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05:38 15 Oktober 2019
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    Figur von Maria Magdalena in Dresden (Archivbild)

    „Kirchen zu Lagerhallen“: Wohin mit leer stehenden Gotteshäusern?

    © AFP 2019 / Sebastian Kahnert / DPA
    Gesellschaft
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    Immer wieder müssen Kirchen geschlossen werden, weil es nicht mehr genug Gläubige gibt, die dort beten wollen. Der Denkmalschützer Martin Bredenbeck sieht darin eine gesellschaftliche Entwicklung, die sich auch in Zukunft weiter fortsetzen wird. Das wiederum ist schwer für betroffene Gläubige.

    „Ich denke, dass sich die Bindungen der Menschen an die organisierte Kirche gelöst haben“, so der Geschäftsführer des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Landschaftsschutz. „Mitglied einer der beiden großen christlichen Kirchen zu sein, hat einen anderen Grad von Verbindlichkeit in unserer heutigen Gesellschaft. Das gilt für die evangelische Kirche genauso wie für die katholische. Die Vielfalt der Optionen ist heute größer, und die Menschen orientieren sich anders. Die Kirche müssten deswegen stärker gucken, mit welchen Angeboten, sie ihre Räume füllen könnten.“

    Diese gesellschaftliche Entwicklung würde zu Veränderungen führen – personeller und finanzieller Art. Auch die Frage, welche Rolle die Kirche als fester Akteur in der Gesellschaft spielen wolle und könne, würde sich neu stellen.

    Als Folge davon müssen Kirchen schließen. 500 katholische Kirchengebäude sollen es seit dem Jahr 2000 schon gewesen sein. Das hat das Internetportal katholisch.de in einer Umfrage ermittelt. Die  Deutsche Bischofskonferenz spricht von 366 katholischen Kirchen, welche seit Anfang des 20. Jahrhunderts bundesweit profaniert worden sind und verweist darauf, dass seit 1995 in Deutschland 72 katholische Gotteshäuser und mehr als 600 sonstige öffentliche Gebäude der katholischen Kirche neu erbaut wurden.

    Laut katholisch.de mussten im Erzbistum Berlin 20 Kirchen aufgegeben werden. Zwei Kirchen wurden abgerissen. Das würde aber heute sicher nicht mehr so schnell passieren. Der Sprecher des Erzbistums, Stefan Förner, erklärt, einen kompletten Abriss würde man zwar nicht mehr so schnell in Betracht ziehen. Es würde aber dabei bleiben, dass man sich auch weiterhin von Gebäuden trennen müsse, die künftig nicht mehr pastoral genutzt und daher nicht wirtschaftlich erhalten werden könnten.

    Von der Kirche zur Kletterhalle

    Der Kunsthistoriker Bredenbeck hat sich in seiner Promotion mit der Umnutzung von Kirchenbauten im Rheinland befasst. Er kennt einige Beispiele, bei denen ein Abbruch von Oben verordnet wurde und es von Unten Wiederstand gab, oder von Unten gewünscht wurde und es von Oben Wiederstand gab. Andere traurige Beispiele sind für ihn die Nutzung ehemaliger Kirchen als Lagerhallen, zum Beispiel für Autowerkstätten – hohe Räume können gut für hohe Regalwände verwendet werden.

    Das lustigste Beispiel, das er kennt, ist die ehemalige Pfarrkirche St. Peter im Mönchengladbacher Stadtteil Waldhausen. Diese Kirche wird nun als Kletterhalle genutzt. Das sei im ersten Moment vielleicht etwas skurril, weil das Äußere und Innere auseinander falle:

    „Im Inneren sieht es wie jede Kletterhalle aus und im Äußeren haben sie diese würdevolle Architektur“, es ist aber für Bredenbeck ein durchweg positives Beispiel dafür, was man mit einer entwidmeten Kirche mache könne.

