08:05 10 Dezember 2018
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    Gerd Leonhard auf der Bühne

    „Wie Mensch bleiben in einer Welt, die total Maschine wird?“ – Futurist Leonhard

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    Gesellschaft
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    Die Maschinen könnten den Menschen selbst zur Maschine werden lassen. Aber sie könnten uns auch ins digital-goldene Zeitalter führen, in dem ganz andere menschliche Tätigkeiten wertvoll werden. Wichtig ist es nur, die Entwicklungen zu kontrollieren, um keine Überraschungen zu erleben. Ein Gespräch mit dem Futuristen Gerd Leonhard.

    Autonome Autos, Künstliche Intelligenz, das Internet der Dinge, in dem jeder Gegenstand mit Sensoren ausgestattet und global vernetzt ist und Genscheren, mit denen sich Menschen bald bis ins feinste Detail bearbeiten lassen – all das geschieht in unserer Zeit in rasendem Tempo, nahezu unkontrolliert und nicht immer unter dem Vorzeichen des Wohls der Menschheit, sondern oft aus der einfachen Überlegung der Profitmaximierung heraus.

    „Alles wird Technologie“, sagt der Schweizer Futurist und Humanist Gerd Leonhard im Sputnik-Interview, der zu dem Thema jüngst das Buch „Technology vs. Humanity veröffentlicht hat. Er stellt nicht nur fest, dass alles Technologie wird, sondern koppelt daran die entscheidende Frage: „Was passiert eigentlich mit dem Menschen in dieser Welt, die komplett vernetzt ist?“ Oder anders ausgedrückt: „Wie können wir Mensch bleiben in einer Welt, die total Maschine wird?“

    Töten Maschinen menschliche Eigenschaften ab?

    Apple-Store in San Francisco
    © REUTERS / Kevin Coombs
    Dabei schätzt er die Entwicklungen überwiegend positiv ein, können damit doch Prozesse effizienter werden, die Klimaerwärmung aufgehalten und Krankheiten besiegt werden. Doch er benennt auch die Kehrseiten der Technologien: Totale Überwachung durch das Internet der Dinge (Internet of Things, IoT), Angriffe durch Hacker auf globale Infrastrukturen, Nachrichtenmanipulationen, ein Rüstungswettlauf zwischen den großen Playern auf dem Feld der Künstlichen Intelligenz und das vielleicht Schlimmste für einen Humanisten: eine Automatisierung des menschlichen Denkens selbst.

    Von Maschinen umgeben, läuft der Mensch nämlich aus Leonhards Sicht Gefahr, selbst sein Menschliches zu verlieren, selbst zu einer Maschine zu degradieren. „Für alles nutzen wir Apps, nichts machen wir mehr selber“, stellt er fest. Das führe dazu, „dass wir uns selber immer fremder werden und dass Technologie einfach menschliche Prozesse ersetzt.“

    „Androrithmen“ nennt er das Paket der spezifisch menschlichen Eigenschaften und grenzt sie kategorisch von den Algorithmen der Maschinen ab. Die Androrithmen umfassen für ihn alles, was nicht programmiert werden kann: Dinge wie Vertrauen, Beziehungen, Mitfühlbereitschaft, Verhandlungen und Flexibilität. Computer könnten nämlich nur mechanisch zwischen Null und Eins unterscheiden und egal wie viele Einser und Nullen man addiere, einen Sinn in der menschlichen Bedeutung ergebe das nicht. Deswegen gilt für den Futuristen: „Man sollte nicht alle Entscheidungen dem Computer überlassen, nur weil er schneller und leistungsfähiger ist, weil dieser einen Großteil unserer Existenz gar nicht versteht.“

    Technology vs. Humanity - Buch von Gerd Leonhard
    © Sputnik / Scan
    "Technology vs. Humanity" - Buch von Gerd Leonhard

    Die Arbeitswelt von morgen

    Werden wir bald alle arbeitslos? Der Futurist glaubt nicht an dieses gängige Schreckensszenario. „Ich denke, Maschinen, Algorithmen, Künstliche Intelligenz und Roboter werden primär unsere Routinen ersetzen, also die monotone Arbeit, die wir immer wieder machen.“ Das könnten Aufgaben in der Buchhaltung sein oder das Wenden von Burgern bei McDonald’s, ebenso Autofahrten von A nach B. Klar ist: „Da werden viele Arbeitsplätze verloren gehen.“

    Aber es würden eben auch viele neue Jobs entstehen. „Man sagt, 70 Prozent der Jobs in zehn Jahren sind heute noch gar nicht existent“, bemerkt Leonhard. Allerdings ist es wichtig, dass es eine „soziale und politische Führung“ gebe, die die Ausbildung darauf ausrichte. „Unsere Kinder müssen andere Dinge können“, so Leonhard.

