03:10 20 August 2018
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    Trotz Widerstand wird die Hof- und Garnisonkirche zu Potsdam wieder aufgebaut. Für Kritiker gilt der protestantische Kirchenbau als Hort deutschnationaler Umtriebe und der Antidemokratie. Befürworter sagen, dass es Orte brauche, die Fragen aufwerfen, und rufen zur Versöhnung auf.

    „Mich stört, dass der Bau im Prinzip Antidemokratie symbolisiert“, sagt Max Dalichow von der Bürgerinitiative „Potsdam ohne Garnisonkirche“. „Der Bau ist kein Zweckbau. Die Kirchengemeinden Potsdams und alle anderen Potsdamer benötigen ihn nicht. Er wird alle anderen Gebäude dieser Stadt überragen. Wir reden also von einem Symbolbau. Wenn man einen Symbolbau errichtet, muss man sich überlegen, was der symbolisiert und bei der Garnisonkirche ist ganz klar, dass sie auf jeden Fall nichts Gutes symbolisiert.“

    Wegen des Reichstagsbrandes musste der Festakt zur konstituierenden Sitzung des Reichstages am 21. März 1933 in die Garnisonkirche verlegt werden. Dort verneigte sich Reichskanzler Adolf Hitler vor Reichspräsident Paul von Hindenburg und gab ihm die Hand.

    Der Fotograf Theo Eisenhart von der New York Times hielt den Augenblick für die Nachwelt fest. Nicht nur, aber vor allem wegen dem sogenannten „Tag von Potsdam“ galt die 1732 eingeweihte Kirche der DDR als „Symbol des deutschen Militarismus“. Nachdem das Innere des Kirchenschiffs bei einem Luftangriff auf Potsdam 1945 ausgebrannt war, beschloss am 12. August 1966 die Bezirksparteileitung Potsdam der SED, nicht ohne Protest, die Beseitigung der Ruine. 1968 wurde sie gesprengt. Dalichow betont:

    „Die Garnisonkirche ist im Verlaufe der Weimarer Republik immer wieder von antidemokratischen Initiativen genutzt und auch für antidemokratische Initiativen jeder Art genutzt worden. Die symbolhaften Handlungen des Nazi-Reiches wie der "Tag von Potsdam" stellen nur die Spitze des Eisbergs dar.“

    2014 veröffentlichten 72 Erstunterzeichner – Pfarrer, Theologen und andere prominente  Kirchenmitglieder, darunter der Politikwissenschaftler Hajo Funke und die ehemalige Bundesministerin der Justiz Herta Däubler-Gmelin (SPD) – die Erklärung „Christen brauchen keine Garnisonkirche“.

    Für die Unterzeichner steht das Kirchengebäude an der Breite Straße „für eine Kirche, die sich von Obrigkeit und Militär in den Dienst nehmen ließ, Demokratie verachtete und auf politische Weisung Krieg predigte.“ Deren Sprecher Wolfram Hülsemann erklärte: diese „Kirchenkopie zu bauen ist ein falsches und auch international ein fatales, ein peinliches Zeichen“.

    Auch die Linke, die Andere und die Grünen sprachen sich gegen einen Wiederaufbau aus. Der Historiker Fritz Reinert kommt in einem Diskussionsbeitrag zu dem Schluss, dass „die historische Rolle, die die Garnisonkirche als Institution Militärkirche einnahm – so auch bei Beginn beider Weltkriege, als sie sich in den Dienst der aggressiven Politik des deutschen Imperialismus stellte, –„ ihren Wiederaufbau nicht begründen könne.

