13:54 18 Dezember 2017
SNA Radio
    Cook County Gefängnis in Chicago (Archivbild)

    Doku „Pre Crime“: Wie Computer Verbrechen (nicht) bekämpfen

    © AP Photo/ Charles Rex Arbogast
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    2223

    Wie funktioniert Predictive Policing, die Polizeiarbeit mit Prognose-Software - und welche Folgen hat sie für Betroffene? Davon handelt "Pre-Crime". Der Dokumentarfilm zeigt Geschichten, die der Philip K.Dick Verfilmung "Minority Report" ähneln, aber längst kein Science Fiction mehr sind.

    Robert McDaniel aus Chicago ist ein unglaublich intelligenter junger Mann, erzählt Regisseur Matthias Heeder im Sputnik-Interview. Durch Marihuanakonsum, Glücksspiel und  „falsche“ Bekannte landet er auf einer „Heat List“ der Polizei. Durch Algorithmen, die keiner so genau durchschaut, wird ihm ein Rating von 215 zugeteilt. Das heißt, er ist 215 Mal mehr in Gefahr, Opfer von Gewalt zu werden oder selbst Gewalttaten zu begehen. McDaniel ist einer der Protagonisten des Filmes „Pre-Crime“ von Monika Hielscher und Matthias Heeder der am Donnerstag in die deutschen Kinos kommt. Heeder berichtet:

    „Robert McDaniel weiß, dass er nie eine Chance hat, da rauszukommen. Sein gesamtes Leben, seine gesamten sozialen und verwandtschaftlichen Bezüge, all das ist durch eine einzige Tatsache zerstört worden — dass er Zuhause von der Polizei besucht worden ist. Wenn sie in Austin Chicago — in einem schwarzen Viertel — leben, und sie bekommen Besuch von der Polizei und werden nicht verhaftet, heißt das für die Nachbarn, Freunde und Verwandte, der arbeitet mit der Polizei zusammen und von Stund´ an war sein gesamtes soziales Leben zerstört. Das ist bis heute der Fall.“

    Für Predictive Policing gibt es zwei Programmansätze, erklärt Heeder.  Auf der einen Seite gibt es Programme, die darauf abzielen, Einbruch, Diebstahl oder Autodiebstahl zu verhindern beziehungsweise vorauszuberechnen. Gang und gäbe in den USA und in Großbritannien sind andererseits Programme, welche auf individuelle Menschen abzielen. Diese Menschen bekämen eine gewisse Punktzahl, errechnet von Polizeicomputern basierend auf Polizeidaten und so gewissermaßen eine Risikoeinschätzung.

    Auf eine Liste kommt man schnell, runter nicht

    Wenn man einmal auf dieser Liste steht, weiß keiner, wie man dort wieder herunter gelangt. Heeder erzählt:

    „Wenn man einmal in so eine Maschinerie rein kommt oder einmal  auf so einer Liste landet, dann gibt es tatsächlich kein gesetzliches Verfahren, wie man von dieser Liste wieder runter kommt. Ich habe den Polizeipräsidenten von Chicago gefragt, was muss ich tun, um von der Liste wieder runter zu kommen. Er sagte mir: "Commit no crimes", also begehe keine Verbrechen. Aber, die Tatsache, dass ich keine Verbrechen begehe wird nirgendwo protokolliert. Wie komme ich also da wieder runter? Das kann letztlich niemand beantworten. Wie komme ich von einer "No-Fly Liste" runter? Auch das weiß niemand.“

    Rauf auf solche Listen komme man allerdings recht schnell:  Wenn man im falschen Viertel wohnt, mit den falschen Menschen zu tun hat oder die falschen Nachbarn hat. „In Code gegossene Vorurteile“ nennt Heeder dann auch die Algorithmen, welche für Predictive Policing genutzt werden. „Niemand kontrolliert, wie die Daten zustande kommen. Niemand kontrolliert diejenigen, die die Daten eingeben.“ In den USA würden die Polizeibehörden ihre Daten bei privaten Datenbrokern einkaufen, ohne die Möglichkeit zu haben, diese auf Richtigkeit zu überprüfen. In London würde jeder Polizeibeamte Daten in die Datenbank eingeben, ob diese durch den vorhandenen Alltagsrassismus beeinflusst sind, auch das kann niemand überprüfen.

