06:06 17 November 2019
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    Apokalypse heute: Wie der Westen seine Kirchen zweckentfremdet

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    Gesellschaft
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    Was soll man mit einer Kirche tun, in die keine Gläubigen mehr gehen? In einer rationellen westlichen Gesellschaft ist die Antwort auf diese Frage offensichtlich – die Kirche muss zweckentfremdet werden und Einnahmen bringen. So wurde eine leer stehende Kirche in ein Nachtklub verwandelt.

    Über das zweite Leben westlicher Kirchen schreibt Maria Schustrowa in diesem Artikel.

    So etwas gab es selbst in der Sowjetunion nicht

    Der Westen ist von einer „apokalyptischen Realität“ bedroht, sagte Patriarch Kirill von Moskau und ganz Russland dem Vorsteher der Church of England, Erzbischof von Canterbury Justin Portal Welby, vor einigen Tagen.

    „Was wir heute in den westlichen Ländern sehen, ist viel schrecklicher als das, was mit der Religion in der Sowjetunion war. Es kommt zur Gottesleugnung. Gott wird aus dem menschlichen Leben vertrieben. Es wird das Gottesgesetz ignoriert. Besonders zerstörerisch ist, dass dieses Ignorieren in Form eines staatlichen Gesetzes gehüllt wird. Falls Menschen gezwungen werden, Sünde zu begehen, treten wir in eine apokalyptische Realität ein“, sagte Patriarch Kirill.

    Statistischen Angaben zufolge sinkt die Zahl der Kirchengänger der Church of England kontinuierlich – nur 1,4 Prozent der Bevölkerung bleiben ihr treu. Der Erzbischof gab zu verstehen, dass er der „antichristlichen Kultur“ Widerstand leisten müsse. Besonders auffallend sei die Gottesleugnung unter der Jugend – drei von vier Menschen im Alter von 18 bis 24 Jahren würden behaupten, dass sie nicht an Gott glaubten.

    Bittere Statistik

    Ein ähnliches Schicksal erwartet auch andere christliche Konfessionen im Westen. Da die Aufrechterhaltung der Kirchen teuer ist, werden Kirchen in ganz Europa massiv geschlossen oder sie werden für kommerzielle Projekten gekauft.

    Nach Angaben der protestantischen Zeitung „Evangelical Focus“ muss die Church of England jedes Jahr rund 20 Kirchen schließen. In Dänemark sind fast 200 Kirchen heute verlassen bzw. werden fast nicht besucht. Auch die Katholische Kirche in Deutschland gibt ihre Positionen auf. In den letzten Jahren wurden mehr als 500 Kirchen geschlossen. Doch am schlimmsten sieht die Situation in den Niederlanden aus, wo die Katholiken in der nächsten Zeit zwei Drittel ihrer 1600 Kirchen und die Protestanten – rund 700 Kirchen verlieren können.

    Theke im Altar

    Allerdings lassen findige Menschen die Kirchen nicht leer stehen. Gibt es in Magdeburg keine Lutheraner mehr? Kein Problem! Die Unternehmerin Katrin Rieffenberg kaufte eine leere Kirche und eröffnete dort ein Restaurant. An die frühere Zweckbestimmung der Kirche erinnert nur noch ihre Bezeichnung „Die Kirche“. Im Altar befindet sich jetzt die Theke, an Stelle der Kirchenbänke  stehen nun Tische. Von der Innenausstattung ist nur eine vergoldete Engel-Statue geblieben.

    Restaurant „Die Kirche“ im Gebäude einer ehemaligen lutherischen Kirche
    Restaurant „Die Kirche“ im Gebäude einer ehemaligen lutherischen Kirche

    Katholischer Skateboard

    Die katholische Kirche im niederländischen Arnhem hat beinahe die Hoffnung aufgegeben, die Gläubigen heranzuziehen und übergab die St.Joseph-Kirche an Skateboarder. Sie rollten einige Jahre lang zwischen einst hervorragenden  Christ- und Engel-Statuen. Doch Anfang Oktober musste die Rampe geschlossen werden, weil sich das Gebäude in einem baufälligen Zustand befindet.

    Skateboarder erzählten, dass in die Kirche manchmal ältere Menschen gehen und sich darüber empören würden, dass sie nicht entsprechend ihrer Zweckbestimmung genutzt werde. Doch die Jugend sagte daraufhin, dass sie auch früher nicht in die Kirche gegangen sei.

    Herzlich willkommen im Zirkus

    Im britischen Bristol wurde die St.Paul‘s Church verlassen. Doch das Gebäude blieb nicht lange leer – bald entstand hier die Zirkusschule Circomedia. Jetzt üben sie ihre Kunststücke direkt unter dem Kirchdach. Wie es auf der Webseite von Circomedia heißt, werden hier manchmal auch Vorstellungen organisiert.

    Wollen wir sündigen?

    Die Schotten gingen noch weiter. In Edinburgh stand eine lutherische Kirche leer, in der dannn ein Nachtklub und ein Pub eröffnet wurden. Über den Namen wurde wohl nicht lange nachgedacht – „Sin“ (Sünde). Im Fenster über der Tür hängt nun ein Plakat mit einem gefallenen Engel.

    Im britischen Bedford stand die St. Luke‘s Church leer. Jetzt befindet sich dort ein Theater. Auf der Webseite steht geschrieben, dass das Kirchengebäude zu einem einen Saal für 282 Zuschauer, einem Studio mit 50 Plätzen und einer großen Bar umgebaut wurde.

    Kloster mit drei Sternen

    In Pittsburgh stand ein komplettes Benediktiner-Kloster leer. Nun ist hier das Hotel Priory untergebracht. Allerdings kann das Hotel kaum als luxuriös bezeichnet werden – es ist ein 3-Sterne-Hotel.

    The Priory Hotel Prioriy Hotel im Gebäude des ehemaligen Klosters
    The Priory Hotel Prioriy Hotel im Gebäude des ehemaligen Klosters

    Keine Horror-Geschichte

    „Das ist eine Tragödie für den Westen, die sich vor unseren Augen vollzieht. Diese Tragödie des Abweichens vom Glauben, von Werten, die unsere ganze europäische Kultur im breiten Sinne bildeten. Wir können das nicht ohne Schmerzen beobachten. Wir können nicht schweigen, wenn wir sehen, wie ein Teil unserer Welt, der immer der Träger des christlichen Geistes und dieser Weltanschauung war, nun selbst vom Glauben an Gott abwich und künstlich untypische Werte beibringt, ohne die man sicher auskommen kann“, sagte der Sprecher des Patriarchen, Alexander Wolkow.

    Ihm zufolge macht Patriarch Kirill als Mensch europäischer Kultur gerade alle darauf aufmerksam, was jetzt vor sich geht. „Das ist eine Tragödie nicht nur für konkrete Länder, sondern auch für die ganze heutige Welt. Falls wir das nicht stoppen, riskieren wir, in einen Abgrund abzurutschen, aus dem man nicht zurückkehren kann. Das sind keine Horror-Geschichten, sondern eine für jeden Christen klare Realität“, so Wolkow.

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    Tags:
    Religion, Bevölkerung, Katholische Kirche, Russisch-orthodoxe Kirche, Großbritannien, Russland