11:18 12 Dezember 2017
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    Kunst oder Provokation? „Drogendealer“-Ausstellung in Berlin sorgt für Aufregung

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    Gesellschaft
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    Die umstrittene Ausstellung „Andere Heimaten: Herkunft und Migrationsrouten von Drogenverkäufern in Berliner Parks“ wurde am Dienstag in Berlin eröffnet. Die Organisatoren weisen gegenüber Sputnik eine politische Dimension zurück: „Es ist ein künstlerischer Blick auf deren Herkunftsländer.“ Politiker kritisieren: „Dealer werden zu Helden gemacht.“

    Bereits im Vorfeld hatte die Ausstellung, die der US-amerikanische Konzeptkünstler Scott Holmquist inszeniert hat, für medialen Wirbel gesorgt. „Es gab eine ziemlich missverständliche Äußerung des Künstlers, als wenn wir die Drogendealer in Kreuzberg als Opfer darstellen“, sagte Ulrike Treziak gegenüber Sputnik. Sie ist die kommissarische Leiterin des Friedrichshain-Kreuzberg Museums „FHXB“, in dem die gut besuchte Ausstellung am Dienstagabend eröffnet wurde. „Das ist aber, wenn überhaupt, eine ganz persönliche Äußerung des Künstlers und hat überhaupt nichts mit unserer Auffassung zu tun und auch nichts mit dieser Ausstellung.“

    US-amerikanischer Konzeptkünstler Scott Holmquist
    © Sputnik/ Alexander Boos
    US-amerikanischer Konzeptkünstler Scott Holmquist

    Es gehe in erster Linie um „die Herkunftsorte von bestimmten Dealern. Der Künstler hat mit Dealern in verschiedenen Parks gesprochen, teilweise durch Übersetzungen in deren Muttersprache oder auf Englisch. Er hat sie gefragt: ‚Wo kommen Sie her? Und auf welcher Route sind Sie nach Europa gekommen?‘ Es geht ausschließlich um die Heimatorte und die Route – es geht nicht um die Biographien der Drogendealer.“ Künstler Holmquist, der in Berlin-Kreuzberg lebt, eröffnete seine Ausstellung mit dem Vermerk, er wolle „die deutsche Gesellschaft auf dieses Phänomen“ hinweisen.

    Drogendealer: „Verzerrte Darstellung der Medien“

    Der Ausstellungsraum bestand aus Papp-Silhouetten von stehenden Personen. Sie repräsentieren laut den Veranstaltern die Dealer und zeigen jeweils Karten, Illustrationen und Texte über Herkunft und die individuelle Migrationsroute afrikanisch-stämmiger Drogenverkäufer. Die Präsentation konzentriere sich auf deren „Bewegung als Körper durch den Raum.“ Zudem solle das Event auf die „verzerrte Darstellung der Medien“ bei dem Thema aufmerksam machen. So würden oft die Begriffe „Afrika“ und „Drogendealen“ miteinander verknüpft.

    „Wir als kommunale Kultureinrichtung haben den öffentlichen Auftrag, Plattformen zu bieten für gesellschaftlich relevante Themen“, erklärte Bärbel Schürrle, Leiterin des Amtes für Weiterbildung und Kultur im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, am Abend der Ausstellungseröffnung gegenüber Sputnik. Die Veranstaltung wolle eine neue Sichtweise auf eine Gruppe von Menschen in den städtischen Parks eröffnen. In letzter Zeit ist vor allem der Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg aufgrund des dort florierenden Drogenhandels immer wieder in die Schlagzeilen geraten.

    Keine politische Dimension: „Künstlerische Einzelposition“

    „Das Thema ist im Bezirk virulent, und wir hielten es für richtig und für wichtig, eine Plattform zu bieten zum Austausch zu diesem Thema“, sagte die Kulturamtsleiterin weiter. „Wir haben einen Künstler dazu hier, mit künstlerischen Positionen. Es ist eine künstlerische, keine gesellschaftspolitische Ausstellung. Das ist ganz wichtig zu differenzieren. Es geht nicht um Political Correctness. Sondern es geht um eine künstlerische Einzelposition, die für uns eine gute Basis bildet, um in den Diskurs einzutreten.“

    Beide Organisatorinnen betonten, dass das Museum und der Bezirk „nichts künstlerisch zum Ausdruck bringen“. Sondern: „Das tut Scott Holmquist als eingeladener Künstler“. Das sei eine wichtige Unterscheidung. Sein Ziel sei es, ein „Spiel mit Perspektiven“ zu schaffen: „Perspektiven auf Personen, die wir sehen, die wir erleben als Dealer im Park. Er rückt unseren Blick auf ihren Herkunftsort, auf ihre Herkunftssprache durch die Texte. Es sind Menschen mit ganz konkreten Biographien aus ganz konkreten Orten.“ Diese Personen seien nicht nur in der einen Rolle als Drogendealer zu sehen, sondern sie hätten mehrere soziale Zuschreibungen, so Schürrle.

