04:18 25 November 2020
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    Sie bringen ein gesundes Baby zur Welt und am nächsten Morgen teilen Ärzte ihnen mit, dass ihr Kind verstorben ist. Die Leiche wird nicht herausgegeben, die Todesursache nicht genannt. Viele Jahre später wird klar: Weder wurden Sterbeurkunden ausgestellt, noch fand ein Begräbnis statt. So erging es vielen serbischen Müttern.

    Kindesraub in jugoslawischen, später dann serbischen Geburtskliniken ist in Serbien ein Tabuthema – wenn auch ein offenes Geheimnis: Informationen über „verstorbene“ Babys, die in anderen Landesteilen oder Ländern „auferstanden“, gibt es mehr als genug.

    Auch der Serbe Ivan Miljkovic kann davon berichten. Im Sputnik-Gespräch erzählt er, wie er seinen angeblich verstorbenen Zwillingsbruder Nenad im Kosovo wiederfand.

    „Wir sind am 7. Mai 1979 geboren, im städtischen Krankenhaus von Svilajnac. Nenad und ich, wir waren gesunde eineiige Zwillinge, haben das gleiche gewogen und hatten den gleichen Kopfumfang. Die Entbindung war nachts und am Morgen schickte uns die Hebamme, ohne unserer Mutter ein Wort zu sagen, nach Belgrad ins neonatologische Institut“, berichtet Ivan. Eine entsprechende Überweisung der Ärzte fehle in den Archivunterlagen.

    Fruchtwasser habe sich in den Lungen der Zwillinge angesammelt, lautete die Begründung, wie Ivan sagt. „Am nächsten Tag kam unser Vater in das Krankenhaus und ihm wurde mitgeteilt, ein Kind sei gestorben, das andere befinde sich in schwerem Zustand.“

     

    Der Vater habe die Herausgabe der Leiche und mehr Informationen gefordert, sei aber abgewimmelt worden: „Alles verlaufe ordnungsgemäß, die Unterlagen bekomme er später, sagte man ihm. Bis 2003 sahen wir kein einziges Schriftstück“, so Ivan.

    Auffällig ist, dass Ivan und sein Bruder ein und dieselbe Bürger-ID erhalten hatten – ein Pflichtdokument im ehemaligen Jugoslawien und dem heutigen Serbien. Man habe also auf diesem Wege versucht, den Anschein zu erwecken, als sei nur ein Kind geboren worden.

    „2011 haben wir begonnen, die Unterlagen zu sammeln, um herauszufinden, ob mein Bruder noch lebt. Dadurch haben wir festgestellt, dass es keine Sterbeurkunde gibt, keinen Obduktionsbericht und keine Angaben zum Bestattungsort – die Todesfeststellung konnte also nicht belegt werden. Letztlich konnten wir die Bürger-ID ermitteln, die auf meinen Bruder, aber unter neuem Namen und mit neuen Angaben, ausgestellt wurde.“

    So habe Ivan herausfinden können, wo sein Zwillingsbruder aufgewachsen ist: „Er ist an ein katholisches Ehepaar aus Albanien verkauft worden, die selber keine Kinder haben konnten. Sie haben Nenad und zwei andere Babys von serbischen Krankenhäusern gekauft. Eine DANN-Analyse hat bestätigt, dass er mein Bruder ist“, sagt Ivan.

    Jetzt wolle die Familie den Staat gerichtlich dazu zwingen, die Organisatoren des Kindesraubs strafrechtlich zu verfolgen. Denn ein Einzelfall sei die Geschichte seines Bruders nicht, betont Ivan Miljkovic. Es seien so viele Kinder nach Kosovo verkauft worden, dass die demografische Bilanz der Region sich verschoben habe: Die Geburtenrate der Albaner habe just in jener Zeit zugenommen, in der bei den Serben die Todesrate sprunghaft gestiegen sei.

    „Aus den Archivunterlagen wissen wir, dass im Mai 1979 kein einziges Kind aus dem neonatologischen Institut in Belgrad beerdigt wurde. Und mir ist noch ein anderer Fall bekannt: Am Tag nach uns wurden andere Zwillinge in das Institut gebracht. Einer von ihnen wurde verkauft – macht also zwei Babys in 24 Stunden“, so Ivan.

    Die ersten Fälle von Kindesraub seien 1956 festgestellt worden. In den Siebziger- und Achtzigerjahren bis spät in die Neunziger sei aus den Einzelfällen ein Massenphänomen geworden. Eine offizielle Statistik gebe es nicht, manche Schätzung gehe von rund 10.000 gestohlenen Babys aus.

    In 2013 ist es einer Frau aus der serbischen Kleinstadt Batocina gelungen, das Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte davon zu überzeugen, dass ihr Sohn – geboren 1983 – gestohlen worden und heute offenbar noch am Leben sei. Die Geschichte von Zorica Jovanovic ist jener von Ivans Mutter sehr ähnlich.

    Das europäische Gericht hat Serbien dazu verpflichtet, der Geschädigten ein Schmerzensgeld in Höhe von 10.000 Euro zu zahlen, und Maßnahmen zu treffen, um auch anderen Eltern mit ähnlichen Geschichten zu ihrem Recht zu verhelfen.

    In der Tat sei inzwischen ein entsprechender Gesetzentwurf vorbereitet, sagt Ivan Miljkovic, nur sehe dieser Entwurf nur Schmerzensgeldzahlungen an die Eltern vor, „statt strafrechtlicher Ermittlungen und der Verurteilung der Verantwortlichen.“

    Auch Zorica Jovanovic klagte nicht des Geldes wegen, wie sie in 2013 selbst gesagt hat. Schließlich habe die Mutterschaft keinen Preis.

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    Tags:
    Baby, Kidnapping, Kosovo, Serbien