18:43 12 Dezember 2017
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    albanische Kinder auf dem Hintergrund, Kosovo (Archivbild)

    Albanischer Polizist schlägt Alarm: Kinder verschwinden – Medien schweigen

    © AP Photo/ Bela Szandelszky
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    Die Mädchen sollen zwangsverheiratet werden, die Jungen unters Messer illegaler Organhändler kommen: Neun Kinder aus dem Kosovo sind unlängst nach Albanien verschleppt worden. Ein Polizist hat den ehemaligen Staats- und Regierungschef des Landes Sali Berisha darüber informiert. Die Agentur Sputnik hat vor Ort recherchiert.

    Kinder aus kosovarischen Dörfern würden über die Grenze nach Albanien gebracht, um ihnen Organe für den Schwarzmarkt zu entnehmen. Für die Schmuggler ist es offenbar ein Leichtes, ihre Opfer über die Grenze zu bringen: „Die Grenzschützer erhalten Schmiergelder“ von umgerechnet 150 Euro. Neun Kinder aus armen Dorffamilien seien auf diese Weise inzwischen verschleppt worden, so der albanische Polizist. Sali Berisha, Albaniens ehemaliger Staats- und Regierungschef, hat dessen Weckruf auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht.

    Albanische Medien verschweigen den Skandal. Indes haben anonyme Quellen aus der Kommunalverwaltung der Stadt Dragash im Süden Kosovos gegenüber „Sputnik“ bestätigt: In den letzten Monaten sind vier Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren verschwunden – drei Mädchen und ein Junge.

    „Die Kinder sind am frühen Morgen verschwunden, was schon sehr merkwürdig ist. Zwei Mädchen zum Beispiel gingen einkaufen und kamen nicht wieder“, sagt der anonyme Informant. „Die Stadt Dragash liegt unweit der Grenze zwischen Albanien und Mazedonien. Die Grenze wird nicht bewacht. Insofern ist alles denkbar.“

    Es sei ohnehin kein Geheimnis, dass Albaner kleine Mädchen aus dem Kosovo kaufen, um sie zur Heirat zu zwingen. Auch würden arme Eltern ihre Kinder als Wanderarbeiter für die Landwirtschaft nach Albanien schicken, wo sie besser bezahlt würden. „Das geschieht absolut illegal“, sagt die Quelle. Es wundere daher nicht, dass Eltern das Verschwinden ihrer Kinder bei der Polizei nicht anzeigen.

    „Es gibt spezielle Leute, die die Schwarzarbeit oder die Zwangsehe mit den Kinder aus dem Kosovo vermitteln. Die Kinder werden dann auf Lastwagen zur Feldarbeit gefahren. Was mit ihnen geschieht, ob sie verschleppt und verkauft werden – das ist eine Sache der Eltern und zuständigen Behörden. Wenn die Kinder entführt wurden, werden die Eltern aber kaum zur Polizei gehen, sondern eher auf eigene Faust versuchen, sie zu finden.“

    Indes macht ein serbischer Sicherheitsexperte im Gespräch mit „Sputnik“ den albanischen Ex-Staats- und Regierungschef, Sali Berisha, für die Vorfälle mitverantwortlich. Unter Berishas Führung 1998 seien „die Terroristen der Kosovarischen Befreiungsarmee UÇK“ ausgebildet worden, erinnert der Experte.

    „Berisha ist gut darüber informiert, was in den UÇK-Lagern im Norden Albaniens passierte. Dort wurden entführte Serben und regierungstreue Albaner festgehalten, auch unsere Polizisten und Soldaten“, erklärt der serbische Experte. Nach Informationen der serbischen Armee seien dort regelmäßig Menschen verschwunden, sagt er weiter. „Es gibt stichhaltige Beweise, dass diese Menschen getötet und ihre Organe nach Westeuropa verschickt wurden, wo es eine große Nachfrage danach gibt.“

    Dass Sali Berisha ausgerechnet jetzt eine Meldung über verschwundene Kinder veröffentlicht, liegt laut dem Experten an dessen schlechtem Verhältnis zum jetzigen albanischen Premier Edi Rama.

    Die Medien in Albanien gehen dem ganzen indessen nicht nach. Gerüchte über vermisste Kinder habe es früher schon gegeben, nur hätten „kompetente Stellen“ nichts bestätigt – also habe man auch nichts geschrieben, sagte ein albanischer Journalist im Gespräch mit „Sputnik“.

    Illegaler Organhandel in Kosovo und Albanien wurde früher schon thematisiert — in einem Bericht des Schweizer Ermittlers Dick Marty. Davor hatte die Chefanklägerin des Internationalen Gerichtshofes Carla Del Ponte in einem Buch über Kriegsverbrechen in der Region darüber berichtet. Eine Schlüsselrolle im illegalen Organhandel kam demnach auch dem heutigen kosovarischen Präsidenten Hashim Thaçi zu.

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    Tags:
    Verschwinden, Kinderhandel, Polizei, Interview, Medien, Albanien, Kosovo
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