10:35 26 Juni 2019
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    Ein „Zelt-Dorf“ der Obdachlosen im Berliner Tiergarten

    Gewalt, Drogen, Kinderstrich - das hässliche Gesicht vom Tiergarten

    © Sputnik / Alexander Boos
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    Obdachlose, Gewalttäter und Kinderprostitution: Der Große Tiergarten, ein Park mitten in Berlin, hat viele Probleme. Zudem gibt es laut Experten über 10.000 ausreisepflichtige Asylbewerber in der Stadt, die teilweise dort wohnhaft sind und nicht abgeschoben werden. Sputnik war vor Ort und sprach mit Bürgern und Wohnungslosen.

    Der Berliner Senat kündigte vor wenigen Tagen an, verstärkt mehr Polizeikontrollen im Tiergarten durchzuführen. Die Entscheidung habe wohl viele Obdachlose veranlasst, ihre Zelte zu packen und erstmal das Weite zu suchen. Die seien jetzt an anderen Stellen in der Hauptstadt zu finden. Das verriet ein 75-jähriger Berliner Bürger gegenüber Sputnik vor Ort im Großen Tiergarten in Berlin. Der Rentner, der anonym bleiben wollte, unternimmt laut Eigenaussage fast täglich mit einem Freund Radtouren durch den Park. Er zeigte auf große Wiesenflächen. „Dort standen noch bis vor wenigen Tagen viele Zelt-Dörfer. Die waren hier überall. Auf allen Wiesen standen die Zelte. Wenn natürlich jetzt drei Tage lang Trommelfeuer in allen Medien ist, dann verschwinden die.“

    Ein „Zelt-Dorf“ der Obdachlosen im Berliner Tiergarten
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    Ein „Zelt-Dorf“ der Obdachlosen im Berliner Tiergarten

    Ein Obdachloser, der in der Nähe vom Bahnhof Zoologischer Garten sein Zelt aufgeschlagen hat, erklärte im Sputnik-Gespräch: „Viele sind geflüchtet. Viele müssen sich auch verkrümeln, wenn die Polizei da ist. Weil viele unterwegs sind, die per Haftbefehl gesucht werden.“ Eine weitere, aus Polen stammende Obdachlose, die kaum Deutsch sprach, gab an, sie sei von „Bandidos“ (Banditen – Anm. d. Red.) überfallen worden. Sie hatte Verletzungen im Gesicht und eine Kopfwunde. Sie wurde in der Caritas-Ambulanz am Bahnhof Zoo behandelt. Diese Einrichtung bietet laut Aussagen der dort ausgelegten Info-Broschüren "medizinische Grundversorgung für Wohnungslose an“. Der Rentner schilderte den Fall eines weiteren polnischen Gastarbeiters: „Der wurde überfallen, seine Ausweispapiere wurden gestohlen. Der lebte dann vier Wochen hier im Tiergarten, sammelte Pfand, bis er genug Geld hatte, um wieder nach Polen zu fahren.“

    So idyllisch kann es in Tiergarten sein: Laut einem Berliner Bürger waren hier bis vor wenigen Tagen noch ganz viele Zelte von Obdachlosen aufgeschlagen …
    © Sputnik / Alexander Boos
    So idyllisch kann es in Tiergarten sein: Laut einem Berliner Bürger waren hier bis vor wenigen Tagen noch ganz viele Zelte von Obdachlosen aufgeschlagen …

     

    Strichjungen mitten im Herzen Berlins

    „Was will die Polizei machen?“, fragte der Berliner Rentner empört. „Hier gehen 10- und 12-jährige Kinder anschaffen. Mit Zuhältern. Das habe ich heute früh gesehen. Die Polizei macht nichts. Die holen hier ihr Gemächt raus, die kleinen Jungs. Das ist nicht mehr lustig.“ Die Berliner Politik habe das Problem in Tiergarten jahrelang ignoriert. Mitarbeiter des Ordnungsamts gebe es in Tiergarten überhaupt nicht. Auch erhöhte Polizeipräsenz sei nicht spürbar. Tiergarten sei ein „rechtsfreier Raum.“

    Zwei Obdachlose skizzierten gegenüber Sputnik ihren bisherigen Lebensweg: „Arbeit verloren, dann die Wohnung weg. Wir sind halt hiergeblieben, weil du hier echt mehr Möglichkeiten hast. Wie die Bahnhofsmission.“ Tagesbeschäftigung sei: Pfandflaschensammeln und „schauen, dass man Geld rankriegt.“ Aber nicht mit Prostitution. Die öffentlich sichtbare Prostitution der Jugendlichen im Park lehnen sie ab. „Aber Du kannst ja nix dagegen machen“, lautete ein Kommentar.

    Innenexperte: „Tiergarten hat viele unterschiedliche Probleme“

    FDP-Innenpolitiker Marcel Luthe sagte auf Sputnik-Anfrage: „Wir haben im Tiergarten unterschiedliche Probleme, die allesamt in einen Hut geschmissen werden. Wir haben einerseits Flüchtlinge. Wir haben aber auch EU-Bürger, meist aus Ost- und Südosteuropa. Wir haben auch deutsche Staatsbürger dort.“

    Die Caritas-Ambulanz am Bahnhof Zoo bietet medizinische Versorgung für Wohnungslose
    © Sputnik / Alexander Boos
    Die Caritas-Ambulanz am Bahnhof Zoo bietet medizinische Versorgung für Wohnungslose

    Der Senat habe versagt, auch weil er versuche, alle Probleme über einen Kamm zu scheren. „Es gibt an vielen Stellen in Berlin große Kontrolldefizite, weil das Personal bei Polizei und Ordnungsamt nicht vorhanden ist“, so Luthe, innenpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus von Berlin. Das reine Verbieten von kriminellen Machenschaften an einem Berliner Ort, verlagere das Problem nur innerhalb des Stadtgebiets. Das sei ein hausgemachtes Problem des Berliner Senats. Es gebe in Berlin über 10.000 Asylbewerber, die eigentlich ausreisepflichtig seien. Aber der rot-rot-grüne Senat wolle diese Leute nicht abschieben.

    Bereits am Donnerstag forderte die Bezirks-Bürgermeisterin von Berlin-Neukölln, Franziska Giffey (SPD), eine „einheitliche Strategie“ im Umgang mit ausländischen Obdachlosen in Berlin. Wenig später erklärte der Bürgermeister des Bezirks Berlin-Mitte, Stephan von Dassel von den Grünen: Die zunehmend von Obdachlosen, Aggression, Prostitution sowie Drogen geprägte Situation in Tiergarten sei „völlig außer Kontrolle“ geraten. Das Polizeikonzept der Platzverweise erklärte er für gescheitert.

    Alexander Boos

    Das komplette Interview mit dem Berliner Rad-Fahrer zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit den zwei Obdachlosen zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit FDP-Innenexperte Luthe zum Nachhören:

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    Tags:
    Tiergarten, Obdachloser, Berlin, Deutschland