Widgets Magazine
00:34 15 Oktober 2019
SNA Radio
    Transparent über Bäckerei in Damaskus

    Damaskus: Wie der Krieg das Leben verändert und Staunen über eine Deutsche - EXKLUSIV

    © Foto : Karin Leukefeld
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    122145
    Abonnieren

    Auch wenn in Vororten von Damaskus noch gekämpft wird, Mörsergranaten in die Stadt hineingeschossen werden, Eigentum zerstören und Menschen töten, auch wenn die Raketen und Bomben umgekehrt von der syrischen Armee über der Ghouta niedergehen, geht das Leben in Damaskus seinen eigenen, stoisch-stolzen Gang. Ein Bericht aus Syriens Hauptstadt.

    Die ehrwürdige Ommayyaden-Moschee in Damaskus steht noch, doch der alte Eucalyptus-Baum hinter dem Familienhotel im Zentrum der Hauptstadt ist verschwunden. Früher sammelten sich hier im Morgengrauen die Vögel. Ihr Gezwitscher weckte mich meist vor Sonnenaufgang, bevor sie in einem großen Schwarm einige Runden über das Dach flogen und dann in die Felder und die Obst- und Olivenhaine in der südlichen und östlichen Ghouta davonflogen. Kurz vor Sonnenuntergang kehrten sie zurück und ließ sich wieder in dem großen Eucalyptus-Baum nieder. Wie Blätter ließen die Vögel sich in kleinen Gruppen herunterfallen, nicht ohne zuvor noch einmal eine weite Runde über die Dächer der umliegenden Häuser geflogen zu haben. Dann saßen sie oft bis weit in die Dunkelheit hinein und zwitscherten so laut, dass sie sogar den Verkehr übertönten.

    Eingang der Ommayyaden Moschee in Damaskus
    © Foto : Karin Leukefeld
    Eingang der Ommayyaden Moschee in Damaskus

    Selbst als der Krieg 2012 und 2013 die Vororte von Damaskus erschütterte, als Schusswechsel im Zentrum zu hören waren, Granaten einschlugen und immer wieder Sprengsätze explodierten, behielten die Vögel aus dem Eucalyptus-Baum ihre Routine bei. Und als Facebook- und Twitter-Meldungen und wackelnde Handyaufnahmen die Welt über Proteste in den Vororten von Damaskus berichteten, wünschte ich mir, der Vogelschwarm könnte seine täglichen Beobachtungen aus dem Umland von Damaskus berichten, um zu verstehen, was dort geschah.

    Warum ein Baum weichen musste

    Nun ist der Eucalyptus-Baum nicht mehr da und auch der Vogelschwarm ist verschwunden. Der Baum musste einem Lager für humanitäre Hilfsgüter weichen, die auf dem Hinterhof angeliefert werden. Er behinderte die Durchfahrt für Lastwagen, also wurde er kurzerhand gefällt. Die Reste des Baumes liegen noch herum, im Winter wird das Holz sicherlich zersägt und zerhackt, um als Brennholz verkauft zu werden.

    Die humanitären Hilfslieferungen haben einigen Männern Arbeit gebracht. Bis tief in die Nacht falten sie Kartons, kleben sie zu, sortieren Hygieneartikel und verpacken sie. Dann stapeln sie die Kartons unter einer Plane, um sie am nächsten Morgen auf kleine Lastwagen zu laden, die in alle Richtungen der Stadt davon fahren. Früher waren die Nächte ruhig in dem alten Familienhotel. Der Nachtwächter saß vor einer kleinen Hütte, rauchte, blickte in den sternenklaren Himmel. Nach Mitternacht schaltete er manchmal sein altes Radio ein und hörte Lieder von der libanesischen Sängerin Fairuz, die bis heute – besonders an einem Freitagmorgen – wie eine leichte Brise durch die Gassen und Straßen der Levante wehen.

