12:32 20 Februar 2018
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    Wladimir Lenin während ersten Gedenktages der Oktoberrevolution (Archivbild)

    100 Jahre Oktoberrevolution: Kehren die alten Gespenster zurück?

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    100 Jahre Oktoberrevolution (15)
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    Wie es zur Revolution in Russland im Oktober 1917 kam und den Bolschewiki gelang, die Macht zu erringen, ist Schwerpunktthema in der mehrsprachigen Monatszeitung „Le Monde diplomatique“ aus Frankreich. Neben Beiträgen über Ursachen und Kritik an der „Diktatur über das Proletariat“ ist auch zu lesen, wie das Ereignis heute nachwirkt.

    „Es ist wertvoll, die Geschichte auf seiner Seite zu wissen, wenn man bettelarm und allein ist.“ So hat die Philosophin Simone Weil einst beschrieben, warum der „sowjetrussische Mythos“ trotz der Stalinschen Verbrechen in den 1930er Jahren weiterwirkte. Daran erinnert Serge Halimi, Journalist und Direktor der „Le Monde diplomatique“ (LMd), in deren Oktober-Ausgabe.

    Aus seiner Sicht gilt das von Weil beschriebene Phänomen heute noch. Den Grund dafür sieht er in dem, was er dem Kommunismus als Gesellschaftssystem trotz seines Scheiterns als Errungenschaften anrechnet: Selbst „in seiner am meisten pervertierten Form brachte er fast überall die Abschaffung kapitalistischen Eigentums, den Ausbau des Bildungssektors, kostenlose Gesundheitsversorgung, Frauenrechte sowie diplomatische, militärische, finanzielle und technische Unterstützung der meisten antikolonialen Kämpfe und der unabhängigen Staaten, die aus diesen Kämpfen hervorgingen.“ Dazu zählt der Journalist und LMd-Direktor auch die „beispiellose politische Förderung der Unterschicht“, die Arbeiter und Bauern seit 1917 nicht nur Bildung, sondern einen zuvor nie gekannten gesellschaftlichen Aufstieg ermöglichte.

    Als Weltrevolution gedacht und vom Kapital bekämpft

    UdSSR – Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“ – dieser Name habe zu Beginn nicht wie ab 1922 für ein Territorium, sondern für eine Idee gestanden, erinnert Halimi. Die Weltrevolution, ausgehend von dem erfolgreichen Aufstand in Russland, sollte die gesellschaftlichen Verhältnisse international umwerfen. Davon habe auch die „Internationale“ als erste sowjetische Hymne gezeugt. Lenin als „Gründer der UdSSR“ sei ebenfalls Internationalist gewesen, so Halimi mit Blick auf dessen Leben „als Berufsrevolutionär im Exil“, der dem Nationalismus „eine klare Absage“ erteilt habe.

    Auch das „Dekret Nr. 1“ der im Oktober 1917 siegreichen Bolschewiki habe „allen Völkern den Frieden“ vorgeschlagen, „um die Revolution in Deutschland und in anderen Ländern zu beschleunigen“, wie Lenin schrieb. Doch die Hoffnungen erfüllten sich nicht, auf die Oktoberrevolution folgten Konterrevolution, Bürgerkrieg und Interventionen. „1921 gingen die revolutionären Kräfte siegreich aus diesem neuen Krieg hervor. Doch das Land war verwüstet und international isoliert.“ Aber immerhin habe „das Kapital die Kontrolle über das größte Staatsterritorium der Welt verloren“. Das wurde den Kommunisten nie verziehen, mit allen Konsequenzen, denn sie standen weiter für „die drohende Gefahr einer sozialen Revolution, hier, jetzt, anderswo“, so Halimi.

    Neue gesellschaftliche Formen – allein von den Bolschewiki unterstützt

    Der Genfer Historiker Éric Aunoble beschreibt in der Monatszeitung, die in mehreren Sprachen erscheint, wie aus dem „Aufstand gegen den Krieg“ 1917 eine Revolution wurde. Die alte Staatsmacht in Russland sei in Folge des Ersten Weltkrieges grundlegend diskreditiert und zusammengebrochen, so dass völlig neue Organisationsformen entstanden: „Die Zukunft des Landes entschied sich an drei Orten, an denen die sozialen Spannungen kulminierten: in der Fabrik, im Regiment und auf dem Dorf“, erinnert der Historiker.

