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    Bolschewik von Boris Kustodiew

    100 Jahre Oktober 1917: Ohne Krieg keine Revolution – Über ausgelassene Ursachen

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    100 Jahre Oktoberrevolution (15)
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    Mit Ursachen und Folgen der Oktoberereignisse 1917 in Russland beschäftigt sich die Zeitschrift „Lunapark 21“ in ihrem neuesten Heft. Das reicht von den globalen Rahmenbedingungen bis zu den politischen Antworten auf die gegenrevolutionäre Gewalt – und bis zur Frage, warum der „Realsozialismus“ sich trotzdem 70 Jahre lang halten konnte.

    „Höchst selten wird die Oktoberrevolution eingeordnet in die größeren Zusammenhänge der gesellschaftlichen Kämpfe“, stellt Winfried Wolf in der aktuellen Ausgabe des Magazins „Lunapark 21“ (39/2017) fest. Der Publizist und Chefredakteur der Zeitschrift erinnert darin: „Der Erste Weltkrieg spielt in diesen Erzählungen so gut wie nie die Rolle, die ihm zukommt: Sie war der Ausgangspunkt dieser Revolution.“

    Wolf meint, dass damit die Revolution von Oktober 1917 nicht als das begriffen werde, „was sie ursprünglich war: Das Einlösen der Versprechen der bürgerlichen Februar-Revolution, die der Bevölkerung keinen Frieden, kein Ende des Hungers und der ländlichen Bevölkerung kein Land brachte.“ Er fügt hinzu:

    „Die Oktoberrevolution brachte zunächst ‚Land – Brot – Frieden‘; sie war ein an die gesamte Welt gerichtetes Friedensangebot und ein Appell an die Welt, endgültig die Entmenschlichung und die Barbarei des Weltkriegs zu beenden und eine neue, solidarische und demokratische Gesellschaft zu errichten.“

    Diese Ziele hatten nichts mit dem angeblichen unbedingten Machtwillen eines kleinen bolschewistischen Zirkel um Lenin zu tun, wie es immer wieder seit 1917 gerade im Westen dargestellt wird. Die Bolschewiki standen gewissermaßen in dem Dilemma, dass sie die einzige politische Kraft im damaligen Russland waren, die sich dafür konsequent einsetzten. Das zeigt Wolfs Beitrag in der vierteljährlich erscheinenden „Zeitschrift zur Kritik der globalen Ökonomie“.

    Bolschewiki als einzige Antikriegspartei

    „Das schwächste Kettenglied des imperialistischen Systems zerbrach“ in Folge des Weltkrieges, stellt er fest. Wolf erinnert daran, wie die Sozialdemokraten aller Länder den Kriegskurs ihrer nationalen Regierungen unterstützten. Und daran, dass „die einzig große Partei der internationalen Sozialdemokratie, die diesen Weg der Kapitulation – der Unterstützung der jeweiligen Regierung und Bourgeoisie in diesem Krieg – nicht gegangen war und immer die Gegnerschaft zum imperialistischen krieg, also auch zum Krieg des Zaren, propagiert hatte“, die bolschewistische Partei war.

    Das Ausbleiben der erhofften Revolution im Westen habe „schwerwiegende Folgen für die Russische Revolution“ gehabt. Dazu zählen für den Autor unter anderem „extrem ungünstige wirtschaftliche Startbedingungen“ nach fast vier Jahren Weltkrieg und folgenden drei Jahren Bürgerkrieg. „Die Rückwirkungen dieses einmaligen Niedergangs der russischen Wirtschaft auf das gesellschaftliche Bewusstsein und auf die bolschewistische Partei waren verheerend“, schreibt er.

    Für Wolf, der eher der trotzkistischen Tradition folgt, gibt es keine gradlinige Entwicklung des Bolschewismus unter Lenin zum Stalinismus. Er widerspricht solchen gängigen Erklärungsmustern: „Die Herrschaft Stalins entwickelte sich nicht ‚organisch‘ als Fortsetzung eines Leninismus. Sie basierte darauf, dass sich um ihn herum eine neue bürokratische Klasse bildete, die gleichzeitig die große Mehrheit der bolschewistischen Köpfe liquidierte.“ Es habe sich dabei nicht um „Machtmissbrauch“ oder „ein paar Fehler“ gehandelt, sondern um eine „politische Konterrevolution“.

