16:11 11 Dezember 2017
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    der Psychoanalytiker Eugen Drewermann

    "Arroganz und Herabregieren" – Eugen Drewermanns dringende Systemkritik – EXKLUSIV

    © Foto: Lucas Wirl
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    Er gilt als das "Gewissen der Republik": der Psychoanalytiker und Autor Eugen Drewermann. Nach dem Erstarken der AfD und geplatzten Sondierungsgesprächen spricht der 77-Jährige nun von "Arroganz" und "Herabregieren" der führenden Politiker des Landes. Ebenso beschreibt er die Gefahren der Rüstungspolitik und das Versagen vieler deutscher Medien.

    Herr Drewermann, Außen- und Rüstungspolitik waren kaum ein Thema in den gescheiterten Sondierungsgesprächen. Sie selbst sind seit vielen Jahren ein großer Kritiker der Bundesregierung, was das Thema Militär angeht. Was muss eine neue Regierung aus Ihrer Sicht dringend ändern?

    Mir hat es sehr leidgetan, dass genau diese Themen – Rüstung, Waffenexporte, Kriegseinsätze – im Wahlkampf so gut wie gar keine Rolle gespielt haben. Auch bei den Jamaika-Sondierungen war dies kaum vertreten. Die einzige Partei, die dafür geradestehen würde, das wäre die Linke, und die ist in jeder Form gemieden worden. Sogar von der SPD, der es heute wahrscheinlich leidtun wird. An dieser Stelle rächt sich ein wirklich großes Versäumnis.

    Aber ein Großteil unserer Medien blendet eine kritische Berichterstattung zu der weiteren Militarisierung der EU und besonders zu der deutschen Außenpolitik systematisch aus. Und deshalb ist die Bevölkerung kaum an einer sachtragenden Debatte zu dem Thema interessiert. Stattdessen wurde der Anti-Terror-Horror bis zur Phobie gesteigert, und damit begründet man alles Mögliche: Die permanenten internationalen Drohnen-Morde, die ständigen Kampfeinsätze gegen Staaten, die uns überhaupt nicht bedrohen. Es ist eine traurige Situation, weil all das nicht im Fokus der Aufmerksamkeit steht.

    Sie haben einmal gesagt: „Terror ist der Krieg der Schwachen, aber Krieg ist der Terror der Starken“. Dieser Satz ging vor allem in Richtung USA-Politik. Deutschland sollte Kooperationen mit Washington also grundlegend überdenken?

    Nicht nur überdenken. Wir müssten sie an vielen Stellen längst schon aufgekündigt haben. Dazu zählt die Lagerung von US-Atomwaffen auf deutschem Boden. Die Amerikaner rüsten jetzt sogar ihre Atomwaffen zur Modernisierung weiter auf. Sie bauen ein Raketenschutzschild an der Westgrenze Russlands, damit sie die atomare Erstschlags-Kapazität zurückgewinnen. Das alles ist sehr gefährlich, und wir Deutschen sollten uns weigern, da noch mitzuspielen.

    Ein anderes Thema: Sämtliche US-Drohneneinsätze werden von Langley im US-Bundesstaat Virginia aus über Ramstein nahe Kaiserslautern gesteuert. Da sind wir sogar die Drehscheibe im sogenannten Anti-Terror-Krieg, wir sind am illegalen Morden an jeder internationalen Gesetzgebung vorbei beteiligt – nach dem Recht des „Wilden Westens“ der USA. Auch dafür sollten wir nicht zuständig sein. Wir sollten unsere sogenannten transatlantischen Freunde endlich darauf hinweisen, dass die Großmacht-Allüren die Welt nicht friedlicher machen, sondern einen Streit nach dem anderen vom Zaun brechen.

    Die USA haben seit 2001 sieben islamische Staaten bombardiert. Und das alles spielt keine Rolle in der Politik, in den Zeitungen, in den Verlautbarungen. Wir sind aber mit involviert, wir sind mitschuldig. Wir müssen von dieser Politik endlich Abschied nehmen. Wir Deutsche hätten allen Grund, mit Macht auf die Bremse zu treten und alte Fehler zu bereinigen.

    Macht es für Sie eigentlich einen Unterschied, welcher Präsident gerade im Weißen Haus in Washington das Sagen hat?

    Nein. Ich glaube, man personalisiert und psychologisiert zu viel. Trump setzt mit den Drohnen-Morden nur das fort, was im großen Stil von Friedensnobelpreisträger Obama vorbereitet wurde. Die Durchsetzung von amerikanischen Positionen als Nummer eins auf der Welt ist von den Neokonservativen und den Neoliberalen in Politik und Wirtschaft die ganze Zeit verfolgt worden. Trump macht in gewissem Sinne eine weniger diplomatische und stärker auf den Egoismus der USA ausgerichtete Politik.