    „Unter dem Schutzmantel der Kunst werden Straftäter glorifiziert“

    „Ich halte diese Aussage für eine Schutzbehauptung“, sagte der Berliner Innenpolitiker Karsten Woldeit (AfD) gegenüber Sputnik. „Unter dem Schutzmantel der Kunst werden hier Straftäter heroisiert, also als Helden dargestellt. Ich sehe in der Ausstellung eine Heroisierung von Straftätern.“ Drogenhandel sei kein Kavaliersdelikt. „Die Veranstalter sprechen von Perspektivwechsel: Doch wie will man eine neue Perspektive auf Straftäter herstellen? Da gibt es für mich keinen anderen Blickwinkel.“ Zuvor hatte der Berliner Kommunalpolitiker Timur Hussein vom CDU-Kreisverband Friedrichshain-Kreuzberg gegenüber Berliner Medien davon gesprochen, dass „diese Ausstellung ein Schlag ins Gesicht der Opfer der Drogendealer“ sei.

    Die Pressestelle der Berliner Polizei wollte auf Sputnik-Anfrage keinen Kommentar zu der Ausstellung geben. Kulturamtsleiterin Schürrle kündigte an, der Bezirk wolle weiterhin „Künstler einladen, und wir werden sie auch weiterhin nicht zensieren. Das ist nicht unsere Aufgabe.“

    • Die Ausstellung „Andere Heimaten: Herkunft und Migrationsrouten von Drogenverkäufern in Berliner Parks“
      Die Ausstellung „Andere Heimaten: Herkunft und Migrationsrouten von Drogenverkäufern in Berliner Parks“
      © Sputnik/ Alexander Boos
    • Die Ausstellung „Andere Heimaten: Herkunft und Migrationsrouten von Drogenverkäufern in Berliner Parks“
      Die Ausstellung „Andere Heimaten: Herkunft und Migrationsrouten von Drogenverkäufern in Berliner Parks“
      © Sputnik/ Alexander Boos
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    © Sputnik/ Alexander Boos
    Die Ausstellung „Andere Heimaten: Herkunft und Migrationsrouten von Drogenverkäufern in Berliner Parks“

    Besucherin: „Mir fehlt politischer Ansatz“

    Eine junge Besucherin sei aus einem bestimmten Grund dorthin gekommen: Der Görlitzer Park sei ihr „Lebensmittelpunkt, einfach weil ich in der Ecke wohne und auch arbeite. Und der Park war ja momentan häufiger in der Presse.“ Sie betonte, dass nicht nur Afrikaner vom Drogendealer-Vorurteil betroffen seien, sondern auch Syrer, Palästinenser und andere Flüchtlinge.

    „Ich finde die Ausstellung super“, sagte sie weiter. „Ich hoffe, dass man die Vorschläge, die Figuren auch außerhalb dieses Raums auszustellen, irgendwie umsetzen und realisieren kann“, etwa im Görlitzer Park oder im Viktoriapark. Zugleich vermisste sie eine politische Dimension: „Ich hätte mir ein bisschen mehr politische Ansätze gewünscht: Was fordert die Ausstellung von der Politik?“ Bisher sei ihr das noch nicht klar geworden.

    Die Ausstellung: „Andere Heimaten: Herkunft und Migrationsrouten von Drogenverkäufern in Berliner Parks“ ist noch bis zum 14. Januar 2018 im „FHXB“ Museum in Friedrichshain-Kreuzberg in der Adalbertstraße 95A, 10999 Berlin-Kreuzberg zu sehen. Interessierte können im Internet die Website zur Ausstellung besuchen.

    Alexander Boos

    Das Doppel-Interview mit den Organisatorinnen der Ausstellung Ulrike Treziak und Bärbel Schürrle zum Nachhören:

    Interviews mit Ausstellungs-Besuchern zum Nachhören:

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    Tags:
    Ausstellung, Drogen, Partei Alternative für Deutschland (AfD), Deutschland
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