09:09 27 Juni 2019
SNA Radio
    Verpasste Nachrichten in Whatsapp

    Cyberstalking im Aufwärtstrend – was ist das und wie kann ich mich dagegen wehren?

    © Sputnik / Natalja Seliwerstowa
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    6331

    Cyberstalking, das ist das Stalking, das im Netz stattfindet. Dort ist das Phänomen im Kommen, weil der Mantel der Anonymität die Täter deckt und die Online-Welt ihnen immer raffiniertere Mittel bereitstellt. Wer sich gegen das Stalking wehren will, sollte alles dokumentieren, Nummern sperren und Profile wechseln.

    Ein arbeitsloser Familienvater lernt über Facebook eine hübsche Dame kennen. Man tauscht sich aus, fügt sich hinzu, schickt sich Fotos und schließlich auch intime Nacktfotos. Dann ist das Profil der Dame plötzlich verschwunden und nach einer Woche erhält der Mann eine E-Mail, die ihn zur Zahlung von 5.000 Euro auffordert. Leistet er nicht Folge, so werden die Fotos im Netz verbreitet, lautet die Drohung. Der Mann überweist das Geld, und drei Wochen später kommt der nächste Erpressungsversuch. Das geht so lange weiter, bis der Mann das Geld nicht mehr aufbringen kann. Dann landen die Fotos im Netz. Gegen den Täter kann man kaum gerichtlich vorgehen, der sitzt im Ausland.

    Von diesem recht jungen Fall von Cyberstalking berichtet Edith Huber, Sozialwissenschaftlerin und Expertin im Bereich Cyberkriminalität an der Donau-Universität-Krems. Unter Cyberstalking versteht sie „eine fortdauernde, immer wiederkehrende Form der Belästigung oder Bedrohung“, die im Netz stattfindet. Aber ab wann spricht man von Cyberstalking? Reicht es, dass jemand recht oft mein Profil besucht hat? So einfach sei es nun auch wieder nicht, erklärt Huber. „Cyberstalking ist es dann, wenn es für das Opfer nachweisbar die Lebensführung beeinträchtigt.“ Mit ein paar Profilaufrufen wäre das schwer zu begründen, eher mit „50 Whatsapp-Nachrichten pro Tag“ oder dem Verteilen von „unschönen Bildern“.

    Cyberstalking im Kommen, Männer und Frauen zu gleichen Teilen betroffen

    Die meisten Fälle treten laut Huber im Zusammenhang mit „einer nicht-erfüllten Liebe oder einer Beziehung“ auf. Laut einer Umfrage sei so etwas schon rund einem Drittel der befragten Personen zugestoßen. Diese Form des Cyberstalkings habe aber meist „temporären Charakter“, hängt also mit Verletzungen und Rachewünschen zusammen, die mit der Zeit meist verklingen. Andere Fälle gibt es aber auch im Geschäftsbereich, wo man mit Drohungen und Erpressungen die Geschäftsfähigkeit eines anderen schädigen will. Diese seien seltener, aber dennoch „im Kommen“, so die Expertin.

    Laut österreichischen Polizeistatistiken gebe es generell einen Anstieg im Cyberstalking. Und das hänge mit einem besorgniserregenden Trend zusammen: „Der Anstieg ist insofern zu verzeichnen, dass die Täter immer raffinierter werden und verschiedene Methoden verknüpfen, die es früher so nicht gegeben hat.“ Um die Dunkelziffer zu ermitteln, hatte Huber im Dezember 2016 eine repräsentative Studie an 747 Österreichern im Alter zwischen 18 und 66 Jahren durchgeführt. Das Ergebnis: Ein Drittel gab an, per Mail von Stalking betroffen zu sein, bei sechs Prozent trat das Phänomen über Chats auf, 20 Prozent wurden über SMS belästigt und nur 2,5 über Webseiten wie Facebook.

    Auch was die Geschlechterverteilung betrifft, gab es ein interessantes Resultat: Im Netz werden Frauen häufiger zu Täterinnen, Männer und Frauen seien entsprechend von Cyberstalking „fast zu gleichen Teilen“ betroffen. Allerdings würden Frauen öfter solche Vorfälle zur Anzeige bringen, sodass bei der Auswertung der Anzeigen 70 Prozent Männer und nur 30 Prozent Frauen als Täter erscheinen.

    Hemmschwelle sinkt im Netz wegen Anonymität und vielfältiger Mittel

    Für die Expertin ist der Aufwärtstrend eng mit zwei Sachen verbunden: Zum einen sorge der „Deckmantel der Anonymität“ dafür, dass Täter sich weniger fürchten, erwischt zu werden, und zum anderen mache das Netz Stalking einfacher, weil man es von überall her und mit wenigen Klicks  ausüben kann. Außerdem würden Täter sich weniger Gedanken darüber machen, „was sie damit anrichten oder welche Existenzen sie damit zerstören“, schließlich begegnet man dem Opfer im Netz nicht wirklich und auch die Auswirkungen der eigenen Handlungen kriegt man dort nicht unmittelbar zu Gesicht. Durch all diese Faktoren sinkt die Hemmschwelle für Täter. Für Huber ist Stalking aber nichts Neues und Cyberstalking sowieso kein eigenes Phänomen. „Ich denke, Stalking ist ein menschliches Verhalten. Das ist so alt wie die Menschheit selbst.“

    Alles dokumentieren! Wie man sich gegen Cyberstalking wehrt

    Viele Leute könnten sich laut Huber kaum wehren, „weil sie beruflich bedingt in einer Firma arbeiten, wo die Handy- oder E-Mail-Adressen online publiziert worden sind.“ Unabhängig von der Situation gelte aber beim Cyberstalking, dass alles dokumentiert werden soll, denn die Dokumentation ist Beweismaterial vor Gericht. Ist genug Material gesammelt, kann das Opfer sich an einer Polizeistelle oder an einer Opferschutzstelle beraten lassen. Dann kann entschieden werden, ob die Dokumentation für eine strafrechtliche Ermittlung ausreicht. Allgemein gelte auch: Bei Handy die Telefonnummer wechseln. Wenn man den Täter identifizieren kann, den Täter sperren lassen. Und die eigenen Online-Profile wechseln.

    Das komplette Interview zum Nachhören:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    Cyberkriminalität: Russische Hacker erbeuten über eine Milliarde Passwörter
    Cyber-Viren: FSB-Chef fordert weltweites Verbot
    Moskau setzt Cybersicherheit auf Agenda der UN-Vollversammlung
    „Russland ist Cyber-Elefant“ – Russischer Top-Beamter
    Tags:
    Einmischung, Erpressung, Bekämpfung, Privatsphäre, Cyberkriminalität, Facebook, Deutschland