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    Neonazis, Marsch (Symbol)

    „Ein russisches Lächeln änderte mein Weltbild“ – Darum verließ Nazi-Frau rechte Szene

    © REUTERS / Christian Mang
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    Heidi Benneckenstein (25) stammt aus einer Familie von überzeugten Neonazis. Sie wurde völkisch erzogen. Ihre Kindheit war geprägt von Nazi-Propaganda und Ferienlagern, wo Kinder militärisch gedrillt wurden. Im Admiralspalast in Berlin stellte die Aussteigerin jetzt ihr neues Buch vor: „Mein Leben in einer Neonazi-Familie“. Sputnik war vor Ort.

    „Nach außen hin waren wir eine normale Familie“, sagte die Autorin am Mittwochabend bei ihrer Buchvorstellung im Gespräch mit Moderatorin Britta Gansebohm. Doch hinter der Fassade hätte sich der Abgrund des Nationalsozialismus (NS) gezeigt: „Bei uns daheim stand sehr viel Literatur über den Nationalsozialismus: Bücher aus einschlägigen rechten Verlagen, Bücher über germanisches Brauchtum, über den Zweiten Weltkrieg, über NS-Größen, über Rudolf Heß zum Beispiel.“

    Heidi Benneckenstein wuchs nahe München auf. Ihr Vater war Zollbeamter – und überzeugter Neonazi. Er leugnete den Holocaust und schickte seine Tochter in Zeltlager rechtsextremer Organisationen. Er befahl ihr, in der Schule die Lehrer und das Bildungssystem generell in Frage zu stellen. „Zum Beispiel den Holocaust anzuzweifeln. Außerdem wird Kindern in Nazi-Familien von Anfang an suggeriert, dass die Lehrer umerzogen sind und Blödsinn erzählen. Genau das hat mein Vater auch bei uns gemacht.“ Die Lehrer wären nämlich Teil des „Systems“.

    „Das System“: Aus Nazi-Sicht

    „Das System ist der Staat“, erklärte sie. „Der möchte, dass wir alle die große Lüge nicht erkennen: Die große jüdische und US-amerikanische Weltverschwörung. Der Staat hat das Ziel, dass wir alle jüdischen und amerikanischen Einflüssen ausgesetzt sind. So wurde uns das als Kind erzählt.“ Ihre Großmutter väterlicherseits sei Mitglied in der NS-Jugend-Organisation „Bund Deutscher Mädel“ (BDM) gewesen. „Sie war ein sehr antisemitischer Mensch“, berichtete die Autorin. „Sehr rassistisch. Sie hat das meinem Vater auch so weitergegeben, hat immer wieder verklärt von ihrer BDM-Zeit erzählt: wie toll die Gemeinschaft war, wie toll die Uniformen waren, was sie alles gemacht haben. Sie war sehr stolz darauf.“

    Ihre Oma habe sie mit Erzählungen über den Krieg traumatisiert. „Ich hatte große Angst vor einem Krieg. Nachdem so viele Bücher über den Zweiten Weltkrieg bei uns im Regal standen, wusste ich auch genau, wie Krieg aussieht. Meine Eltern hatten sogar im Keller Kriegsvorräte angelegt.“

