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    Lenins Ankunft, Petrograd (St.Petersburh) Gemälde von W.A. Lubimow (Archiv)

    Russland hat sein Revolutionspensum übererfüllt - Historikerrunde

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    Laut Meinungsumfragen bewertet etwa die Hälfte der Russen die Oktoberrevolution 1917 positiv. 38 Prozent glauben, sie habe der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung des Landes einen Impuls gegeben. Mit 23 Prozent meint knapp ein Viertel der Befragten, die Revolution habe eine neue Ära in der Geschichte Russlands eröffnet.

    Diese Zahlen wurden während einer Konferenz russischer und deutscher Historiker angeführt. Dabei äußert sich nicht nur die ältere Generation so, sondern auch die Jugend. Zugleich hält die überwiegende Mehrheit der Befragten (92 Prozent) eine Revolution für unzulässig und meint, Russland müsse eine eventuelle Revolution um jeden Preis verhindern.

    Zeitschriften aus der Privatsammlung von Prof. Alexej Wengerow
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    Zeitschriften aus der Privatsammlung von Prof. Alexej Wengerow

    Boris Kolonizki, Professor der Europäischen Universität Petersburg, kommentierte:

    „Den Slogan,Russland hat sein Revolutionspensum übererfüllt‘, befürworten Menschen mit unterschiedlichsten Ansichten. Die Romantisierung der Revolution, die für die sowjetische Epoche typisch war, macht heute dem Verständnis des Tragischen einer Revolution Platz. Allerdings kann dies dem Land nicht das Ausbleiben neuer politischer Erschütterungen garantieren.“

    Laut dem Leiter des Instituts für Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften Alexander Tschubarjan erwache das Interesse an der Geschichte dann, „wenn Menschen nach Parallelen zu dem suchen, was sie im Moment erleben. Wäre unsere Gesellschaft heute nicht so polarisiert, wie sie jetzt ist, wäre auch das Interesse für die Ereignisse vor hundert Jahren nicht so groß. Das, was auf beiden Seiten den Untergang der Blüte der Nation verursacht hat, darf nicht positiv bewertet werden. Soziale Konflikte dürfen nicht durch die Ausrottung der Gegenpartei gelöst werden.“

    Friedensengel Satiremagazin Bitsch (Geisel) Nr.6 vom 23.April 1917
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    "Friedensengel" Satiremagazin "Bitsch" ("Geisel") Nr.6 vom 23.April 1917

    Der Historiker hofft, dass der hundertste Jahrestag der Revolution zu einem Faktor der Versöhnung werde. Dies sei für Russland heute sehr wichtig. „Die Einsicht, dass sowohl die Bolschewiki als auch ihre Gegner gewissermaßen Recht hatten, wird leider von der heutigen russischen Gesellschaft nicht immer akzeptiert.“

    Staatsstreich oder Revolution? Mit oder ohne deutsches Geld?

    Die Ereignisse im Oktober 1917 bewertet Tschubarjan als einen Staatsstreich, der eine Revolution nach sich gezogen hat. Prof. Susanne Schattenberg, Direktorin der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, plädierte dafür, dass man die Rolle Deutschlands nicht überschätzen dürfe. Auch Akademiemitglied Tschubarjan sprach von einem „verbreiteten Mythos“ und bemerkte, eine Revolution sei auf diese Weise nicht zu machen:

    „Deutschland wollte sicher so oder anders zur Rückkehr Lenins aus der Emigration nach Russland beitragen. Man kannte das Programm der Bolschewiki sehr gut. Dessen zentraler Punkt war die Einstellung des Krieges. Russland kämpfte mitsamt der Entente gegen Deutschland. Versteht sich, dass es ein absolut normaler Wunsch für den deutschen Generalstab war, einen von seinen Kriegsgegnern auszuschalten.“

    Eine andere Sache sei das Geld, fuhr der Historiker fort: „In Wirklichkeit war es nicht viel, was Lenin und anderen Bolschewiki erlaubte, über Deutschland nach Russland zu gelangen.“

    Es lebe die Internationale! Satiremagazin Bitsch (Geisel) Nr.24 September 1917
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    "Es lebe die Internationale!" Satiremagazin "Bitsch" ("Geisel") Nr.24 September 1917

    Tschubarjan würde diese Situation weder übertreiben noch dramatisieren. Er weist auch die Behauptung zurück, die Revolution wäre durch deutsches Geld zustande gekommen. „Auch ist nicht wahr, dass Lenin eine irgendwie angeworbene Figur war. Es stimmt schon, er reiste in einem versiegelten Eisenbahnwagon ‒ eine halbkriminelle Geschichte. Das ganze nachfolgende Geschehen jedoch entfaltete sich auf russischem Boden.“

    Freies Russland Zeitschrift für Hausfrauen Nr.6 vom 26.März 1917
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    "Freies Russland" Zeitschrift für Hausfrauen Nr.6 vom 26.März 1917

    Unter russischen Historikern steht fest, dass in Russland nicht nur eine deutsche, sondern auch eine britische „Partei“ aktiv war. Zwar hatte die Zarin Alexandra gute Beziehungen zu Deutschland, aber viele am Hofe standen dem englischen Königshaus nahe. Professor Kolonizki dazu: „Frankreich und Großbritannien, und später auch die USA, waren gleichermaßen bestrebt, Russland im Kriege zu behalten. Auch sie investierten beträchtliche Summen. Das Geld ist also an der russischen Revolution nicht das Wichtigste.“

    Nikolaj Jolkin

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    Tags:
    Geschichte, Revolution, Deutschland, UdSSR, Russland