    Trotzdem berichtet Bernd Peters, Mitglied im Kirchenvorstand St.Anna Waldhausen-Windberg, davon, dass bei einer Kirchenschließung natürlich immer enttäuschte Gemeindemitglieder zurückbleiben. Der sakrale Ruheraum in der Kletterkirche werde nur noch selten benutzt. Es gebe auch Gemeindemitglieder, die auf keine andere Kirche mehr ausweichen und sagen würden: „Okay, dann gehe ich nirgendwo mehr in die Kirche.“

    Frust bei den Gemeindemitgliedern

    Peters sieht die Neuverwendung des Kirchengebäudes aber prinzipiell positiv – besser als Leerstand allemal. Tatsächlich wurden auch schon Kirchen auf Ebay versteigert. Auch vom Erzbistum Berlin. Aber dessen Sprecher, Stefan Förner, bekräftigt, dass dies in Zukunft nicht mehr passieren würde. Eine Kirchenversteigerung sei für Bredenbeck ein Beispiel dafür, dass sich alle Verantwortlichen zurückgezogen haben. Er habe schon mitbekommen, wie ein Investor eine Kirche erworben habe, in der noch Teile der Ausstattung, wie ein Altar zum Beispiel, enthalten waren. Das wurde einfach weiter verkauft. „Aus der Logik des Investors total richtig.“ So etwas könne aber Menschen, die eine starke emotionale Bindung an die Kirchen haben sehr zusetzen. Das habe der Kunsthistoriker häufig bei seinen Recherchen erlebt:

    „Es ist ein Teil der eigenen christlichen Biografie, mit den verschiedenen Lebensaltern und Feiern. Vielleicht auch ein Teil der erlebten Geselligkeit und natürlich ein Teil von dem, was wir Heimat und Identität nennen: Bauten die einfach immer da sind, an denen man sich orientiert, bei Kirchen auch gerade durch Türme beispielsweise oder durch besonders qualitätsvolle Architektur. Wenn das nun verschwindet, dann hinterlässt das eine Lücke. Bei vielen Menschen auch eine Lücke, die sehr schmerzhaft empfunden wird und die nicht ohne Weiteres zu schließen ist. Wenn dann auf so eine Stelle eine Nachfolgebebauung kommt, zum Beispiel etwas ganz anderes, wie ein Einkaufszentrum – hat es alles schon gegeben, dann kann das auch nicht nur zu Trauer, sondern auch zu Verärgerungen, Wut und Frust führen.“

    Kirchengebäude universal nutzen

    Aus seiner Sicht gibt es eine optimale Weise, Kirchen erweitert zu nutzen: indem man alle möglichen anderen Formen von liturgischem, kulturellem und Gemeindeleben kombiniert. Wenn man die Kirche also nicht nur als den Ort des Gottesdienstes sehe, sondern auch für andere Zwecke. Das könne ein Sitzungsraum sein, ein Büro, oder die Möglichkeit, dass da Gemeindegruppen tagen und auch mal benachbarte Vereine mit herein gehen. Auch gebe es die berühmten Teilabtrennungen für eine Urnennutzung. Bredenbeck kann sich da sehr vieles vorstellen: „Von der Wiege bis zur Bahre.“

    Das gibt es zwar schon in vielen evangelischen Gemeinden, aber für das Erzbistum Berlin betont dessen Sprecher Stefan Förner, dass eine solche Verwendung in katholischen Kirchenhäusern nicht vorgesehen ist:

    „Die Nutzung, wie bei evangelischen Kirchen, gleichzeitig als Versammlungsraum und als Gottesdienstraum, das ist für eine katholische Kirche eher die Ausnahme. Wir sagen, die Kirche ist das Haus Gottes. Wenn, dann wird dort Gottesdienst gefeiert, oder der Platz für Gebete und Stille zur Verfügung gehalten. Die Alternative ist dann, wir entwidmen die Kirche, und dann kann man im Prinzip damit machen, was man damit machen möchte.“

    Wenn man aber fest zementieren würde, dass eine Kirche sonntags Gottesdienst und sonst nichts Anderes sei, dann haben wir viel zu viele Kirchen, bestätigt auch Bredenbeck. Ein Kirchenraum, den man auch weiterentwickeln könne – notfalls ein bisschen Modernisieren und Verändern, das sei für ihn der richtige Weg. Dann sehe er ganz großes Potential in den Räumen. Bistumssprecher Förner scheint sich eher etwas von der Idee des ehemaligen Berliner Erzbischofs, Kardinal Georg Sterzinzsky als Lösungsansatz zu versprechen. Der sagte: „Am besten wäre, wir hätten eine Kirche auf Rollen – dann könnten wir sie dahin bringen, wo die Menschen sind.“

    Bolle Selke

    Das komplette Interview mit Martin Bredenbeck zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit Stefan Förner zum Nachhören:

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    Tags:
    Meinung, Entwicklung, Gebäude, Kirche, Deutschland