    Das Leben im Hotel als Spiegel des Krieges

    2012 war ich monatelang der einzige Gast des kleinen Familienhotels, das vor dem Krieg fast ausschließlich von Touristen aus aller Welt und Archäologen besucht wurde. 2013 füllte sich das Haus allmählich mit Inlandsvertriebenen aus den Vororten, es folgten die Flüchtlinge aus Homs und Aleppo. 2014 suchten Flüchtlinge aus dem Norden und Osten Syriens das Hotel auf. Sie kamen aus Qamischly und Hasakeh, Familien aus Abu Kamal, Deir Ezzor und Rakka schickten ihre Söhne und Töchter zum Studium in die Hauptstadt. Die Söhne schickten sie, damit diese nicht von dem selbst ernannten „Islamischen Staat im Irak und in der Levante“ (IS) rekrutiert oder getötet wurden, der aus dem Irak nach Syrien eingefallen war. Die Töchter schickten sie, weil der IS diesen das Studium ganz untersagte.

    2015 waren die Gäste in dem Familienhotel Facharbeiter, Mediziner, Ingenieure, die allein oder mit ihren Familien das Land verließen. Wer ein Visum erhielt ging in die Golfstaaten, andere zogen nach Ägypten oder Algerien, viele wollten Europa erreichen. Studenten wurden von ihren Familien weggeschickt, um dem Militärdienst zu entkommen.

    Exodus 2015: Abreise aus Damaskus nach Europa
    © Foto : Karin Leukefeld
    Exodus 2015: Abreise aus Damaskus nach Europa

    In dem Jahr begann der große Exodus aus Syrien. Jeden Morgen fuhren von verschiedenen Haltestellen in der Stadt Dutzende Busse über die Grenze in den Libanon. Weil Syrer für die Türkei kein Visum brauchten, boten geschäftstüchtige Reiseunternehmen Touren dorthin an. Für 400 US-Dollar gab es das Ticket nach Istanbul, Transfer Damaskus-Beirut,  Flug inklusive. Für 300 US-Dollar wurde man mit dem Bus in die libanesische Hafenstadt Tripoli gebracht, von wo es per Schiff weiter in den südtürkischen Hafen Mersin ging. Den Rest – Transport zu einem westtürkischen Hafen und mit dem Schlauchboot auf eine griechische Insel – übernahmen Schlepper.

    Markt in Damaskus: Kinder träumen von einem Fahrrad
    © Foto : Karin Leukefeld
    Markt in Damaskus: Kinder träumen von einem Fahrrad

    2016 kamen die Gäste in dem Familienhotel  aus allen Teilen des Landes: Studierende aus Aleppo, die ihre Prüfungen in Damaskus machen, Angestellte aus Hasakeh und Rakka, die ihre Gehälter abholen wollten. Geschäftsleute aus Aleppo versuchten ihr Geschäft wieder zum Leben zu erwecken. Und von überall her kamen Kranke und Verletzte, die in Damaskus Ärzte und Kliniken aufsuchten.

    Wasser als Waffe missbraucht

    Zum Jahreswechsel 2016/17 wurde ein Drittel des Hotels geschlossen – es gab kein Wasser mehr. Bewaffnete Gruppen hatten die Fijeh-Quelle, die Damaskus seit Jahrtausenden mit Wasser versorgt, zur Geisel ihrer militärischen und politischen Forderungen gegenüber der Regierung gemacht. Sie stoppten den Durchfluss des Wassers in die Kanäle und leiteten es schließlich in den Fluß Barada um, was zu schlimmen Überflutungen führte. In Damaskus blieben die Wasserhähne trocken. Die Armee ging schließlich massiv gegen die Kämpfer vor, nun fließt das Wasser wieder.

    Blick über die Dächer von Damaskus auf den Hausberg Qassioun
    © Foto : Karin Leukefeld
    Blick über die Dächer von Damaskus auf den Hausberg Qassioun

    Die Arbeiter in dem Familienhotel sind Kurden aus Afrin. Gespannt verfolgen sie das Geschehen im Norden, doch ihr Zuhause ist seit Jahrzehnten der Hausberg von Damaskus, der Qassioun.

