hassmails – teils mit Morddrohungen – erhalten.

    ​AfD verloste Karten

    Die Berliner AfD selbst hatte als Reaktion auf die Worte des Intendanten zehn Karten für die Vorstellung „The One Grand Show“ im Friedrichstadt-Palast verlost. Voraussetzung sei gewesen, dass die Bewerber bekennende AfD-Wähler seien, sagte Gläser dem „Tagesspiegel“. Auch vor der Verlosung gab es schon AfD-Anhänger, die auf eigene Initiative das Theater besucht hatten, berichtet Gläser:

    "Es gab schon Leute, die auch extra mit einem AfD-T-Shirt den Friedrichstadt-Palast besucht haben und Flagge gezeigt und Selfies in den sozialen Netzwerken verbreitet haben. Auch bei der Verlosungsaktion habe ich sehr großes Interesse gespürt. Es haben sich sehr viele Leute gemeldet und melden sich immer noch bei mir, obwohl die Verlosungsaktion schon vorbei ist. Deswegen hatten wir einen ziemlichen Andrang von Leuten, die gerne mitkommen wollten. Ich hatte aber nur zehn Karten zur Verfügung, die sind ja auch nicht ganz billig."

    Legitime Form der Meinungsäußerung?

    Aus Sicht von Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) handelt es sich um eine legitime Form der Meinungsäußerung. Zivilcourage in Kulturinstitutionen sei wichtig, so der Senator. Das sieht AfD-Politiker Gläser anders:

    "Wenn Berndt Schmidt sagt, er müsse sich abgrenzen, dann ist das seine persönliche Meinung. Die ist auch richtig, allerdings weiß ich nicht, was die im Zusammenhang mit einem Bühnenstück und seiner Tätigkeit als Intendant zu tun hat. Da geht es ja gerade nicht um Politik, sondern das ist Zerstreuung und Kultur und sollte eigentlich nicht so politisch aufgeladen sein."

    Auch in den eigenen Reihen stoße Schmidt jedoch nicht nur auf Zustimmung, wie ein Musicaldarsteller der dpa sagte. Zudem gab es eine Online-Petition, die die Absetzung des Intendanten zum Ziel habe. Diese wurde allerdings wegen Nichtbeachtung der Nutzungsbedingungen von openPetition gesperrt.

    ​Immerhin, AfD-Sprecher Gläser war so das erste Mal bei einer Vorstellung im Friedrichstadt-Palast. Er fand es eine „interessante Bühnenshow.“

    Bolle Selke

    Das komplette Interview mit Roland Gläser zum Nachhören:

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    Tags:
    Streit, Theater, Diskriminierung, Partei Alternative für Deutschland (AfD), Deutschland