19:22 24 Juni 2019
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    Migranten aus Aufrika, im Mittelmeer (Archiv)

    „Habe Anspruch auf Euer Geld“ - Berlins erfolgloser Kampf gegen Schlepper-Lügen

    © AP Photo / Darko Bandic
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    Eine Online-Kampagne des Auswärtigen Amts macht auf falsche Versprechen aufmerksam, mit denen Schlepperbanden Flüchtlinge nach Europa locken. Damit soll verhindert werden, dass noch mehr Migranten darauf reinfallen und nach Deutschland kommen. Flüchtlingsbetreuer und Experten bezweifeln den Nutzen.

    Zu den Gerüchten, mit denen Flüchtlinge gelockt werden, gehören laut der Website „rumours about Germany – facts for migrants“ (deutsch: „Gerüchte über Deutschland – Fakten für Migranten“) solche Beispiele: „Das Flüchtlingsboot ist riesig, hat sogar ein Kino an Bord.“ Oder: „Jeder Flüchtling erhält 2.000 Euro“ Auch: „Deutschland schenkt jedem Flüchtling ein Haus.“

    Die Website des Auswärtigen Amtes soll diese Gerüchte ausräumen, auch um den Zustrom von Flüchtlingen nach Deutschland zu verringern. Verantwortlich für das neue Internet-Angebot ist die „Abteilung Kultur und Kommunikation“ im Auswärtigen Amt. Die Website kann in den Sprachen Arabisch, Französisch und Englisch gelesen werden.

    Sherin Ismail floh 2015 aus dem syrischen Aleppo nach Deutschland: „In Syrien hat man gehört, dass man bei Ankunft gleich ein eigenes Haus bekommt.“ Das sagte die Flüchtlingsfrau in einer TV-Nachrichtensendung. Der Journalist Shams Ul-Haq, selbst vor über 25 Jahren aus Pakistan geflüchtet, erklärte in einem Zeitungsinterview:

    „Wenn man sich im Ausland anschaut, welche Fernsehbilder die Deutsche Welle ausstrahlt, braucht man sich nicht wundern, dass alle hierhin kommen wollen. Da wird Deutschland als ein Urlaubsparadies gezeigt. Das ist das völlig falsche Signal.“

    „Jeder Deutsche verdient locker 2.500 Euro“

    Eine Mitarbeiterin einer gemeinnützigen Anlaufstelle für jugendliche Flüchtlinge erklärte gegenüber Sputnik: „Der 19-jährige Meles aus Eritrea floh vor drei Jahren nach Deutschland. Schlepper sagten zuvor zu ihm: ‚Jeder Deutsche verdient im Schnitt 2.500 Euro, bei nur 20 Arbeitsstunden in der Woche.‘ Viele junge Migranten sagen deswegen auch: ‚Ich bin nicht hergekommen, um zu arbeiten.‘ Diesen Satz hört man oft.“ Außerdem geben ihr zufolge die Schlepperbanden den Flüchtlingen oft den Tipp: „Sagt den deutschen Behörden, dass ihr minderjährig seid. Dann könnt ihr nicht abgeschoben werden.“

    Die Kampagne des Auswärtigen Amtes liege jedoch falsch, so die Flüchtlingsbetreuerin: „Die meisten glauben nicht an das Märchen von Deutschland, dem Land, wo Milch und Honig fließt. Und kaum einer glaubt den Schleppern das mit dem Kino auf dem Boot. Dafür sind zu viele Freunde auf der Flucht verschwunden.“

    Wissen um Leistungen wird ausgenutzt

    Die Praxis sieht dagegen so aus: „Die Flüchtlinge glauben, dass es ihnen in Deutschland finanziell besser geht und lassen sich durch solche Kampagnen nicht beirren oder abschrecken“, erklärte ein Mitarbeiter einer Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete, der anonym bleiben möchte, gegenüber Sputnik.

    Er nannte das Beispiel von Flüchtlingen aus dem westafrikanischen Land Senegal, mit denen er arbeite: „Viele junge Senegalesen flüchten nach Europa, wollen meist nach Deutschland. Auch, um hier gezielt staatliche Gelder mitzunehmen.“ Der Mitarbeiter schilderte eine Situation, die er miterlebt hat:

    „Vor wenigen Wochen wollte ein junger Flüchtling aus Senegal, etwa 20 Jahre alt, bei uns Asyl beantragen. Bei dieser Antragstellung gibt es eine Mitwirkungspflicht für den Antragsteller: Wir erwarten, dass er uns Daten wie Namen, Alter, Geburtsurkunde und ähnliches von sich mitteilt. Doch dieser junge Senegalese saß da und ließ uns über die anwesende Dolmetscherin wissen: ‚Ich weiß, dass ich Flüchtling in Deutschland bin. Daher habe ich Anspruch auf Euer Geld. Das möchte ich haben. Ich werde aber dennoch keine Daten von mir preisgeben. Ihr könnt froh sein, dass ich sowieso heute zu dem Termin erschienen bin.‘ Das war schon ein freches Verhalten.“

    Das sei kein Einzelfall. Auf die Frage, wie darauf reagiert wird, erklärte der Mitarbeiter: „Was wollen wir da machen? Wir können keinen zwingen. Wir vermerken das im System.“

    Experten: „Kampagne erreicht keinen“

    Auch renommierte Migrationsforscher bewerteten die Medienkampagne kritisch. „Mit der Kampagne ‚rumours about Germany — facts for migrants‘ sollen Flüchtlinge abgeschreckt werden“, kommentierte Prof. Dr. Albert Scherr, Direktor des Instituts für Soziologie an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, gegenüber Sputnik. „Doch die Informationen, die dazu verbreitet werden, sind offenkundig unvollständig. Über die Möglichkeit einer Klage gegen Asyl-Entscheidungen wird ebenso wenig informiert wie über die Möglichkeit einer freiwilligen Ausreise nach der Ablehnung eines Asylantrags. Es ist zudem mehr als zweifelhaft, ob die Absicht erreicht wird.“

    Der Soziologe ist Mitglied im „Rat für Migration“, einem bundesweiten Zusammenschluss von über 150 Wissenschaftlern zu Fragen von Migration und Integration.

    Migrationsforscherin Prof. Dr. Sabine Hess sagte im Sputnik-Gespräch: „Solche Versuche, über PR-Maßnahmen die Menschen von der Flucht nach Europa abzuhalten, sind zum Scheitern verurteilt. Laut Erkenntnissen des ‚Rates für Migration‘ und unserem Wissen nach haben solche Kampagnen nachgewiesenermaßen wenig Einfluss auf die Entscheidung von Personen. Nur ein paar Unentschlossene werden damit erreicht.“ An der tatsächlichen Zielgruppe gehe das vorbei.

    „Die neue Website ist der neuste Bestandteil einer Kampagne, die schon seit 2015 unter dem Motto  #RumoursAboutGermany – facts for migrants läuft“, erklärte Susanne Beger-Blum von der Pressestelle des Auswärtigen Amts auf Sputnik-Anfrage am Dienstag. Eine weitere Anfrage mit dem Hinweis, dass solche Kampagnen – auch aus wissenschaftlicher Sicht – „nur wenig Einfluss“ auf die Entscheidungen der Flüchtlinge haben, blieb bis zum Redaktionsschluss am Mittwoch unbeantwortet.

    Alexander Boos

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