    Denn betroffen durch Predictive Policing sind vor allem ethnische Minderheiten, wie Heeder zu berichten weiß:

    "In den USA  sind eindeutig Afro-Amerikaner betroffen. In UK ist das Beispiel, dass wir gefunden haben, die Matrix-Datenbank. Dort sind sogenannte Gangs aufgelistet. Auf der Liste befinden sich zu 75 Prozent Schwarze, 15 Prozent Asiaten und die Anzahl der in dieser Datenbanken erfassten weißen "Verdächtigen" oder Straftaten ist dagegen verschwindend gering."

    Die Recherche zu dem Film hat Heeder zu der Schlussfolgerung gebracht, dass diese Systeme auf die systematische Verunsicherung von Individuen zielen. Die Betroffenen würden einen Brief von der Polizei bekommen, in dem sie aufgefordert würden, ihr Leben zu ändern. Wenn man aber wüsste, dass man ständig unter Polizeiüberwachung sei und ständig kontrolliert werden könne, dann könne man auch niemals wirklich ein Leben planen, ohne damit rechnen zu müssen, jemals nicht mit der Polizei in Kontakt zu sein.

    Predictive Policing hilft nicht Verbrechen zu verhindern

    Nachweisbare Ergebnisse hat Predictive Policing noch keine vorzuweisen. Heeder verweist auf eine neue Untersuchung vom Max-Planck Institut für ausländisches und internationales Strafrecht,  die sich mit den Ergebnissen einer Studie aus den USA von vor zwei Jahren decke. Er veranschaulicht:

    „Diese Studien sagen, dass man den Effekt dieser Programme nicht wirklich nachweisen kann. Es gibt aber natürlich unterschiedliche Interpretationen. In Baden-Württemberg gibt es zum Beispiel Gebiete, da wird mit einer Software gearbeitet, die auf Einbruchdiebstähle zielt. 2015/16 sind die Zahlen tatsächlich runter gegangen. Gleichzeitig sind die Zahlen aber auch in anderen Bezirken runter gegangen, die nicht mit dieser Software arbeiten.“   

    Man kann kritisieren, dass man bei den Zwischensequenzen von „Pre-Crime“ nicht direkt unterscheiden kann, wo es sich jetzt um echte Überwachungsaufnahmen handelt und wo um atmosphärische Special Effects. Viele Fragen zu Predictive Policing bleiben unbeantwortet, aber das ist auch eine der Botschaften die der Film transportiert. Obwohl die Algorithmen die Leben von Menschen wie McDaniel oder den Londoner Zmurf maßgeblich beeinflussen, darf man sie aufgrund von Patentrecht nicht einsehen und nachvollziehen.

    Noch sind wir in Deutschland vergleichsweise sicher vor der Willkür dieser Algorithmen. Auch das wird im Film ziemlich klar, wenn man die Beispiele zwischen Chicago, London, Irland und München vergleichen kann.

    Im angelsächsischen Raum werde bei Predictive Policing mit personenbezogenen Daten gearbeitet erläutert Heeder. Und das ist der große Unterschied zu Deutschland. Das sei vor dem Hintergrund der aktuellen deutschen Gesetzeslage nicht möglich. Er fügt hinzu:

    „Aber ich garantiere Ihnen: Wenn hier ein größerer Terroranschlag mit 200 Toten in München, Hamburg oder Berlin stattfindet — was glauben Sie, wie schnell sich diese Gesetzgebung verändern wird.“

    Bolle Selke

    Das komplette Interview mit Matthias Heeder zum Nachhören:

    Zum Thema:

    USA: Polizei nimmt Jugendlichen wegen angedrohter Schießerei in Eliteschule fest
    Moskau besorgt über US-Polizisten mit Taschenlampen neben russischem Konsulat
    US-Polizei fahndet nach Callgirl von Vegas-Schütze Paddock - Zeitung
    Tags:
    Dokumentation, Täter, Datenbank, Kritik, Kriminalität, Überwachung, Polizei, USA
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren