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16:02 22 September 2019
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    auf dem Hintergrund Kraftwerk Frimmersdorf (Symbol)

    „Schlimm wie Rauchen“: So viele Menschen sterben in Deutschland an schlechter Luft

    © AFP 2019 / PATRIK STOLLARZ
    Gesellschaft
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    Umweltverschmutzung ist weltweit für jeden sechsten vorzeitigen Todesfall verantwortlich, so eine im britischen Fachmagazin "The Lancet" veröffentlichte Studie. Auch in Deutschland sind mehr als 10.000 Personen pro Jahr betroffen, erklärt der Chemiker Johannes Lelieveld im Sputnik-Interview. Experten und Politiker fordern Maßnahmen.

    Für das Jahr 2015 zählten die Forscher weltweit etwa neun Millionen Todesfälle wegen Schadstoffen in der Luft, im Wasser oder im Boden. Die wichtigsten Todesursachen waren dabei Herzerkrankungen, Schlaganfälle und Lungenkrebs.

    „Was die wenigsten wissen ist, dass auch in Deutschland zehntausende Personen pro Jahr an Luftverschmutzung sterben“, sagte Lelieveld, Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz, gegenüber Sputnik. „Weltweit werden etwa acht Prozent von allen Todesfällen durch Krankheiten, die durch Luftverschmutzung ausgelöst werden, verursacht. In Deutschland sind das zwischen fünf und sechs Prozent. Das ist auch noch sehr viel. Das sind über 50.000 Tote pro Jahr in Deutschland. Luftverschmutzung ist ein echtes Problem.“

    Der Forscher hob hervor: „Wir wussten schon eine Weile, dass die Luftverschmutzung ein sehr wichtiger Faktor ist. Die Hälfte von neun Millionen Toten pro Jahr, welche durch Umweltauswirkungen hervorgerufen werden, sind von Luftverschmutzung abhängig. Die Zahl war eigentlich schon bekannt, aber was gut an der Studie ist, dass es in eine Perspektive gebracht wird — nämlich mit Wasserverschmutzung und auch häuslichem Kleinfeuer, die natürlich auch dazu führen, dass da Probleme entstehen.“

    Nicht nur Verkehr, auch Winter erhöht die Belastung

    In den nun anstehenden Wintermonaten nehme durch die Heizung die Luftbelastung zu, auch die meteorologischen Bedingungen seien denkbar ungünstig. Die Luft sei oft stabiler und deswegen die Austauschprozesse langsamer: „Die Luft verdünnt sich nicht und wenn es Wetterlagen gibt, wo die Luft hängen bleibt, ist das sehr ungesund.“

    Verkehr sei eine Ursache, aber die Stickoxide aus dem Verkehr würden nur dann Teilchen bilden, wenn sie sich mit Ammoniak aus der Landwirtschaft vermischen, erklärte der Chemiker. Deshalb müsse eine Mischlösung gefunden werden: „Alle Sektoren werden einen Beitrag leisten müssen um die Luft wieder sauber zu bekommen.“ Die schädliche Wirkung von Feinstaub sei sehr gut belegt. Lelieveld erläuterte dazu:

    „Das ist wie eine Art passives Rauchen. Wenn jemand an Lungenkrebs stirb, kann man nicht direkt beweisen, dass das durchs Rauchen gekommen ist. Auch nicht, wenn diese Person viel geraucht hat. Mittlerweile ist das aber durch die Statistik so belegbar, dass sich jeder, der raucht, bewusst ist, dass das ein Gesundheitsproblem ist. Die Luftverschmutzung könnte man ähnlich sehen. Die Krankheiten, die durch Luftverschmutzung auslöst werden, sind genau die gleichen wie durch passives Rauchen. Man atmet etwa 10.000 Liter pro Tag ein und wenn diese Luft nicht sauber ist, dann bekommt man da viel ab.“

    Einhaltung der Standards kontrollieren

    Sowohl was den Feinstaubausstoß als auch was die Stickoxide bei Fahrzeugen angeht, gebe es eigentlich wirksame Abgastechnik auf dem Markt. Das stellte die Leiterin Verkehr und Luftreinhaltung der Deutschen Umwelthilfe, Dorothee Saar, klar. Hier komme es darauf an, dass diese Technik auch angewendet, beziehungsweise diese Anwendung kontrolliert werde. Saar sagte:

    „Wir haben im Moment das Problem, dass sowohl die Zulassungsverfahren nicht geeignet sind um sicherzustellen, dass die Fahrzeuge, wenn sie denn auch neu verkauft werden, tatsächlich diese Werte einhalten, die wir jetzt seit zwei Jahren diskutiert haben. Wir haben aber auch das Problem, dass wir bei der zweijährigen Abgasuntersuchung nicht sicherstellen können, dass wir System, wie Partikelfilter oder Katalysatoren, die defekt sind, bei dieser Abgasuntersuchung tatsächlich entdeckt werden.“

    Hier müsse dringen nachgelegt werden und bei der geplanten Abgasuntersuchung bessere Kontrollen eingeführt werden.

    Auch der Vorsitzende der grünen Bundestagsfraktion, Anton Hofreiter, forderte in einer Erklärung eine Reaktion auf die  Studie:

    „Unsere Lebensweise trägt auch eine Mitschuld an den gesundheitlichen Belastungen in Asien, Afrika und Lateinamerika. Viele Billigprodukte in Deutschland bezahlen Arbeiterinnen und Arbeiter in Übersee mit ihrer Gesundheit. Wir müssen daher in Deutschland endlich unsere Standards zur Luftreinhaltung einhalten und anspruchsvolle soziale und Umweltstandards für Importprodukte setzen.“

    Umweltexpertin Saar betonte aber, dass das Thema auch im Interesse der Konservativen und der FDP sein müsse: „Es geht ja hier zum einen auch um Umweltschutz, aber auch Gesundheitsschutz. Das sollte ein Thema sein, dass allen Parteien am Herzen liegt und nicht zuletzt geht es um die Rechte der Verbraucher.  Wir haben hier hochwertige Produkte, die verkauft werden und hinterher zugesicherte Eigenschaften nicht einhalten. Das kann und darf eigentlich nicht nur ein Thema der Grünen sein, von daher hoffe ich, dass sich die neue Koalition diesem Thema intensiver annehmen wird, als wir es in der Vergangenheit gesehen haben.“

    Bolle Selke 

    Das Interview mit Johannes Lelieveld zum Nachhören:

    Das Interview mit Dorothee Saar zum Nachhören:

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    Tags:
    Kontrolle, Statistik, Rauchen, Umwelt, Verschmutzung, Deutschland