    Das Problem der unterbezahlten und über ihre Grenzen ausgelasteten Pflegekräfte dagegen könnte bald der Vergangenheit angehören, denn in allen sozialen Berufsfeldern sieht der Zukunftsforscher großen Aufwind. „Alles, was menschliche Dinge betrifft, wird wahnsinnig anwachsen an Wert und Bedarf“, so Leonhard. Verhandeln, mitfühlen, Beziehungen aufbauen, Vertrauen schaffen, Politik und komplexes Verstehen – das sind die Dinge, die nicht Maschinen überlassen werden können und die die Arbeitswelt des Menschen von morgen prägen werden.

    Heute die Weichen für die Zukunft zu stellen

    Für Leonhard stehen wir heute an einem Wendepunkt, von dem an sich alle Entwicklungen exponentiell beschleunigen werden, also nicht einfach alle zwei Jahre verdoppeln, sondern immer stärker vervielfachen. So steht mit dem Quantencomputer eine Leistungssteigerung um eine Million Mal vor der Tür. Die Netzwerke nehmen rasant an Geschwindigkeit zu. Alles wird digital, virtuell, schnell und – in Clouds gespeichert. Details zu den Finanzen der Bürger, deren Gesundheitsakten, eine digitale Kopie des Selbst, ausgelagert ins Netz. Daraus erwüchsen soziale und ethische Probleme, so Leonhard, denn: „Wer hat die Kontrolle über all diese Daten?“

    Die Haltung der großen Unternehmen ist dabei nicht hilfreich, denn diese handeln nach dem Muster: „Wir schauen, dass es funktioniert und alles andere überlassen wir den Usern.“ Aber bei rund 700 Milliarden vernetzter Geräte, die für die Zukunft vorhergesagt werden, brauche es unbedingt eine „Mission Control“, eine Kontrollinstanz, die Risiken abschätzt und die großen Player daran erinnert, dass sie für die Folgen ihrer Technologien auch Verantwortung tragen sollten.

    Mit der Genschere GRISPR-CAS9 wird nahezu jede Veränderung einer beliebigen Zelle möglich. „Wir sind an dem Punkt, wo Science-Fiction zu Science-Fact wird“, kommentiert der Forscher diese Vorgänge. Und da es eben auch um Genveränderungen am Menschen und die Vernetzung des menschlichen Gehirns mit der Maschine durch Gehirn-Computer-Schnittstellen, stellt sich ebenso die Frage: Was davon wollen wir noch und wo soll die Trennlinie sein?

    Globalen Ethikrat bilden, digitale Menschenrechte ausarbeiten

    Um hier Einigungen zu erzielen, fordert Leonhard die Schaffung eines globalen Ethikratr zu digitalen Fragen (Global Digital Ethics Council, GDEC). Zurzeit sei Technologie in vielen Köpfen „eine Art Religion“. Es sei aber verfehlt, in der Technologie den Sinn des Lebens zu vermuten, denn diese sei nur ein Werkzeug und sollte nach Ansicht Leonhards besser auch in dieser Kategorie verbleiben.

    Bei der Künstlichen Intelligenz zum Beispiel stelle sich die Frage: „Wenn wir denkende Maschinen haben: Was lassen wir sie entscheiden und was nicht?“ Sollte etwa die Maschine entscheiden, wer auf Bewährung freikommt oder nicht – oder bleibt das besser weiterhin Aufgabe eines Richters? Oder wenn wir durch Gentechnik bald Krebs heilen könnten, müssten da die Ergebnisse der Forschung nicht gratis allen Menschen zu  Verfügung stehen, statt nur den Reichen und der Elite? Und wie weit wollen wir Gen-Editierung erlauben, um zum Beispiel immer „bessere“ Kinder zu zeugen? Was macht man mit autonomen Killerrobotern? Muss das nicht komplett verboten werden? Für Leonhard alles Aufgaben für eine Ethikkommission: entscheiden, was Maschinen dürfen, welche Konsequenzen Technologien haben und wer die Verantwortung trägt – zum Wohl aller Menschen.

    Valentin Raskatov

    Das Interview mit Gerd Leonhard zum Nachhören:

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    Tags:
    Zukunft, künstliche Intelligenz, Maschinenbau, Internet, Interview