    Von der Arbeiterdemokratie zur Parteidiktatur

    In dem aktuellen „Lunapark 21“-Heft erinnert Daniel Behruzi an den „Demokratischen Aufbruch“ 1917, als die Revolution eine tatsächliche „Arbeiterdemokratie“ ermöglichte. Diese sei aber durch Bürgerkrieg und Mangel unterhöhlt worden. Es habe sich um mehr als eine formale Freiheit gehandelt. Der Freiheitsbegriff der Bolschewiki habe sich „stark von dem des liberalen Bürgertums“ unterschieden: „Wirkliche Freiheit besteht nach marxistischer Ansicht nur, wenn neben der formalen Freiheit auch die Freiheit von materiellen Zwängen besteht.“

    Behruzi geht auf die Frage ein, warum aus den radikaldemokratischen Ansätzen der Oktoberrevolution eine Diktatur des Parteiapparates Stalinscher Prägung wurde: „Die westlichen Mächte spielten eine große Rolle dabei, die junge Sowjetmacht in einen blutigen Bürgerkrieg zu ziehen, der entscheidend zum Niedergang der Arbeiterdemokratie beitrug.“ Auch er erinnert: „Die Jahre des Weltkriegs und des Bürgerkriegs hinterließen eine wirtschaftlich völlig zerrüttetes Land. … Unglaubliches Elend, Hunger, Kälte, Massenepidemien, an denen Hunderttausende starben, waren die Folgen des jahrelangen Kriegszustandes. 20 Millionen Menschen ließen in Krieg und Bürgerkrieg ihr Leben. Unter diesen Bedingungen war die Aufrechterhaltung einer funktionierenden, lebendigen Rätedemokratie unmöglich.“ Nicht der Wille der bolschewistischen Zentralgewalt sei dafür entscheidend gewesen, sondern der von außen beförderte Bürgerkrieg samt Interventionen und der Terror der Weißen.

    Alles nur eine Frage des richtigen Modells?

    Der Historiker Karl Heinz Roth fragt in der Zeitschrift, warum aus dem „Triumph der Oktobertage innerhalb weniger Monate ein katastrophales Scheitern“ wurde. Aus der anfänglichen sozialen Revolution sei eine „inszenierte etatistisch-sozialdemokratische Konterrevolution“ geworden. Deshalb sei „die Weltrevolution der Jahre 1917 bis 1921 in ihren Anfängen“ steckengeblieben. Die bolschewistische Führung um Lenin und Trotzki habe auf Dauer dem kollektiven Volkswillen, wie er sich in den Sowjets ausgedrückt habe, entgegen gehandelt, lautet der Vorwurf von Holz. Er erinnert dabei an die riesigen Bauernaufstände 1920/21 in Regionen wie Sibirien, der Ukraine und an der Wolga, an die damaligen Massenstreiks in den großen Industriezentren sowie an den Aufstand der Matrosen von Kronstadt – „einst der wichtigste militärische Rückhalt der Bolschewiki“.

    Ob diesen stattdessen geholfen hätte, auf die „alternativen Blaupausen“ von Karl Marx und der russischen „Narodniki“ („Volksfreunde“) für eine „mit der proletarischen Weltrevolution verkoppelte russische Umwälzung“ zurückzugreifen, wie der Autor meint, ist diskussionswürdig – allerdings gewissermaßen historisch müßig. Revolutionen haben sich noch nie nach Konzeptionen gerichtet, auch nicht nach einem „sozialistischen Transformationsmodell“, wie es Holz lieber gewesen wäre.

    In dem Heft untersucht Sebastian Gerhardt den Preis des Sieges der Sowjetunion über den deutschen Faschismus im Zweiten Weltkrieg. Peter Clausing blickt auf die Folgen der Revolution im Oktober 1917 für die Versorgung und die Landwirtschaft des Landes. Ein Beitrag von Gisela Notz erinnert an die „Frauen in der Oktoberrevolution“. Der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Kuczynski stellt in der Zeitschrift fest, dass der nach 1917 entstandene „Realsozialismus“ „stets Teil der einen, der kapitalistisch dominierten Weltwirtschaft“ blieb. Mit der Folge:

    Die „formell-kommunistische Gesellschaft, der sogenannte Realsozialismus, fiel wie ein Kartenhaus in sich zusammen.“ Kuczynski wundert sich darüber nicht und meint:

    „Das wirklich Erstaunliche ist vielmehr, dass diese Gesellschaft in der Sowjetunion siebzig, im übrigen Osteuropa vierzig Jahre überdauerte.“

    Aber das sei schon wieder „eine andere Geschichte“, die analysiert werden müsse.

    Tilo Gräser

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