    Aber auch das ist nicht wirklich neu, es wurde nur so verkauft. Wenn man sich die ehemalige US-Außenministerin Hillary Clinton in ihrer Amtszeit anhört, mit ihrer Assad-muss-weg-Politik, das hat inzwischen ein paar hunderttausend Menschen das Leben gekostet. Das war überhaupt nicht vorsichtig, im Gegenteil. So kann man es nicht machen und so darf man es nicht machen.  

    Bundeskanzlerin Merkel will auch weiterhin an den Sanktionen gegen Russland festhalten, ebenso wie die USA. Immer wieder wird in Deutschland in Politik und Medien Stimmung gegen Moskau gemacht. Wie nehmen Sie das wahr?

    Wir müssen ein paar Vergleiche anstellen: Russland gibt pro Jahr 80 Milliarden für die Rüstung aus. Das ist entsetzlich viel. Die Vereinigten Staaten von Amerika geben aber über 650 Milliarden aus. Hinzu kommen über 300 Milliarden Rüstungsgelder von der Nato. Wer hat da Grund, sich vor wem zu fürchten? Die US-Amerikaner unterhalten weltweit über 600 Militärbasen, Russland hat eine einzige Basis, in Syrien. Es ist ein solches Ungleichgewicht in der Verteilung der Machtoptionen, dass wir in der Frage viel mehr Angst vor den USA als vor Russland haben müssen.

    Vorgeworfen wird Putin auch die sogenannte Annexion der Krim. Wir müssen bedenken, dass die Ukraine länger zu Russland gehörte, als es die Vereinigten Staaten von Amerika überhaupt gibt. Und niemand hat damit gerechten, dass sich die Ukraine mit dem Zusammenbruch des Sowjet-Imperiums verselbständigen würde. Der Westen hat in der Farbrevolution die Antithesen systematisch geschürt: Die kulturelle Zerrissenheit der Ukraine, zwischen Orthodoxie und römischem Katholizismus, zwischen der Industrie im Donbass und Kiew, systematisch aufgebaut, um diesen Zerfall herbeizuführen.

    Die USA möchten die Ukraine in das westliche Bündnissystem hineinlocken, denn sie glauben, Russland sei ohne die Ukraine nicht lebensfähig. Aber das ist absurd. Zwischen Moskau und Wladiwostok ist eine ungeheure Reserve an Rohstoffen. Es ist nicht möglich, Russland kaputtzurüsten, mit einer Embargo-Politik zu belegen und dann in die Knie zu zwingen. Wer das glaubt, ist wirklich nicht bei Trost.

    Fürchten müssen wir nicht Putin, sondern diese amerikanische Politik, die inzwischen in Mittelasien an der Südgrenze Russlands auf dem Vormarsch ist – Kirgistan, Kasachstan, Usbekistan, Afghanistan – an der Westgrenze Russlands ebenso wie im Baltikum und in Polen. Es werden Nato-Manöver in der Ostsee abgehalten, es wird mit Militärmanövern im Schwarzen Meer gedroht. Alles das destabilisiert die Welt, bringt sie nicht dem Frieden näher, sondern ganz gefährlich dem Krieg. Und dagegen müssten wir Einspruch erheben.

    Nun stehen in Deutschland sehr wahrscheinlich Neuwahlen an. Welche Chance könnte dies auch für die Friedenspolitik unseres Landes sein?

    Ich fürchte, dass das wieder von oberflächlichen Alltagsfragen überspielt wird: Was zieht Frau Merkel an, wo tritt sie im Wahlkampf auf. Ein großer Teil der Presse ist auf diese Oberflächlichkeiten konzentriert. Dass wirklich über einen Wandel des Politikstils nachgedacht wird, war, so lang ich mich erinnern kann, in Deutschland kaum zu spüren. Aktuell geht es nur um Sicherheit vor einem drohenden Terrorismus. Ich fürchte, das wird auch weiter die Thematik bilden.

    Außer, man könnte einmal auf die linken Programme schauen: Soziale Gerechtigkeit, Fairness am Arbeitsplatz, eine Politik der möglichen Alterssicherung. Was wird mit den Kindern in den Kitas? Was wird aus ungefähr 15 Millionen Menschen hierzulande, die mit ihren Familien auf Hartz-IV-Niveau leben? Was wird aus der sinnlosen Vergeudung von Ressourcen in immer neuen Kampfeinsätzen? Afghanistan beispielsweise hat seit 2001 rund 16 Jahre Krieg. Wir müssen von der Vorstellung runterkommen, wir würden aus humanitären Gründen Kriege führen.

    Das ist nie passiert. Und das ist auch ganz unmöglich, weil jeder Krieg die Inhumanität in Methode und Durchführung darstellt. Wenn das mal zum Thema würde, ginge eine meiner Hoffnungen in Erfüllung. Aber ob ich die Hoffnung wirklich realistischerweise haben kann? Man sagt, die Hoffnung stirbt zuletzt – warten wir es ab.     

    Neben der Linkspartei war zuletzt vor der Wahl auch die SPD damit aufgefallen, dass sie den Abzug von US-Atomwaffen von deutschem Boden forderte. Was glauben Sie, war das nur dem Wahlkampf geschuldet?