    Nazi-Pfadfingerlager: „Verbotene Lieder singen“

    Im Admiralspalast las Moderatorin Britta Gansebohm, die auch den Berliner „Literarischen Salon“ leitet, einige Passagen aus dem Buch. Sie sollten zeigen, wie die kleine Heidi in völkisch-national ausgerichteten Ferienlagern indoktriniert wurde: „Sobald mein Vater mich für alt genug hielt, wurde ich auf konspirative Ferienlager geschickt, die vom ‚Bund Heimattreuer Jugend‘ (BHJ) oder der ‚Heimattreuen Deutschen Jugend‘ (HDJ) ausgerichtet wurden. Auf den ersten Blick waren die Lager wie Pfadfindertreffen organisiert. Tatsächlich ging es aber um eine paramilitärische Ausbildung von Kindern, die teils mit enormen körperlichen Strapazen verbunden war. Wir Kinder trafen uns zu Sonnenwendfeiern, wir saßen am Lagerfeuer, sangen verbotene NS-Lieder, marschierten kilometerweit durch Wälder und sprachen uns mit ‚Kamerad‘ und ‚Heil Dir‘ an. Wir waren permanent sadistischen Schikanen ausgesetzt. Zum Fahnenappell mussten wir auch bei eisiger Kälte 30 Minuten lang strammstehen. Jeder unserer Schritte wurde überwacht und kontrolliert. Es herrschte militärische Härte und Disziplin.“ In solchen Lagern wurden laut Benneckenstein viele bekannte Neonazis ausgebildet – darunter der Liedermacher Frank Rennicke, den die NPD im Jahre 2009 ins Rennen um das Bundespräsidentenamt schickte.

    „Die Eltern der HDJ-Kinder waren keine armen Leute oder Kleinbürger“, verriet die Buchautorin. „Viele waren angesehene Akademiker aus der oberen Einkommensschicht und Bildungsschicht: Intellektuelle, Professoren, Zahnärzte. Also fanatische Erwachsene. Wenn ich mir das heute anschaue, kann ich nicht fassen, wie man seine Kinder bei so einem Verein anmelden kann.“ 2009 verbot der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) die HDJ, ein Jahr später wurde das Verbot durch das Bundesverwaltungsgericht bestätigt. In der Begründung hieß es: Die HDJ habe Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus, insbesondere mit der frühen HJ, sie sei der Blut-und-Boden-Ideologie und der Rassenlehre der Nationalsozialisten verhaftet und verbreite antisemitische Thesen.

    Heidis Wandel begann in Russland

    Ihr Vater habe dann in den 1990er Jahren mit Freunden, darunter einem großen Verleger in der Neonazi-Szene, mit Hilfe von Spenden ein Dorf für Russlanddeutsche aufgebaut. Das Dorf befand sich im russischen Oblast Kaliningrad (früher: Königsberg). Sie erinnerte sich: „Es war sehr schön für mich dort. Wir konnten uns da sehr frei bewegen.“ Dort gab es eine Situation, die den ersten Anstoß für ihren späteren Gesinnungswandel einläutete:

    „Ich weiß noch, dass ich immer wahnsinnige Angst vor den Russen hatte – sie waren schließlich unser Feindbild. Und dann saß da plötzlich bei Kaliningrad ein russischer Mann auf den Stufen einer Kirche. Er hatte ein Blechbein, war vermutlich ein Kriegsversehrter. Ich schaute ihn neugierig an, weil ich so etwas aus Deutschland nicht kannte – und dann hat er mich angelächelt. Total nett, total lieb. Das hat, glaube ich, mein ganzes Weltbild ins Wanken gebracht.“ Ihr Neonazi-Weltbild sei seitdem nicht mehr stimmig gewesen. Der Weg zum Ausstieg war geebnet.

    Im Alter von 20 Jahren gelang ihr der Absprung. Nach einem Streit verließ sie das Elternhaus und lernte ihren späteren Ehemann kennen, einen nicht mehr restlos überzeugten Liedermacher aus der rechten Szene. Beide durchliefen dann ein Aussteiger-Programm über die Organisation „EXIT“, die Aussteigewilligen aus der rechtsextremen Szene hilft. Heute leitet sie mit ihrem Mann die „Aussteigerhilfe Bayern“, eine Organisation, die in „EXIT“ integriert ist. Mit ihrem Buch will sie „aufrütteln“ und auf „Gefahren durch völkisches Gedankengut“ hinweisen. Aktuell arbeitet sie als Kinderpflegerin und informiert Eltern über die Gefahren der rechten Szene.

    Heidi Benneckenstein: „Ein deutsches Mädchen. Mein Leben in einer Neonazi-Familie“, Klett-Cotta Verlag: Tropen Sachbuch, Verlag, 252 Seiten, 3. Auflage Oktober 2017

    Alexander Boos

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