    Eisladen Bakdash in Damaskus: Ein Eis kostete vor dem Krieg 50 Syr. Pfund, heute kostet es 500 Syr. Pfund
    © Foto : Karin Leukefeld
    Eisladen Bakdash in Damaskus: Ein Eis kostete vor dem Krieg 50 Syr. Pfund, heute kostet es 500 Syr. Pfund

    Die Armut in Damaskus ist größer und sichtbarer geworden. Die Bevölkerung, die heute aus allen Teilen des Landes kommt, hat das Stadtbild verändert. Trotz des Krieges ist das Leben im Herbst 2017 wieder spürbar leichter geworden. Strom gibt es 24 Stunden am Tag, an allen Tagen in der Woche. Die Lebenshaltungskosten sind gesunken, Grundnahrungsmittel sind deutlich billiger als noch am Anfang des Jahres.

    Das Leben pulsiert weiter

    In der Altstadt sind die Märkte voll, Familien tragen ihre Einkäufe in großen Plastiktaschen nach Hause, die Lastenträger haben wieder zu tun. Im traditionsreichen Eiscafé Bakdash geht es zu wie in einem Bienenhaus. Im Hamidiye-Markt verweilen Frauen vor Schmuck- und Parfümständen, Kinder träumen von einem neuen Fahrrad. Der Verkehr außerhalb der Altstadt drängt sich dicht an dicht, zur Rush Hour am frühen Nachmittag gibt es kein Durchkommen.

    Altstadt in Damaskus
    © Foto : Karin Leukefeld
    Altstadt in Damaskus

    Fast überall in der Stadt wird gemauert, gesägt, gehämmert. Straßen werden erneuert und verbreitert. Wohn- und Geschäftshäuser, Hotels werden renoviert. Wer es sich leisten kann, stattet sein Haus mit Solarpanelen aus, um zukünftigen Stromsperren vorzubeugen. Für Maurer und Maler gibt es viel zu tun, doch es ist nicht einfach, Arbeitskräfte zu finden. „Die Männer sind bei der Armee, im Gefängnis, tot oder im Ausland“, sagt der Manager des Familienhotels. Die Löhne, die gezahlt würden, seien zu gering. Ein durchschnittlicher Lohn von 30.000 Syrischen Pfund (SYP) war vor dem Krieg etwa 500 Euro wert. Heute bekommt man für den gleichen Betrag nur noch 50 Euro.

    Staunen über die Frau aus Deutschland

    „Kommen Sie aus Russland?“ werde ich von Hotelgästen, von Taxifahrern und in Geschäften gefragt. Kaum jemand kann sich vorstellen, dass jemand aus Deutschland jemand nach Syrien kommt, wo doch Deutschland ihr großer Traum ist. Fast jede Familie hat einen Verwandten dort, Frauen und Kinder warten auf Nachzug.  Trotz ihrer hohen militärischen Präsenz in Syrien sind Russen in Damaskus kaum zu sehen. Neben der Botschaft unterhält Russland in der syrischen Hauptstadt ein militärisches und ein kulturelles Zentrum. Anders als an den Frontlinien ist in Damaskus auch die russische Fahne nur selten zu sehen.

    Transparent mit fünf Präsidenten für Syrien über Bäckerei in Damaskus
    © Foto : Karin Leukefeld
    Transparent mit fünf Präsidenten für Syrien über Bäckerei in Damaskus

    Über einer Bäckerei in Zayda Zeyneb, einem südlichen Vorort, prangt allerdings ein Plakat, von dem Wladimir Putin, der frühere Präsident Hafez al Assad, sein Sohn, der amtierende Präsident Bashar al-Assad, der Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah und der iranische Geistliche Ayatollah Khamenei blicken. In westlichen Hauptstädten – die in Syrien einen ‚Regime Change‘ anstreben – dürfte das für Kopfschmerzen sorgen.

    Karin Leukefeld, Damaskus

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Syrischer Bürgerkrieg, Flüchtlinge, Reportage, Preis, Lage, Armut, Bürgerkrieg, Lebensmittel, Damaskus, Syrien