    Die Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräten hätten sich zu „regelrechten Gegenregierungen“ entwickelt, die nicht nur die Großgrundbesitzer und Kapitalisten in Angst und Schrecken versetzten, sondern auch das Bildungsbürgertum Russlands. Aunoble nennt einen Grund für den Sieg der Bolschewiki: „Die bolschewistische Fraktion war die einzige Partei, die radikal mit den alten Institutionen gebrochen hatte und konsequent zu den Arbeiter- und Soldatenräten hielt.“ Ohne deren massenhafte Unterstützung hätte die Gruppe der Bolschewisten am 25. Oktober 1917 die Provisorische Regierung nicht stürzen können.

    Kampf um die Macht um jeden Preis

    Der Schweizer Historiker hebt die Folgen der damaligen Ereignisse hervor: „In den darauffolgenden 25 Jahren wurde die Russische Revolution zum Katalysator jenes ‚europäischen Bürgerkriegs‘, der den Weg Europas zwischen Kommunismus und Faschismus bestimmen sollte. Aber ebenso den Weg des Sowjetregimes, das sich von der Diktatur des Proletariats zur Diktatur über das Proletariat entwickelte.“ Wie Letzteres möglich wurde, beschreibt die französische Journalistin Hélène Richard in ihrem Beitrag über „Avantgarde und Zweifler“. Sie zeichnet nach, wie die Bolschewiki radikal die errungene Macht gegen tatsächliche und angebliche Feinde verteidigten und wie das selbst in den eigenen Reihen auf Kritik und Widerstand stieß – bis hin zum brutal niedergeschlagenen Aufstand der Matrosen von Kronstadt, den Helden der Revolution vom Oktober 1917.

    Lenin habe selbst 1920 eingeräumt, dass anders als geplant und versprochen „unser Staat ein Arbeiterstaat mit bürokratischen Auswüchsen ist“. Doch aus dem Versuch der Korrektur sei nichts mehr geworden. Richard zitiert den 2010 verstorbenen Historiker Moshe Lewin: „Wir können zur Ehrenrettung der Bolschewiki feststellen, dass viele versucht haben, den Kurs zu korrigieren; aber auch, dass es nicht funktionieren konnte.“

    Bleibt eine Hoffnung?

    Weitere Beiträge zum Schwerpunktthema in der Zeitung beschäftigen sich mit den „Freunden der Bauern“, die vor 100 Jahren allein etwa 80 Prozent der Bevölkerung Russlands ausmachten. Korine Amacher erinnert an jene, die diese Mehrheit unterstützten oder das vorgaben. Der Historiker Gabriel Gorodetsky erinnert in der aktuellen LMd-Ausgabe an „Sowjetische Diplomaten“, während Nicolas Fornet über „Bildung, Macht und Bürokraten“ seit der Revolution und Evelyne Pieiller über „Die Genossen Künstler“ nach dem Oktober 1917 schreiben.

    Für LMd-Direktor Halimi bleibt auch 100 Jahre später „eine Hoffnung, trotz der Blutspur, die den Weg des Kommunismus säumt.“ Das Ende des Staatssozialismus durch den Untergang der UdSSR habe zwar dazu geführt, dass „der Neoliberalismus uneingeschränkt über die Welt herrscht“. Derzeit würden auch die „Reformisten“ der Sozialdemokratie ausgerechnet kurz vor dem 100. Jubiläum der Oktoberrevolution „einen heftigen Rückschlag“ erleben. „Doch in den meisten dieser Länder, wie auch andernorts, spürt man das erneute Erwachen einer radikalen Ungeduld“, schreibt Halimi und fügt hinzu: „Die alten Gespenster sind zurück, und die Revolution ist nicht so tot, wie viele glauben.“

    Tilo Gräser

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    Bürgerkrieg, Erfolg, Jubiläum, Revolution, UdSSR
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