04:21 18 Dezember 2017
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    Ein Obdachloser in Deutschland (Archivbild)

    Obdachlose aus Osteuropa – Elend und Verrohung in ungewohnten Dimensionen

    CC BY-SA 2.0 / Sascha Kohlmann / Transportation
    Gesellschaft
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    Die Europäische Freizügigkeit macht es Bürgern aus den EU-Ländern Bulgarien und Rumänien leicht, auf der Suche nach einem besseren Leben nach Deutschland zu kommen. Für Viele geht die Suche nicht gut aus: Sie landen auf der Straße. Aber auch Arbeitslose und Drogenabhängige zieht es in die deutschen Großstädte. Politiker schlagen Alarm.

    „Die aktuelle Lage ist seit einem halben Jahr sehr dramatisch“, betont der Bezirksbürgermeister des Stadtbezirks Köln-Innenstadt, Andreas Hupke (Bündnis 90/ Die Grünen). Man hört, dass ihm das Thema am Herzen liegt. Gerade Menschen aus den osteuropäischen Ländern würden den Kölnern Probleme bereiten. Vorwiegend Bulgaren und Rumänen, teilweise auch Polen, jedenfalls Bürger der Europäischen Union (EU), würden in Köln besonders in der Innenstadt aufschlagen. Hupke erklärt:

    „EU-Bürger genießen Reisefreiheit. Die Grenzen zu den osteuropäischen EU-Ländern sind offen. Ich sehe da zwei Gruppen von Menschen. Die einen kommen hier hin und wollen Arbeit haben, haben nur einen Rucksack auf dem Rücken, übernachten hier in Parks, bekommen aber keine Arbeit und rutschen dann ab. Es kommen aber auch Menschen aus diesen Ländern hier hin, die gar keine Arbeit suchen. Diese sind bereits dem Alkohol verfallen, waren auch schon vorher sehr hart drauf und sind es immer noch. In dieser Dimension habe ich das noch nie erlebt.“

    Der Sozialarbeiter und Professor für Verwaltung und Organisation an der Universität Düsseldorf Thomas Münch hat die Kölner Situation in einer Studie untersucht und dafür Dutzende osteuropäische Obdachlose befragt. Dabei stellte er fest, dass Köln eine „arrival city“ ist. In sozialen Brennpunkten am Rand der Stadt würden Bulgaren und Rumänen zunächst bei Bekannten unterschlüpfen, bevor sie in die Innenstadt weiterwandern würden. Dem Deutschlandfunk sagte Münch, dass 75 Prozent der Menschen, die er befragt hätte, bleiben wollten. Man habe es mit einer klassischen europäischen Binnenwanderung in der EU zu tun. Rechtlich könne man nichts dagegen tun. Er fordert Sprachkurse, Fortbildungen, Arbeitskurse und Führerscheine für die Betroffenen – „die gleichen Methoden, die bei deutschen Erwerbslosen auch angewendet werden.“

    In fast allen deutschen Großstädten, insbesondere aber in den Ballungszentren, sei Obdachlosigkeit von Osteuropäern ein Problem, sagt Werena Rosenke, stellvertretende Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. Bis zu 52.000 wohnungslose EU-Migranten würden in Deutschland leben. Diese Zahl sei zwar hoch, wäre aber im Vergleich mit der Gesamtsumme von 860.000 Wohnungslosen kein überdimensioniertes Problem. Die Wohnungslosigkeit der Osteuropäer auf der Straße sei allerdings sehr augenscheinlich. Man sehe sie sofort.

    „Wir wollen unsere kulturelle Vielfalt, die es in Köln wie in anderen Städten auch gibt, hegen und pflegen. Aber wer hier hinkommt, hat sich zu benehmen“, sagt wiederum der Grüne Hupke. „Wenn er das nicht macht, kann man das nicht einfach ignorieren und darüber hinwegsehen. Das ist der Nährboden für die Rechten, und das darf man ihnen nicht bieten.“

    Der Bezirksbürgermeister berichtet, wie er selbst vier sturzbetrunkene Männer vor einem Supermarkt in Köln-Deutz gesehen habe, welche kein Wort Deutsch sprachen und offensichtlich aus Osteuropa stammten. Erst wurden sie ihm selbst gegenüber handgreiflich, anschließend griffen sie eine Frau an, hielten sie fest und betatschten sie. Als die Polizei kam, habe einer der Täter sich entblößt und symbolisch onaniert.

    Es komme auch vor, dass diese Menschen betrunken in den Fußgängerzonen rumliegen ¬– „das kann man sich nicht vorstellen, wenn man das selbst nicht gesehen hat. Diese Kombination mit Aggressivität, das ist eine Mischung, die wir hier so massiv in Köln noch nicht gehabt haben.“

    Auch karitative Einrichtungen für Obdachlose würden davor resignieren. In Köln-Ehrenfeld musste die Caritas einen Aufnahmestopp für Osteuropäer verhängen, so Hupke, weil sich die Rumänen und Bulgaren untereinander nicht verstehen. „Da gibt es ethnische Rivalitäten, Animositäten und Aggressivität. Die können kein Wort Deutsch und halten sich nicht an Regeln.“

    Das Thema liege nun beim Kölner Sozialdezernat. Da habe man aber noch keine richtige Antwort darauf. „Wenn man für diese Leute jetzt gute Bedingungen schaffen würde, dann würden noch mehr kommen“, zitiert Hupke den Sozialdezernent. Zumindest die EU-Bürger könne man jedoch nicht zurückbringen.

    Bereits vor zwei, drei Jahren hätten die Bezirksvertretungen vor dieser Entwicklung gewarnt. Damals kam sich Hupke wie Don Quichotte vor. Nun fordert er:

    „Ich bin ein glühender Vertreter der EU, aber so kann es nicht weitergehen. Wenn die Menschen aus Not ihre Heimat verlassen, dann muss man ihnen vor Ort helfen. Wenn das nicht geschieht, dann muss man den Kommunen helfen, die sich darum kümmern müssten. Und da lässt Brüssel die Länder hängen.

    Brüssel muss Berlin helfen und Berlin muss den Landeshauptstädten helfen. Für Nordrhein-Westfalen heißt dass: die Landeshauptstadt Düsseldorf muss den Kommunen helfen. Die Kommunen werden hier brutal allein gelassen, und das geht nicht.“

    Auch Rosenke von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe sieht es als ein großes Problem, wenn Leute auf der Straße leben müssen, dort zunehmend verelenden und vermutlich gar keine Chancen mehr auf einen Job bekommen. Dagegen müsse etwas unternommen werden. Rosenke bekräftigt:

    „Wir sehen, dass sie auf jeden Fall das Recht hätten, untergebracht zu werden. Man darf die Menschen nicht sehenden Auges auf der Straße verelenden lassen.“ 

    Bolle Selke

    Das komplette Interview mit Andreas Hupke zum Nachhören:

    Tags:
    Obdachloser, Wirtschaftsmigranten, EU, Köln, Düsseldorf, Rumänien, Polen, Bulgarien, Deutschland
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