    Er fragt die Befürworter des Wiederaufbaus der Garnisonkirche, „ob denn nicht andere Probleme die Gesellschaft bewegen als der originale Wiederaufbau eines Gebäudes, das historisch so schuldbeladen ist.“

    „Es braucht diesen Ort, weil wir die Orte brauchen, die Fragen nach der Geschichte aufwerfen“, sagt Wieland Eschenburg, Sprecher der Stiftung Garnisonkirche Potsdam, im Sputnik-Interview. „Wo nichts ist, wird nach nichts gefragt, und wir merken es ja, dass sich die Diskussion an diesem Wiederaufbau so um ‚Geschichte erinnern‘ und die daraus zu lernende Verantwortung bewegt. Das macht deutlich, dass wir diesen Ort brauchen. Diese Themen, wie wir sie hier im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau diskutieren, werden an anderen Orten nicht diskutiert.“

    Die Gegner des Kirchenbaus fragt der Stiftungssprecher, ob es nicht zu einfach sei, zu sagen, dass dieser Ort schuldig oder böse ist? Es seien doch immer die Menschen die Verantwortung, für das was in Orten und Gebäuden geschieht, tragen.  

    Die Schirmherrschaft des Wiederaufbaus hat mittlerweile Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier übernommen. Er hofft, dass mit dem Kirchenturm „ein Lernort der deutschen Geschichte entsteht, an dem viele Menschen Lehren aus einer wechselvollen Geschichte ziehen können“.

    Unter dem Motto „Eine Kultur des Friedens bauen“ wurde am 29.Oktober zum Baustart ein Gottesdienst unter freiem Himmel gefeiert. Rund 100 Menschen protestierten lautstark gegen die Garnisonkirche und riefen unter anderem „Heuchler“ und „Schande“.

    ​Eschenburg berichtet: „Es waren 700 Menschen auf dem Baufeld, davon geschätzt 70, die protestiert haben – in einer Art und Weise, die wirklich keinen normalen oder demokratischen Umgangsformen entsprach. Wer Stecker aus den Übertragungsboxen zieht, wer mit einem Megafon versucht, einen Gottesdienst zusammen zu brüllen, der ist scheinbar nicht an wirklichem Dialog interessiert. Das Verhältnis von 70 von 700 stimmt mich schon gelassen. Wenn das die letzte Äußerung derer ist, die protestieren, dann ist das schade.“

    Viel lieber würde er sich mit jenen beschäftigen, die sich inhaltlich mit diesem Ort und seiner Geschichte auseinandersetzen, um sie in die zukünftige Arbeit hier miteinzubinden. Genau das sei es, was mit dem Bau erreicht werden solle: „Gemeinsam Geschichte zu erinnern, Verantwortung zu lernen, Versöhnung zu leben.“

    Sich einbringen wollen Max Dalichow und die Bürgerinitiative „Potsdam ohne Garnisonkirche“ auch weiterhin, denn: „Ohne diese Protestbewegung wäre die Kirche unter völlig anderen Vorzeichen errichtet worden, als das jetzt der Fall ist. Dieses ganze Versöhnungskonzept wurde ja im Prinzip von den Projektgegnern erzwungen. Das ist schon mal ein Fortschritt.“

    Er befürchte allerdings, dass das Geld nicht reichen werde. Schon seit 20 Jahren würde um Spenden für dieses Projekt geworben, aber diese bleiben seit Jahrzehnten aus. Dalichow denkt, dass dort eine Bauruine errichtet werde, die man dann, weil sie so groß ist, mit staatlichen Geldern zu Ende bauen müsse. Bisher sind 26 Millionen Euro von den benötigten 40 zusammen gekommen.

    Eschenburg und seine Stiftung wollen parallel zum Bau der Grundvariante weiterhin Geld sammeln. Das Ziel sei es, den Turm in einem Schritt durchzubauen. Entsprechend der Baugenehmigung müsse man im Sommer 2020 die bauordnungsrechtliche Abnahme der neuen Garnisonkirche haben.

    Bolle Selke

    Das komplette Interview mit Max Dalichow zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit Wieland Eschenburg zum Nachhören:

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    Tags:
    symbolisch, Streit, Kirche, Adolf Hitler, Frank-Walter Steinmeier, Deutschland
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