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    100 Jahre Revolution: Warum das „sowjetische Projekt“ nach wie vor viele fasziniert

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    Die Oktoberrevolution 1917, die sich am Dienstag zum 100. Mal jährt, stößt in Russland auf ein geteiltes Echo. Womit das zusammenhängt, erläutert der russische Historiker Wladimir Rudakow in einem Gastbeitrag für die Tageszeitung „Iswestija“.

    Rudakow bezieht sich auf die aktuellen russischen Meinungsumfragen zum Thema Oktoberrevolution: „Rund die Hälfe der Befragten zeigen Verständnis oder sogar Sympathie für jene Ereignisse: Die Revolution habe dem Land kräftige Entwicklungsimpulse gegeben, sei im Interesse der Bevölkerungsmehrheit vollbracht worden und so weiter. Die andere Hälfte bewertet das Geschehene dagegen negativ: Die Revolution habe die Entwicklung gebremst, sei eine richtige Katastrophe gewesen.“

    Kommunisten auf dem Roten Platz anlässlich des 100. Jahrestags der Oktober-Revolution
    © Sputnik / Witali Beloussow
    Der Historiker schreibt zu den Hintergründen: „Das ‚sowjetische Projekt‘, das beim Staatsstreich im Oktober 1917 zustande gekommen war, veränderte das historische Russland bis zur Unkenntlichkeit – ebenso wie die Anrainerländer und die restliche Welt. Ausgerechnet dieses Projekt sicherte letztendlich den Sieg über den Nazismus im Mai 1945, verwandelte das in Sachen Entwicklung einst zweitrangige Russland in eine der beiden Weltmächte und schoss im April 1961 einen sowjetischen Bürger allen voran ins All.“

    „Diese realen Errungenschaften des sowjetischen Systems ergänzt außerdem die in vielen Gemütern bestehende Gestalt eines ‚Goldenen Zeitalters, das sich nie wiederholen wird‘. Nicht wenige sind davon überzeugt, dass die ganze sowjetische Epoche so war wie ‚unter Breschnew‘: gemächlich, seelengut und sehr menschlich (nach Angaben des Lewada-Zentrums würden 28 Prozent der Bürger bevorzugen, in den aus ihrer Sicht behaglichen Breschnew-Jahren zu leben)“, so Rudakow.

    Er postuliert: „Das Wahrnehmungsproblem der Ereignisse von 1917 besteht eben darin, dass der Charme des ‚sowjetischen Projekts‘ manchmal dessen Ausgangspunkt bedeckt, also die eigentliche Revolution. Ausgerechnet daraus resultiert das positive Image der Oktoberrevolution.“

    Doch die Leistungen des „sowjetischen Projekts“ und die Revolution selbst sind laut Rudakow ganz verschiedene Dinge: „Die Revolution 1917 ging letztendlich auf die gezielten Aktivitäten einer ganzen Reihe radikaler Parteien zurück. Die Bolschewiki waren unter ihnen wohl die radikalsten, aber bei weitem nicht die einzigen. Jene Kräfte brachten das Boot jahrzehntelang zum Schaukeln, indem sie alles Mögliche taten, um nicht nur das damalige politische Regime zu zerstören, sondern auch die traditionelle russische Staatlichkeit an sich zu liquidieren.“

    „Als die Bolschewiki 1917 an die Macht kamen, nahmen sie Ideen in Gebrach, die von ihrem Wesen her utopisch und kosmopolitisch waren, und führten das Land zu einem Bürgerkrieg, das an und für sich zu den schwersten Niederlagen Russlands im 20. Jahrhundert zählt. Es begann eine groß angelegte Glaubensverfolgung – ebenso wie eine Verfolgung derjenigen, die andere politische Ansichten und moralisch-sittliche Werte vertraten“, so Rudakow weiter.

    „Nicht einmal unter dem Einfluss des Charmes des ‚sowjetischen Projekts‘ darf man sich deshalb nach meiner tiefen Überzeugung von der Revolution als Methode zur Umgestaltung der sozialen Wirklichkeit faszinieren lassen“, mahnt der Historiker.

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    Geschichte, Jubiläum, Revolution, UdSSR, Russland