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20:29 22 Juli 2019
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    Moslems in Frankreich (Archiv)

    Islam und Europa — zwei Pole, zwei Welten, eine Zukunft?

    © AFP 2019 / MICHEL GANGNE
    Gesellschaft
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    Die Massenzuwanderung aus der islamischen Welt und die wachsende Zahl der Nachkommen der muslimischen Migranten in Europa haben zwangsläufig ausgedehnte Kontakte zwischen beiden Kulturen zur Folge. Mit den Folgen hat sich eine Konferenz zum Thema „Islam und Europa – zwei Pole, zwei Welten, eine Zukunft“ in Moskau beschäftigt.

    Bis zu 45 Prozent aller Kinder unter 10 Jahren wurden in einigen Regionen Deutschlands in muslimischen Familien geboren, wurde während der Konferenz im Europa-Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften festgestellt. Das sei eines der Ergebnisse einer Entwicklung, die auch zur Debatte, wie die Moslems in das europäische Wertesystem einbezogen werden, geführt habe. Zugleich sei deutlich geworden, wie radikale weltliche Europäern und religiöse Moslems sich nicht verstehen und gegenseitig ablehnen.  

    „Wir kamen aber während der Konferenz zum Schluss, dass der Islam und Europa — diese zwei Pole oder zwei Zivilisationen — miteinander koexistieren müssen. Das ist ihr Schicksal.“

    Das sagte Konferenzveranstalter Alexander Kamkin vom Zentrum für Deutschlandstudien des Moskauer Europa-Instituts  im Interview mit Sputnik-Korrespondent Nikolaj Jolkin.

    Droht die Islamisierung des Abendlandes?

    Die Angst, dass das Abendland islamisiert wird, sei eine Frustration mancher Europäer. Der Experte urteilte: „Die Europäer sehen oft ein Feindbild von Moslems, wegen der Terroranschläge und des intoleranten Benehmens.“ Dabei sei über den Islam als Kultur und Religion sehr wenig bekannt. Die Moslems und die säkularen Europäer würden mental ganz unterschiedliche Sprachen sprechen. „Wenn der Islam für die Europäer nur eine Religion ist, ist er für die Moslems eine Lebensweise und ein Kodex für Benehmen.“

    Kamkin setzte fort:

    „Die Moslems kennen die Teilung in das Kirchliche und das Weltliche nicht, was die Europäer bereits nach dem 18. Jahrhundert implementiert haben. Während das Gesetz für die Europäer ein Höhepunkt und ein Maß für alle Maße ist, ist es für die Moslems der Islam eine Lebensauffassung und Weltanschauung.“

    Deshalb seien die Scharia-Gesetze ein Bestandteil der Religion, und die Religion ein Bestandteil der Gesetze, so der Wissenschaftler. „Die Europäer befolgen das Gesetz, selbst wenn es der christlichen Lebensauffassung widerspricht. Für die Moslems ist es ein absolutes Gegenteil.“

    Unterschiedlicher Blick auf Kopftücher

    Für die Europäer seien die Kopftücher muslimischer Frauen ein Zeichen der Frauendiskriminierung, so Kamkin. „Für diese sind sie im Gegenteil ein Modeobjekt und ein Zeichen ihrer Eigentümlichkeit, Unabhängigkeit und Einzigartigkeit. Ein Zeichen des Stolzes und ein Bestandteil ihrer Kleidungskultur. Die gegensätzliche Sichtweise der Europäer ist gerade ein Zeichen dieser antiislamischen Frustration, welche in Europa leider ziemlich stark verbreitet ist.“

    Für die säkularen Europäer seien Mohammed-Karikaturen etwas Selbstverständliches, ist sich der Experte sicher.

    „Wenn sie dies als ein Ausdruck der unbegrenzten Pressefreiheit betrachten, wird es von den Moslems komplett anders angesehen, denn jede Freiheit hat aus ihrer Sicht ihr Ende. Wenn es um die Sachen des Propheten geht, gibt es bestimmte Tabus und Grenzen der Meinungsfreiheit. Was für die Europäer inakzeptabel ist, ist es für die Moslems genau das Gegenteil.“

    Diese Karikaturen seien für Kamkin ein Zeichen dafür, „dass die Europäer andere Meinungen nicht akzeptieren wollen“. Sie könnten mit ihrer Mentalität und ihren liberalen Werten nicht anerkennen, dass es auch andere Welten und andere Weltanschauungen gebe.

    Multikulturalismus gescheitert?

    Es werde viel über Multikulti geredet, ohne zu begreifen, was es eigentlich sei, bedauerte der Politologe. Für ihn sei die Frage: „Bedeutet es eine Toleranz für andere Kulturen, damit sie sich auch in Europa entfalten können? Wir sehen aber, dass den Leute von verschiedenen Kulturen, die nach Deutschland oder Frankreich kommen, gesagt wird:,Das macht man bei uns nicht. Minarette darf man hier nicht bauen und Burkas nicht tragen‘.“ Die fehlenden Rahmenbedingungen hätten dazu geführt, „dass Frau Merkel anerkennen musste, dass die Idee von Multikulturalismus gescheitert ist.“

    Die Einwanderer müssten aber wissen, was in Europa erlaubt sei und was zu weit gehe, stellte Experte klar. „Dann soll man denen sagen:,Ihr seid doch Gäste hier, wir sind natürlich gastfreundlich, aber bis zu einem bestimmten Maß‘.“ Kamkin meinte: „Entweder erfindet man Multikulti neu wie ein Fahrrad, oder entwickelt man eine andere Ideologie. Miteinander geht momentan nicht. Aber es gibt ein friedliches Nebeneinander. Dann kann Multikulti einen zweiten Atem bekommen.“

    Gehört Islam der europäischen Identität?

    Während der Konferenz wurde erwähnt, dass der Islam seit langem zur nationalen Identität in Russland gehört. Kamkin wies mit Blick auf Europa darauf hin, dass es auch auf dem Balkan muslimische Länder gebe: Albanien, Bosnien und Kosovo.

    „In Griechenland und Bulgarien leben muslimische Minderheiten, für die der Islam schon seit Jahrhunderten ein Identitätsfaktor als Europäer ist. Und es gibt die Einwanderer, die mit ihrer Ideologie nach Europa gekommen sind.“

    Der Experte sieht einen Trend, dass „sich immer mehr Europäer zum Islam bekehren, oft zum radikalen Islam, weil sie sich in einem leeren ideologischen und religiösen Raum entfalten. Denn Europa hat das Christentum schon seit Jahrzehnten de facto abgesagt. Es gibt immer mehr Europäer, die Islam als neue Lebensauffassung nehmen, die aus ihrer Sicht diese Leere in der menschlichen Seele irgendwie ausfüllen kann.“

    Auf der Konferenz wurde übrigens festgestellt, dass die Zeit auf der Seite der Moslems und nicht der Europäer ist. Es sei aber noch nicht abzuschätzen, wie groß der Anteil der Moslems in Europa in 50 Jahren sein wird.

    Das komplette Interview mit Dr. A. Kamkin zum Nachhören:

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    Tags:
    Identität, Terror, Islam, EU, Alexander Kamkin, Nikolaj Jolkin