    Nein, das glaube ich diesmal nicht. Paradoxerweise war einer, der das schon einmal verlangt hat, Guido Westerwelle von der FDP. Das war eine seiner ersten Maßnahmen als Außenminister. Das wurde aber sofort von Frau Merkel ausgebremst. Jeder amerikanische Krieg ist ihr vollkommen fremd. Selbst wenn die NSA ihr Handy abhört, dann murmelt sie, dass das unter Freunden nicht ginge, aber sie bleiben Freunde und machen so weiter.

    Der Abzug von Atomwaffen aus Deutschland wäre dringend notwendig. Man muss sich nur noch einmal daran erinnern, wie zu Zeiten von US-Präsident Ronald Reagan die Friedensbewegung zu Hunderttausenden aus Protest gegen Aufrüstung auf die Straße ging. Da hatte man die Vorstellung, dass ein Atomkrieg im Wesentlichen auf europäischem Boden ausgetragen werden würde. Das machte Angst und mobilisierte zum Widerstand. Diese Angst ist völlig eingeschlafen. Es ist umgekehrt: Die Angst vor dem sogenannten Terrorismus begünstigt heute die Militarisierung der Außenpolitik. Und sie wirkt gegen die Friedensbemühungen.  

    Heißt das, es bestünde unter einer Regierungskoalition zwischen SPD und Linke die kleine Chance für eine friedliche Außenpolitik?

    Es ist mir bis heute nicht klar, warum die Linke von der SPD abgelehnt wird. Man hat die SPD stets als eine bürgerliche Partei definieren wollen, und alle wirklichen Änderungen in der Substanz wurden als zu radikal abgelehnt. Speziell in Deutschland war die Spaltung zwischen KPD und SPD, oder SED und SPD, eine der tragischen Entscheidungen, die bis heute nicht korrigiert worden sind. Links gehört eigentlich zusammen und sollte sich nicht an vordergründigen Gegensätzen spalten.

    Das hat Oskar Lafontaine damals klar gesehen. Er hat auch gesehen, was Militarisierung bedeutet. Ebenso, was die unglaubliche Durchmarschpolitik nach Öffnung der Grenzen in den neuen Bundesländern bedeuten würde. Er hat das klar beschrieben, wurde aber von Gerhard Schröder rausgedrängt. Und die SPD hat ihm nie vergeben, dass er in einer anderen Partei einfach weitergewirkt hat. Da müsste man vieles wiedergutmachen. Der Mann der Zusammenarbeit zwischen Linkspartei und SPD wäre kein anderer als Oskar Lafontaine. Martin Schulz ganz sicher nicht. 

    In Zeiten von geplatzten Sondierungsgesprächen, Politikverdrossenheit und einer starken AfD: Wie steht es eigentlich um die Demokratie in Deutschland?

    Ich sehe in der AfD keine Anti-Demokratie-Partei, aber ein Sammelbecken von zutiefst Enttäuschten. Und dass die AfD ausgerechnet in den neuen Bundesländern so aktiv ist, hat ohne Zweifel Ursachen in der Vergangenheit. Nach 1989 mussten viele dort miterleben, dass ihr Arbeitsplatz verlorenging. Die Universitäten wurden neubesetzt, ebenso die Verwaltungsstellen. Man hat Hunderttausenden gesagt: Ihr habt eine großartige Chance, der Kapitalismus gibt euch Arbeitsplätze, er macht Aufschwung möglich, er sorgt am Ende für soziale Gerechtigkeit – aber ihr müsst umschulen und fleißig sein.

    Die Leute haben dann zwei oder drei Umschulungen gemacht, aber es ist kein Arbeitsplatz gekommen. Jetzt merken sie, dass sie keinerlei Aussicht auf ihre Rente haben. Natürlich macht sie das wütend. Natürlich fühlen sie sich betrogen, und zwar von denen, die noch immer meinen, sie könnten so weitermachen. Man hätte nach 1989 einfach mal zuhören müssen, was die Erfahrungen der Leute in den neuen Bundesländern sind. Die haben ohne Zweifel in der Nachkriegszeit und in all den Jahrzehnten viel tieferes Leid durchgemacht, als wir im Westen. Wie haben die sich auseinandergesetzt mit dem diktatorischen, aber irgendwo auch faszinierenden DDR-Ideal der weltweiten Gerechtigkeitsordnung? An was für Ideale haben die überhaupt geglaubt? Und wie können wir da anknüpfen und von ihnen lernen?

    All das hatte viel Reibung zur Folge und viel Arroganz der Politik. Es wurde so viel von oben herabregiert. Schon damals war die Rede von den "Besserwessis". Es rächt sich, Arroganz über einen langen Zeitraum – von jetzt schon mehr als 25 Jahren – zur Selbstverständlichkeit zu erheben. Ich halte die AfD in weiten Teilen für die Quittung dafür.

    Marcel Joppa

    Das komplette Interview zum Nachhören:

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    Tags:
    Interview, Regierung, Partei Alternative für Deutschland (AfD), USA, Ukraine, Deutschland
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