07:15 18 Juli 2018
SNA Radio
    Autoverkehr in München

    „Magischer Blick auf das Auto“, von dem sich Politik endlich emanzipieren sollte

    © AFP 2018 / Christof Stache
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    0 1420

    Autofahrer und Bahnkunden kennen das: Sie stehen im Stau oder kommen verspätet ans Ziel. Grund sind marode Brücken, kaputte Autobahnen und das veraltete Schienennetz. Verkehrsexperte Heiner Monheim kritisiert: Die Politik hat über Jahrzehnte zu wenig oder falsch investiert. Deutschland hinkt hinterher – auch bei der allerwichtigsten Verkehrsart.

    „Wir gucken immer auf den Fernverkehr, aber der Fußverkehr ist immer noch die wichtigste Verkehrsart überhaupt“, sagt Monheim. Er war lange Professor für angewandte Geographie und Raumplanung an der Universität Trier.

    „Sie können Bus, Bahn und Auto nicht benutzen, ohne dass Sie vorher zur Haltestelle, zum Parkplatz, zum Bahnhof gegangen sind.“

    Die Vernachlässigung des Fußverkehrs zeige sich an permanent zugeparkten Fußwegen und an Ampeln, die alles dem flüssigen Autoverkehr unterordnen. Hier sieht Monheim vor allem Städte und Gemeinden in der Pflicht, Fußgängern durch neue Beschilderungen das Leben einfacher zu machen.

    Radverkehr: Holland besser als Deutschland

    Eine weitere Baustelle in der Verkehrsplanung ist für den Geographen der Radverkehr: „Das Rad hat zwar gerade 200. Geburtstag gefeiert, aber neben vielen netten Sprüchen passiert nicht allzu viel. Die gesamte Bundesrepublik gibt für den Radverkehr genauso viel aus wie in Holland eine einzelne Provinz oder wie allein die Stadt Amsterdam.“ Bund und Länder müssten den Kommunen mehr Geld für Radwege gewähren.

    Generell geht es um eine ungerechte Verteilung von Raum: Laut Monheim gebe es in Deutschland beispielsweise zu viele mehrspurige Straßen. Dieser zu viel gewährte Raum müsse umverteilt werden – zu Gunsten von Fuß- und Radverkehr. Dass diese Umverteilung im „Autofahrerland“ Deutschland schwer umzusetzen sein wird, will der Verkehrsexperte nicht gelten lassen: „Die Politik sollte nicht fragen, welche Lobby fordert was. Sie sollte nüchtern und klar nach Effizienzgesichtspunkten rangehen: Das Auto ist das Verkehrsmittel, das die meiste Fläche braucht. Es ist das teuerste Verkehrsmittel, er ist hoch subventioniert.“ Allein der Verkehrsminister gebe jährlich acht Milliarden Euro an Diesel-Subventionen aus. Zudem gewähre der Bund Dienstwagen-Privilegien, wodurch viele große Autos wie SUV steuerlich abgewickelt würden.

    Täglich 160 Millionen leere Autositze

    Zum Schluss prüft Monheim den Autoverkehr auf Herz und Nieren. In keinem Verkehrsmittel sei das Unfallrisiko höher als im Auto. „Sie kommen nicht am schnellsten ins Ziel, sondern am schnellsten in den Stau. Wenn Sie sich den Berufspendler-Verkehr anschauen: 160 Millionen leere Autositze werden da täglich durch die Gegend chauffiert. Das ist extrem ineffizient.“ Mit Blick auf die Klimakonferenz in Bonn meint der Verkehrsexperte, die Weltgemeinschaft verlange von der Politik, die Treibhausgase zu verringern. Das ginge nur durch weniger Verkehr auf den Straßen: „Wir brauchen einfach eine Politik, die sich emanzipiert vom mehr oder weniger magischen Blick auf das Auto als Allheilmittel.“

    Das komplette Interview mit Heiner Monheim zum Nachhören:

    Zum Thema:

    Deutschlands teuerste Autobahn kostet 150.000 Euro pro Meter
    Streit um Pkw-Maut: Österreich klagt gegen Deutschland
    Tags:
    Probleme, Infrastruktur, Verkehr, Zugverkehr, Auto, Deutschland
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren